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Grimma Die Lange Straße in Grimma krankt: Ein Viertel der Läden steht leer
Region Grimma Die Lange Straße in Grimma krankt: Ein Viertel der Läden steht leer
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00:21 17.11.2017
Die Lange Straße in Grimma leidet unter hohem Leerstand: Jedes vierte Geschäft ist verwaist . Quelle: Foto: Thomas Kube
Grimma

Mit jederzeit 24 Sorten italienischen Eises lockte das Eiscafé Piccolo die Naschkatzen ins Haus. Vorbei. Das Lokal ist geschlossen, der Laden zu vermieten. Per Handynummer am kahlen Schaufenster wird ein Nachmieter gesucht. Die Süßen Spezialitäten – verschwunden. Das Miamari – geschlossen. Das Kinderparadies – verriegelt. Die Hörakustik – umgezogen. Die Lange Straße in Grimma krankt. Ein Viertel der Läden in der Einkaufsmeile stehen derzeit leer, überall finden sich dort Schilder mit Telefonnummern oder Botschaften wie „Plakate ankleben verboten“. Vor allem im südlichen Teil der Straße, hin zur Frauenkirche, reiht sich ein totes Fenster ans andere. Hier sticht auch ein kleiner Zettel ins Auge: „Mein Geschäft bleibt altershalber geschlossen“, so die einstige Inhaber des Trikotagen-Ladens.

Kleine Verkaufsflächen schrecken ab

Ein Aspekt, den Achim Kuhl, Vizechef und Schatzmeister beim Gewerbeverein Grimma, nur allzugut kennt. „Der Einzelhandel in Grimma ist davon geprägt, dass der Eigentümer des Gebäudes unten seinen Laden hat“, weiß er. Das habe den Vorteil, dass auch bei geringer Kundenfrequenz die Kosten nicht über den Kopf wachsen. Doch inzwischen erreicht so mancher alteingesessener Einzelhändler in der Stadt das Rentenalter – und hat laut Kuhl keinen Nachfolger. Wie das ältere Ehepaar des Piccolo-Eiscafés. Und Ketten als potenzielle Nachmieter schrecken die geringen Verkaufsflächen ab. Neben Ernsting’s Family zählt die Lange Straße kaum welche. Nur spezielle Geschäfte könnten auf den kleinteiligen Ladenflächen existieren, bekräftigt Kuhl.

Der Vereinsvize nennt ein weiteres Problem: „Junge Leute wollen nicht das Risiko eines Einzelhandelsgeschäftes eingehen“ – oder können es nicht. „Welcher junge Mensch hat schon das Kapital, um einen Warenbestand hinzustellen“, fragt Kuhl. Bei den Banken blitzen sie jedenfalls ab. Und auch Händler-Kinder, die jahrelang mit ansahen, wie ihre Eltern den Rücken krumm machen, sind für eine Nachfolge nur schwer zu begeistern. Es gebe Beispiele in Grimma, so Kuhl, wo die Frau den Laden führt und der Partner mit einem anderen Beruf das Geld verdient.

Hinzu kommt das Kaufverhalten, das dem kleinen Händler in der City das Wasser abgräbt. „Der Käufer möchte viel sehen, ehe er sich entscheidet“, verdeutlicht Kuhl. Große Auswahl und kleine Preise suchen die Leute deshalb in den Warenhäusern – oder in Grimma auch bei Kik und Takko. Das Kinderparadies etwa habe Sortiment und Preise nicht darstellen können, meint Kuhl. Und zunehmend erweist sich der Internethandel als ernste Konkurrenz. „Der Händler in der Altstadt kann den Preis im Internet nicht unterbieten“, weiß Kuhl.

Händler brauchen eigene Internetportale

„Handel ist Wandel“, betont Gewerbevereinschefin Anke Rüssel und meint damit, dass die Ladeninhaber auf Herausforderungen reagieren müssen. Stadt und Verein „stecken den Kopf nicht in den Sand“, ergänzt ihr Stellvertreter. Kuhl verweist auf die von der Stadt organisierten Märkte und auf die drei Highlights des Vereins – Autofrühling, Stadtfest und Halloween. Damit würden Menschen in die Altstadt gelockt und sähen auch die Einkaufsmöglichkeiten. Und wie die Kommune setzt auch der Gewerbeverein auf die künftige „Hantel“ – also den neuen Rewe auf der einen und einen modernisierten Aldi auf der anderen Seite der Innenstadt. Der Händler müsse aber handeln und sich überlegen, wie er von den möglichen Kundenströmen profitieren kann“, sagt Kuhl. Wer sich wie das „Go in“ mit seinen Jeans auf ein bestimmtes Label konzentriere und sein Sortiment auf Kundenwünsche anpasse, habe eine Chance. Die Händler bräuchten auch eigene und bessere Internetportale, ist die Vereinsspitze zudem überzeugt. So kursiere im Verein die Idee eines großen Portals für alle. „Der Einzelhandel muss die Digitalisierung nutzen“, bekräftigt Kuhl, der auch das Flair der Langen Straße bemängelt.

Zwar zieht die Lange Straße auch neue Mieter an. So macht am 1. Dezember ein Dampfstore für Elektrozigaretten auf. Doch ein Bestattungshaus statt Pralinenladen sorgt nicht gerade für Einkaufsfeeling. Die Situation in der Straße „macht uns Sorgen“, sagt auch Oberbürgermeister Matthias Berger (parteilos) und führt für das Ladensterben ähnliche Gründe ins Feld wie der Gewerbeverein. Die Leute würden vergleichen und dann im Netz kaufen. „Nur wer hoch spezialisiert ist und auf das Besondere setzt, kann als klassisches Geschäft bestehen.“ Ein Problem sei zudem, dass im südlichen Bereich der Straße manche Anwohner ihre Ruhe und keinen Anlieferverkehr haben wollten, weiß er. Der Rathauschef hofft aber, dass mit Rewe und Aldi die Altstadt künftig mehr belebt wird: „Unsere Strategie sind die zwei Zentren, zwischen denen die Leute pendeln. Darum haben wir lange gekämpft.“

Gespräche mit Interessenten laufen

„Wir arbeiten intensiv am Thema Lange Straße“, sagt Grimmas Marktmeister Frank Schütz, seit April auch zuständig für die Altstadtförderung. Aldi soll seinen Worten zufolge so umgebaut werden, dass hin zur Straße neue Geschäftsräume entstehen, die flexibel zugeschnitten werden können. Dabei soll ein Café mit Freisitz Gestalt annehmen. Für Schütz ist der Ausbau der Gastronomie ein Rezept, damit die Straße eine Zukunft hat. Er sei mit verschiedenen Unternehmern im Gespräch, die Geschäftsräume suchen, so Schütz weiter. Etwa ein Bäcker und ein Eisverkäufer. Das Problem sei, dass deren Vorstellungen und die Raumgrößen nicht immer zusammen passen. Auch mit einem ortsansässiger Erzeuger von Geflügel und Eiern, der in Grimma einen Laden eröffnen möchte, ist der Marktmeister in Kontakt. Wiederbelebt werde die gerade geschlossene Videothek, sagt er. Hier werde künftig Brautmoden angeboten.

Zudem verfolgt Schütz eine kühne Idee, um dem Ladensterben vorzubeugen. Er will Händlern mit Hilfe von Fördergeld einen Laden auf Zeit anbieten. „So können sie testen, ob ihr Geschäftsmodell tragfähig ist.“ Derzeit sei er auf der Suche, ob für so ein Projekt Fördermittel zur Verfügung stehen. Auch an einer Datei leer stehender Läden wird gearbeitet, um schnell reagieren zu können, wenn ein potenzieller Händler auf der Matte steht. Aber Schütz weiß, dass die Wiederbelebung der toten Geschäfte schwer wird. Für die meisten Ketten und Franchise-Geber seien die Ladenflächen schlicht zu klein.

Von Frank Prenzel

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