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Grimma Die einzige in Grimma geborene noch lebende Jüdin erzählt von damals – und heute
Region Grimma Die einzige in Grimma geborene noch lebende Jüdin erzählt von damals – und heute
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05:00 02.09.2010
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. „Packt eure Sachen, wir müssen gehen", sagte der Vater. Zu heftig waren die Repressalien, welche die jüdische Familie erleiden musste. Ein paar Tage später wurde ein Container mit einigen Habseligkeiten aufs Schiff verladen. Israel lautete das Ziel. Dort lebt die mittlerweile 81-jährige Mirjam Zuberi bis heute. Die Anne-Frank-Ausstellung nahm sie als Anlass, ihre Geschichte in ihrer Geburtsstadt zu erzählen.

Viele Erinnerungen hat sie nicht mehr an die Zeit vor der Flucht. Wohl aber an ihre Ankunft in ihrer neuen Heimat. Und der Container steht auch noch immer im Garten, unter israelischer Sonne. „Den benutzten wir in Israel als Gartenlaube", sagt sie. Auch ein alter Schrank aus der Grimmaer Wohnung ist ihr noch geblieben. Wenn sie jetzt durch die Straßen wandelt, immer mit Ehemann Josef Zuberi an ihrer Seite, werden Erinnerungen wach. „Ja, ja, das kenne ich, da hinten ist meine Straße", sagt sie. „Meine Straße", sagt sie immer. Und zeigt auf die Brückenstraße. Ihr Vater hatte dort das Kaufhaus „Zur billigen Quelle". Erst im Nachhinein ist dieses bekannt geworden – durch ein Foto, das zwei SS-Männer vor dem Gebäude zeigt. „Kauft nicht bei den Juden" ist an die Fassade geschmiert.

„Vor allem meine Schwester Friedel hatte schwer damit zu kämpfen, plötzlich nicht mehr erwünscht zu sein. Sie war damals fünfzehn, ich fünf. Friedel konnte es nicht verstehen, warum sie nicht mehr ins Volkshaus gehen durfte." Dass sich eine Freundin, die Friedel besuchen wollte, über die Hinterhöfe an das Haus herangeschlichen hatte, habe ihr den Rest gegeben. „Wenn es dir peinlich ist, mich zu sehen, dann lass es ganz bleiben", habe sie wütend gerufen. Die Familie hätte deutsch gedacht, deutsch gesprochen, nur eben jüdisch geglaubt. Unvorstellbar war es für die Kschepitzkis, warum allein dadurch aus Freunden Fremde wurden. Auch in Israel wurden sie nicht gerade willkommen geheißen. „Kleine Hitlerin", musste sich die fünfjährige Maritta im Kindergarten anhören. „Wir konnten ja auch alle die Sprache nicht, mussten erst Ivrit, also neu-hebräisch lernen. Meine große Schwester und meine Eltern hatten es da noch viel schwerer. Friedel hatte in Deutschland einen Beruf, Pläne, Träume, die musste sie alle aufgeben und noch einmal ganz von vorne anfangen. In einem fremden Land, wo sie niemanden kennt und eigentlich zuerst gar nicht sein möchte", erzählt Mirjam Zuberi. Auch heute würde sich Schwester Friedel immer noch nicht ganz wohl in Israel fühlen. „Sie war ein deutsches Mädel, kannte Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Jetzt hat es fast immer um die 30 Grad. Es gibt kein buntes Laub, das im Oktober unter den Füßen raschelt. Das hat sie sehr geliebt." Nie würde die mittlerweile 90-jährige Friedel über die Zeit in Grimma und das NS-Regime sprechen. Denn mit dem Herzen sei sie in Israel nicht angekommen.

Trotzdem war es wohl der einzige Weg, um ein normales Leben führen zu können – und vor allem am Leben zu bleiben, meint Ron Gilo, der in Israel geboren ist und ebenfalls zur Zeit Gast in Grimma ist. Er setzte sich sehr dafür ein, mehr Wissen über dieses Land zu verbreiten und somit vor allem Vorurteilen entgegen zu wirken. „Israel ist immer etwas speziell. Fast jeder hat eine Meinung dazu, aber fast niemand kennt sich mit seiner Geschichte gut aus", sagt er. Für ihn sei Israel ein Paradebeispiel gelungener Integration. „Israel ist wie ein großer meltin‘ pot, wie ein Schmelztiegel, in dem sich alles zusammen mischt. Russen, Deutsche, Neuseeländer, von überall her kommen sie. Und sie verstehen sich", so Ron Gilo. Zwar habe man vor allem anfangs einige Fehler in Sachen Integrationspolitik gemacht, etwa, „dass man anfangs dachte, jetzt müsse man alle zusammentun und dann müssen lauter neue, also Isrealis herauskommen. Dann hat man gemerkt: Israel ist ein Mosaik. Und ergibt nur als Ganzes, mit all den verschiedenen Wurzeln seine Identität." Magdalena Fröhlich

Magdalena Fröhlich

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