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Doppelt so schön wie im Westen: Das Muldental hat gleich zwei Loreleyen

Sagenumwoben Doppelt so schön wie im Westen: Das Muldental hat gleich zwei Loreleyen

Auf 132 Meter erhebt sich die Loreley über dem Rhein. Der riesige Schieferfelsen bildet im Oberen Mittelrheintal in Rheinland-Pfalz eine markante Wegmarke und ist seit jeher sagenumwoben. Angeblich gibt es auch im Landkreis Leipzig eine Loreley. Nein, sogar zwei.

Was das Rheinland kann, das kann das Muldental schon lange: Hier reihen sich entlang der Mulde direkt zwei Loreleyen aneinander, nämlich in Oelschütz und Bahren.
 

Quelle: Haig Latchinian

Grimma/Wurzen.  Sie stammt aus Berlin, wohnt in Leipzig und verdient sich als junge Redakteurin ihre ersten Sporen im Landkreis Leipzig: Nathalie Rippich (28) kommt aus dem Staunen nicht heraus. Natürlich weiß sie, dass es im Rheinland eine Loreley, Loreley, gibt – den Tourismusmagneten schlechthin! Als ich ihr sage, dass es im Muldental nicht nur eine, sondern gleich zwei davon gibt, will sie das gar nicht glauben. Topp, die Wette gilt.

Na ja, eine barbusige Schönheit, die ihr goldenes Haar kämmt, ist auf dem etwa 15 Meter hohen Porphyrfelsen nahe Oelschütz bei Wurzen tatsächlich nicht zu entdecken. Aber immerhin, der Blick über die Mulde ist atemberaubend. Die Kollegin sieht einige Häuser von Pausitz, Türme von Trebsen, die Deditzer Höhe und die Ausläufer des Planitzwaldes. „Hier ist’s schön“, sagt sie, legt den Kopf in den Nacken und genießt die ersten wärmenden Sonnenstrahlen. Ich atme auf. Na bloß gut. Der Weg von der Straße bis zur Loreley war alles andere als schön. Nicht genug damit, dass sich die junge Kollegin im Schlamm die schicken Schuhe eingesaut hat, ging es noch dazu vorbei an einem halb eingefallenen Bauerngut. Ständig hatten wir das Gefühl, es könnte irgendwo eine Leiche abgelegt sein. Früher war das mal die Sonnenmühle, später LPG-Areal. Der inzwischen bewaldete Loreleyfelsen selbst soll früher nackt gewesen sein und passend dazu FKK-Fans angezogen haben. Und Archäologen. Die machten dort einen slawischen Burgwall, eine Sorbenschanze, ausfindig. Frau Rippich putzt erst mal Schuhe. Mit einem Schwapp Selterwasser aus der Pulle.

Wir besuchen Sirko Wedekind, den Dehnitzer Gastwirt. Zu den Öffnungszeiten seines Ausflugslokals holt er die Gäste mit der Fähre persönlich von Schmölen rüber. Und nicht nur das. Jeden Sonnabend und Sonntag, 14 und 16 Uhr, tuckert der Kapitän der „Sellnitz 2“ von Dehnitz in Richtung Loreley. Sellnitz 2 deshalb, weil die Fahrt auf der Mulde unterhalb der wüsten Kirche des einstigen Dorfes Mark Söllnitz entlang führt und sein Vorgänger Max Lehmann auf der Sellnitz 1 unterwegs war. Genau wie er bietet Sirko Wedekind an Bord auch heute noch Kaffee und Kuchen an. Bei Mondscheinfahrten gibt es zudem ein Buffett mit Fisch und Fleisch, Käse und Salat. „Anfangs legten wir am Loreleyfelsen sogar noch an“, sagt der Schiffsführer, „doch seit dem Hochwasser 2002 ist das nicht mehr möglich, weil sich eine Sandbank gebildet hat“. Und so tuckert er weiter, macht eine Wende auf hoher See und fährt wieder zurück. Bei starker Strömung dauert die Fahrt von Dehnitz bis zur Loreley fast eine Stunde, für die Rücktour braucht er dann nur 15 Minuten.

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Was das Rheinland kann, das kann das Muldental schon lange: Hier reihen sich entlang der Mulde direkt zwei Loreleyen aneinander, nämlich in Oelschütz und Bahren.

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Heimatfreund Jens Haubner macht uns auf ein riesiges Holzkreuz aufmerksam, das zwischen Dehnitz und Oelschütz direkt an der Mulde steht. Es wurde 1998 vom Wurzener Geschichts- und Altstadtverein aufgestellt und erinnere an das Grimmaer Hausmädchen Margarete. „Es passierte 1924, das Kind war gerade mal 14 Jahre alt. Margarete wollte einkaufen gehen, doch unterwegs hatte sie ihren Zehn-Mark-Schein verloren. Aus lauter Verzweiflung sprang sie in die Mulde.“ Ihr lebloser Körper soll später in der Nähe des Loreleyfelsens entdeckt worden sein. Dort habe man sie auch begraben. „Krass“, entfährt es meiner Begleitung. Sie will das Kreuz unbedingt sehen, nimmt ein nochmaliges Schuheputzen gern in Kauf.

„Und die zweite Loreley?“, fragt sie. Wir fahren mit dem Auto ein paar Kilometer stromaufwärts. Hinter Schmorditz geht’s die Kohlenstraße hinauf nach Döben. Ich führe sie die „Zetten“ entlang durch ein Waldstück zur Feueresse. So heißt die rußgeschwärzte Felsnadel zu unseren Füßen. Als sie drüben auf der anderen Flussseite die Anhöhe entdeckt, kommt Nathalie aus dem Schwärmen nicht mehr raus: „Wahnsinn, die Loreley!“ Die Mulde schlägt vor unseren Augen einen scharfen Bogen. Die schicken Häuser der bewaldeten Bahrener Wochenendsiedlung „Loreley“ blinzeln uns zu. Ich erzähle ihr von den prominenten Bewohnern der Siedlung nahe Grimma. Von Manfred Ahlborn etwa. Der inzwischen verstorbene Unternehmer baute Kegelbahnen in Sachsen und in halb Europa. Bereits sein Onkel, der im Krieg fiel, sei von Leipzig aus so oft er konnte zum Zelten an die Mulde gefahren. Großvater Hermann und Vater Alfred hatten dort wenig später Grundstücke. Noch heute wohnt Manfreds Frau Ursula im originalen Schwabenhaus.

Kein Geringerer als Oscar-Preisträger Ulrich Mühe kam als kleiner Junge sehr oft zu seinem Papa in die Loreley. Beide hatten ein inniges Verhältnis. „Hans Günther paddelte gemeinsam mit ihm auf der Mulde. Am liebsten fuhren sie ganz langsam und in aller Stille ans Ufer heran und beobachteten seltene Vögel“, berichtet Wera Mühe, die Frau von Hans-Günther und ergänzt: „Beide, mein Mann und Uli, waren Familienmenschen. Alle fünf Kinder von Uli waren schon hier bei uns in Bahren, stromerten genauso herum wie einst der kleine Ulrich.“ Die Kollegin glaubt ihren Ohren nicht. „Ulrich Mühe, der bekannte Schauspieler? Das gibt’s doch gar nicht!“ Oh doch, wir haben zwar lange nicht so viele Touristen wie die Loreley am Rhein. Dafür aber umso interessantere Bewohner. Zu ihnen gehört auch Zahnarzt Joachim Gräfe, der Groß-Cousin von Entertainer Thomas Gottschalk: „Seine Mutter und meine Mutter sind echte Cousinen.“ Thommy soll sogar schon mal auf der Bahrener Loreley gestanden haben. Und ja: „Ich hatte ihm in Grimma auch schon mal einen Zahn gefüllt.“

In der Bahrener Gaststätte „Zur Loreley“ entdeckt Jungredakteurin Nathalie eine an die Wand gezauberte nackte Schönheit, die ihre goldenen Haare kämmt. In der Nähe der Feueresse übt sie sich nun selber als Loreley, löst den Zopf und steht mit fliegenden goldenen Haaren da. Klasse, wenn das die Japaner sehen könnten. Übrigens, gleich nebenan, im Döbener Schloss, war vor langer, langer Zeit tatsächlich mal ein Japaner zu Gast: Mori Ogai, der japanische Goethe. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die rheinländische Loreley

 

Für abertausende Touristen aus allen Ländern der Welt, die mit Ausflugskuttern oder an Land zum Felsen strömen, üben die Geschichten über Tragödien neben der wunderschönen Landschaft einen besonderen Reiz aus. Ein Grund dafür sind die Sagen, die sich um die Unglücke ranken.

Den Namen Loreley trägt der Felsen schon seit hunderten von Jahren. Es wird angenommen, dass Lore vom Mittelhochdeutschen luren abstammt, was so viel wie lauern bedeutet. Das Wort Ley bedeutete im Keltischen Fels oder Stein, so dass Loreley vermutlich nichts anderes heißt als lauernder Stein. Was es ganz gut trifft. Lauert der gigantische Felsen doch über dem Fluss. Wer dort oben steht, hat einen Ausblick weit über die Landschaft. Im mittelalter strategisch sicher nicht ganz unbedeutend.

Heutzutage aber wird die Loreley mit einer wunderschönen Frau in Verbindung gebracht, die durch ihr makelloses Antlitz Männer anzieht und in den Tod reißt. Eine Anlehnung an die griechischen Mythologien rund um die Sirenen oder die Nymphe Echo sind durchaus möglich, stammt die Geschichte um die mysteriöse Schöne vom Rhein doch aus der Feder des Schriftstellers Clemens Brentano, der in seinem Werk Godwi erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts dem Berg mit dem Namen Loreley einen weiblichen Charakter verpasst hat. Die Geschichte hat sich so schnell verbreitet, dass bald in Vergessenheit geraten ist, dass es sich um Fiktion handelte.

Kein Wunder, passte die Geschichte doch ganz wunderbar zu den Sagen, die sich seit dem Mittelalter um den gefährlichen Felsen rankten. Mal waren es Nymphen, dann wieder Berggeister, beim nächsten Mal Zwerge, die die Schiffer in die Irre führten und ihre Boote zum entern brachten.

Längst ist den Touristen klar, dass die Geschichten mehr als unwahrscheinlich sind, längst wurden gefährliche Passagen gesprengt, um die Umschiffung des Felsens sicherer zu machen. Doch etwas Mystik bleibt und zieht tagein tagaus Neugierige an, die gucken wollen, ob nicht doch was dran ist. Nathalie Helene Rippich

 

Von Haig Latchinian

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