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Dortmunder Hass auf RB-Fans schlägt Wellen bis in Colditz’ Partnerstadt

Fußballkrawalle Dortmunder Hass auf RB-Fans schlägt Wellen bis in Colditz’ Partnerstadt

Die Dortmunder Treibjagd auf Anhänger von RB hat nicht nur in Leipzig für Entsetzen gesorgt. Auch BVB-Fans äußern sich schockiert über die Gewaltexzesse: Einer von ihnen ist Jenz Rother, einst Bürgermeister von Colditz’ Partnerstadt Holzwickede. Er erwartet, dass die Kriminellen ausfindig gemacht werden und so schnell keine Arena mehr sehen.

Parolen, mit denen die Dortmunder Fußballfans ihre Leipziger Gäste während des Bundesligaspiels vor wenigen Tagen unter der Gürtellinie trafen.

Quelle: dpa

Holzwickede/Colditz. Die Dortmunder Treibjagd auf Anhänger von RB hat nicht nur in Leipzig für Entsetzen gesorgt. Auch BVB-Fans äußern sich schockiert über die Gewaltexzesse: Einer von ihnen ist Jenz Rother. Der heute 71-Jährige war lange evangelischer Pfarrer und über drei Legislaturperioden der Bürgermeister von Colditz’ Partnerstadt Holzwickede. Vier Wochen vor seinem 70. Geburtstag, im Oktober 2015, verabschiedete sich das langjährige Mitglied des Partnerschaftsvereins Holzwickede-Colditz in den Ruhestand. Geblieben ist er dagegen BVB-Fan – entsprechend erschüttert ist er nun über das Ausmaß der Brutalität am Rande des Bundesligaspiels. „Für mich sind das keine Fans, sondern absolute Chaoten. Mein Vater hat immer gesagt: Erst wenn der Kopf ausschaltet, treten die Fäuste in Aktion.“

Die Stadt Holzwickede liegt nur zehn Kilometer vom Dortmunder Stadion entfernt. In einer Viertelstunde ist man mit dem Auto und in 20 Minuten mit der S-Bahn da. „Der BVB ist hier eine Religion. Viele identifizieren sich mit dem Verein“, sagt Rother. Von Kindesbeinen an hält er den Borussen die Treue, kann sich noch gut an das Derby 1950 gegen Schalke 04 erinnern: „Ich war ein Dreikäsehoch und drängelte mich im damaligen Stadion ,Rote Erde’ ganz allein bis an die Hecke vor. Ein Ordner war zutiefst besorgt und nahm mich mit in die Sprecherkabine.“ Dort erlebte er die gesamte erste Halbzeit. Nach vergeblichen Durchsagen wurde der kleine Junge in der Pause mit dem Polizeiauto nach Hause gefahren und durfte unterwegs sogar das Blaulicht betätigen. „Für mich ein unvergessliches Erlebnis, meine Mutter dagegen fiel aus allen Wolken, als die Polizisten mit mir vor der Tür standen.“

Gewalt habe beim Fußball nichts zu suchen, sagt er. „Ja, sicher, früher, besonders bei den Spielen gegen Lokalrivalen Schalke, gab es auch manche Reibereien. Aber spätestens, wenn jemand am Boden lag, war Schluss, da wurde nicht nachgetreten. Heute ist das leider anders.“ Hinzu komme eine offensichtliche Fehleinschätzung der Polizei, die die Partie gegen Leipzig im Vorfeld nicht als Hochrisikospiel bewertete, so Rother.

Im Namen aller echten BVB-Anhänger bittet er die mitgereisten Sachsen um Entschuldigung. „Auch die vielen Spruchbänder mit all den feindseligen Parolen waren undiskutabel. Unsere Tageszeitung druckte das Südtribünenfoto auf der Titelseite ab – ich muss sagen, da wird mir speiübel!“

Er selbst war mehrfach in der Partnerstadt Colditz und zieht den Hut vor dem Aufbauwillen der Sachsen: „Die anfangs graue Stadt hat sich zu einer wahren Perle entwickelt. Wir waren oft auf dem dortigen Weihnachtsmarkt und haben unsere Reibeplätzchen angeboten. Im Gegenzug besuchten uns die Freunde aus Colditz in der Adventszeit und schenkten ,Schwarze Sau’ aus. Nach der Flut eilte unsere Feuerwehr nach Colditz und half vor Ort.“

Er selbst halte nichts von den immer gleichen Diskussionen um das Projekt Rasenballsport Leipzig: „Natürlich hat unser heutiger Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke wirklich Großartiges geleistet, um den damals finanziell am Boden zerstörten BVB dahin zu bringen, wo er heute steht. Ich glaube, er war erschrocken über die Modelle in Hoffenheim und Leipzig. Dabei wissen wir Dortmunder doch am besten, dass sich die Fußballwelt weiter dreht: Wir sind der erste Bundesligaverein, der an die Börse ging.“

Jenz Rother begrüßt, dass der BVB die Geschehnisse auf das Schärfste verurteilte. Der Holzwickeder erwartet, dass die Kriminellen ausfindig gemacht und so schnell keine Arena mehr von innen sehen werden. „Als unser BVB vor einiger Zeit gegen Hoffenheim gespielt hatte, war ich zusammen mit dem Colditzer Bürgermeister Matthias Schmiedel im Stadion. Ich weiß, er ist großer RB-Fan und verpasst kein Heimspiel.“ Schmiedel lädt seinen einstigen Amtskollegen zum nächsten Dortmundspiel nach Leipzig ein: „Ich versuche, Karten zu bekommen. Dann kann er neben mir mit BVB-Schal sitzen. Das ist doch die normalste Sache der Welt.“

Von Haig Latchinian

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