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Dschungel mit Gleisanschluss

Dschungel mit Gleisanschluss


Colditz. Seit 1877 war Colditz an das Schienennetz der Muldentalbahn angeschlossen. Im Mai 2000 wurde der Personenverkehr zwischen Großbothen und Colditz eingestellt.

. Der 36-jährige Colditzer Eisenbahnfan Dirk Kießling kämpft dafür, dass auf dem Abschnitt spätestens zu Ostern 2012 wieder erste Traditionszüge fahren. Die LVZ war schon jetzt auf dem Damm und testete die größtenteils zugewachsene Strecke im Alleingang, der zum Überlebenstraining geriet.

 

Mit jugendlichem Leichtsinn starte ich am Bahnhof Großbothen. Hier gibt es zwei Trassen – die noch befahrene Linie Döbeln-Leipzig und die stillgelegte Muldentalbahn. „Wie bitte, nach Colditz?", fragt Bernd Kolbe und glaubt seinen Ohren nicht. Bernd war 33 Jahre Eisenbahner, wohnt mit Familie im Großbothener Bahnhofsgebäude. Als es noch Verbindungen in alle fünf Richtungen gab, fungierte er als Fahrdienst- und Rangierleiter, seine Frau Brigitte hatte Aufsicht, Wagendienst und Fahrkarten unter sich. Bernd pfeift mich zurück: „Haaaalt, nicht so hastig, junger Mann. Hier geht‘s lang." Ich wär‘ glatt in die falsche Richtung gerannt.

18.30 Uhr. Ich komme gut voran. Blöd nur, dass der Abstand der Schwellen nicht dem Schrittmaß entspricht. Und so tippele ich wie eine japanische Touristin. Der Duft der öligen Schwellen erinnert mich an gestrichene Zaunslatten in Gartensparten. Stachlige Brombeersträucher bilden hinterhältige Fußfesseln. Herzstillstand! Ein Reh schreckt auf und ergreift die Flucht. Willkommen im Dschungel. Bist du denn hasenwilde?, protestiert mein innerer Schweinehund. Ich ziehe die Socken über die Hosenbeine. Wegen der kleinen Tierchen. Die Angst vor größeren, noch beißwütigeren Geschöpfen verdränge ich lieber. Ein wahres Spießrutenlaufen: Mannshohe Goldruten, dazu nasse Brennnesseln. Dummerweise hat es gerade geregnet. Ich weiche in den Wald aus. Immer mehr Rehe flüchten im Zick-Zack. Wenn nur dieses Geheul im Dickicht nicht wäre. Es soll ja wieder Wölfe geben. Und in Golzern fanden sie so viele Wesen ohne Kopf... Es gibt kein Zurück mehr. Farnkraut, überall Farnkraut. Vielleicht kommt gleich ein Saurier um die Ecke. Ich hüpfe auf einen morschen Stamm, der gibt nach, und ich kullere die Böschung hinunter. Brüder zur Sonne, zur Freiheit. Ich kämpfe mich zu einem Acker hoch. Abendrot! Abendbrot? Vergiss es. Ich hab‘ schon genug Verspätung. Am Feldrand geht es weiter. Herrlich, diese sanften Hügel. Das müssen die Ausläufer des Erzgebirges sein. Am Schmiedeberg stehe ich mit nassen Hosen plötzlich vorm Haus von Carola Bellstedt. Die schlägt die Hände überm Kopf zusammen. „Passen Sie bloß auf, da gibt‘s Wildschweine." Ein Grund mehr, den Dschungel vorerst zu meiden. Auf der Straße gelange ich zum nächsten Bahnübergang. Hier ist Harald Matthes zu Hause. 22 Jahre war er bei der Bahn. Unter anderem betreute er den Haltepunkt Sermuth: „Als hier Feierabend war, bin ich nach Colditz ins Stellwerk." Er schickt mich weiter über die Pferdekoppel: „Aber Vorsicht, da ist Strom drauf", so sein väterlicher Rat. Ich sehe zu, dass ich Land gewinne und hoffe, nicht auch noch auf einen Wachhund mit fliegenden Ohren zu treffen. Wieder laufe ich auf dem Bahndamm. Stellenweise geht es gut voran. Nach der Eisenbahnbrücke aber ist Endstation. Und das noch weit vor Zschetzsch. Es geht gar nix mehr. Weder auf Gleisen noch im Feld oder Wald. Dschungel. Ich bin ein Narr, holt mich hier raus! Mir bleibt nur der Rückzug. Gefühlt bin ich der erste Mensch, der sich seit 100 Jahren hierher verirrt.

„Falsch", sagt Dirk Kießling. „Im vorigen Jahr war auf dem Bahndamm zwischen Großbothen und Colditz ein Unimog unterwegs, der die Strecke freigeschnitten hatte." Der Colditzer ist Mitglied im Limbach-Oberfrohnaer Eisenbahnverein. Sein Verein stehe in Kontakt mit der Deutschen Regional Eisenbahn, die die Strecke für 20 Jahre gepachtet habe. „Spätestens zu Ostern 2012 soll auf dem Abschnitt der erste Traditionszug fahren. Zu bestimmten Anlässen, wie der Schlossweihnacht, wäre Colditz dann mit Leipzig verbunden", sagt der Eisenbahnanhänger. Fotozüge für Enthusiasten und Industrietransporte sollen hier genauso verkehren wie Pendelzüge, die in der schönen Jahreszeit Ausflügler nach Colditz bringen, träumt Dirk Kießling, der bereits mit Partnern in Verhandlungen stehe. „Am 15. April wurde die Strecke neu vermessen. Das Teilstück Großbothen-Sermuth ist bereits abgenommen, auf der Verlängerung bis Colditz müssen wir noch einzelne Holzschwellen austauschen." Im Oktober könne es erste Draisinefahrten geben, so Visionär Kießling. Vorher müsse die Strecke aber noch von Wildwuchs befreit werden: „Sie sehen ja, wie schnell das alles nachwächst."

Oh ja. Die Kiesgrube als letzter Ausweg. Da stehe ich nun – mitten im Kessel. Die Abendsonne taucht die schroffen Kieswände in glutrotes Licht. So ähnlich muss Ayers Rock in Australien aussehen. Förderbänder lasse ich rechts liegen und steige nach oben. Hier empfängt mich das Schild „Lebensgefahr" – zum Glück ohne Totenkopf. Die Schuhe schlammig, das Hemd schweißnass, die Hose voller Grünzeug entdecke ich Schönbach. Der Kirchturm ähnelt dem erhobenen Zeigefinger. Der Prediger am Horizont weist mich in die Schranken: „Hast du einen laufen?!" Ich gehorche brav, verzichte auf weitere Abenteuer im Dschungel und dackele fortan auf der sicheren Straße. Der Mond ist aufgegangen. Die gold‘nen Sternlein prangen. Der Wald steht schwarz und schweiget. Und aus den Wiesen steiget ... das herrlich angestrahlte Colditzer Schloss. Der Bahnhof weiter unten ähnelt einer Trauerweide. Das Empfangsgebäude ist verrammelt. Die vier Gleise stehen voller junger Birken.

21.30 Uhr. Wie komme ich jetzt wieder zurück nach Großbothen? Es bleibt nur das Trampen, Trampen nach Norden. Aber in meinem Aufzug? Mitten in der Nacht? Am beschrankten Bahnübergang? Ich habe Glück. Das fünfte Auto hält an. Am Lenkrad der nette Döner-Verkäufer von Colditz, Mehmed Tepe. Mit orientalischer Musik juchteln wir durch die Nacht.

Haig Latchinian

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