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Ein Engel mit müden Flügeln

Ein Engel mit müden Flügeln

Grimma. Fereshteh – Engel bedeutet ihr Name. Doch der Engel ist müde. Es kostet Kraft, die Flügel nicht hängen zu lassen. Seit acht Jahren ist die 36-jährige Iranerin in Deutschland.

. Status: Geduldet. Das bedeutet, keinen Pass zu haben, den Kreis nicht verlassen zu können, mit unsichtbaren Grenzen und nur mit bescheidenen Mitteln leben zu können.

Trotzdem ist Ferehsteh ein Engel für andere. Mehrmals pro Woche kümmert sie sich ehrenamtlich um eine ältere Frau, gibt Deutschkurse für andere Asylbewerber.

Ihre Geschichte beginnt im Iran. Lehrerin war sie hier an einer Mittelschule, Englisch, Kalligrafie und vor allem die Wahrheit wollte sie ihren Schülern vermitteln. Letzteres wurde ihr zum Verhängnis. Denn auch in einem Verein, der sich um die Rechte von Frauen bemüht war sie aktiv. 2002 stand sie vor der Wahl: Flucht oder Gefängnis. Sie entschied sich für die Flucht. „Ich kann kämpfen, aber ich habe nicht die Kraft das durchzustehen, was mich in einem Gefängnis erwartet. Ich bin keine Märtyrerin", sagt sie. Genug Schicksale von Folterungen, sogar Steinigung, aber auch von gescheiterten Fluchtversuchen, die in einem kleinem Boot auf dem Meer geendet sind, kenne sie.

Fereshteh konnte die Grenze verlassen und lebt jetzt innerhalb neuer.

Zuerst waren es die im Asylbewerberheim Grimma, das vor einigen Jahren abgebrannt ist, jetzt sind es die, dass ihr die Arbeitswelt verschlossen bleibt, 340 Euro für Miete, Strom, Kleidung und Essen reichen müssen, sie den Landkreis nicht verlassen darf. „Ich bin so froh, dass ich wenigstens nicht mehr in einem Heim wohne, Freunde gefunden habe, Grimmaer, die mich unterstützen. Ich hatte Depressionen, war da, aber nicht im Leben", flüstert sie beinahe. Zum Arbeitsamt sei sie gegangen, wollte wenigstens einen Ein-Euro-Job. Doch mit dem Stempel „Geduldet" sei dies nicht möglich. Dabei ist sie eine von 94 000 Menschen mit einer Duldung in Deutschland, 60 000 Personen davon tragen dieses Schicksal seit über sechs Jahren.

„Ich wollte doch nur wieder unter Menschen, etwas tun, egal was", sagt die Iranerin in gutem Deutsch, das sie sich selbst beigebracht habe. „Dann bin ich auf die Diakonie gestoßen. Cornelia Killisch vom Freiwilligen Dienst hat mich vermittelt. Zuerst kümmerte ich mich um Kinder, seit zwei Jahren um eine alte, gehbehinderte Frau", erzählt sie. Freunde seien die beiden mittlerweile geworden. Jeder erzähle von früher, wie es war, mit der Familie, zu Hause. „Ich vermisse meine Mutter und meine Geschwister, aber ich weiß nicht, wann ich sie wieder sehen werde", sagt Fereshteh. Trotzdem fühle sie sich in Grimma wohl, gerade die freiwillige Arbeit sei es, die ihr helfe, und die Menschen, mit denen sie täglich zu tun habe. Ein Tee mit der Nachbarin, freundliche Begrüßungen auf der Straße. – In einem Heim sei dies kaum möglich gewesen. Nur unter sich sei man und komme trotzdem nur schwer mit einander zurecht. Jeder habe nur Probleme, es seien zu viele Schwierigkeiten auf zu engem Raum, da bleibe kaum Platz zum Durchatmen, Privatsphäre – für sich sein zu können und dadurch auch Kraft zu tanken, andere zu unterstützten. Doch das Schlimmste: Innen sind die Leute für einander unsichtbar und draußen heißen die meisten der Blicke: Geh dahin, wo du hergekommen bist. Integration, überhaupt Kontakt sei kaum denkbar.

Jetzt sagt Fereshteh: „Es ist schön, wenn ich für andere da sein kann. Das gibt mir Kraft. Und vor allem, wenn ich sehe, dass das, was ich tue, geschätzt wird." In einem Kurs bei der Diakonie habe sie gelernt, worauf es bei der Pflege älterer Menschen ankomme, wie mit Demenz umzugehen sei, aber auch, dass sie selbst nicht nutzlos sei. Und ihre „liebe alte Frau", wie sie Frau Dumler immer nennt, könne ein selbstbestimmteres Leben führen, da sie durch Fereshtehs Hilfe und die anderer in ihrer Wohnung bleiben könne. Viele hätten außerdem beim Treff Unu Mondo durch die 36-Jährige schon etwas besser deutsch gelernt.  

Und trotzdem: „Es macht müde, etwas verändern zu wollen, aber keine Chance zu haben. So geht es vielen: Die Sprache lernen, Freunde zu finden, sich zu engagieren – aber sobald es um eine Zugehörigkeit auf dem Papier, also einen Pass, Arbeit, einen Arztbesuch ohne viele Formulare geht, sind die Türen zu. Und man weiß nicht, ob man jemals hinein kann."

Doch ihr Glaube schenke ihr Hoffnung. Vor zwei Jahren ließ sich die Iranerin taufen. „In meiner Heimat habe ich Religion oft als Strafe erlebt, sie hat die Menschen und vor allem Frauen unfrei gemacht. Hier sehe ich das anders. Viele Menschen, die für mich da sind, sind Christen. Ihre Einstellung zum Leben und vor allem ihr Vertrauen in Gott beeindruckten mich." Es gebe ihr ein gutes Gefühl, dass auch andere Engel für sie da sind.

Magdalena Fröhlich

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