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Ein Jahr Willkommengruppe in Colditz: Professionelle Strukturen greifen

Bilanz Ein Jahr Willkommengruppe in Colditz: Professionelle Strukturen greifen

Seit einem Jahr kümmert sich die Willkommensgruppe aus engagierten Colditzern um die Flüchtlinge, die in der Stadt Obdach gefunden haben. Inzwischen hat sie ihre Arbeit auf professionelle Füße gestellt. Es entstanden zahlreiche Kontakte zwischen Deutschen und Fremden. Sichtbares Projekt ist die Kleiderkammer in der Badergasse.

Gelebte Hilfe: Bei Jacqueline Brauner (rechts) von der Kleiderkammer finden Soraya Amiri (links), Mahyar Kiyani und Sohn Mahbod Kiyani aus dem Iran, was das Herz begehrt.

Quelle: Andreas Döring

Colditz. Seit einem Jahr kümmert sich die Willkommensgruppe aus engagierten Colditzern um die Flüchtlinge, die in der Stadt Obdach gefunden haben. Inzwischen hat sie ihre Arbeit auf professionelle Füße gestellt. Es entstanden zahlreiche Kontakte zwischen Deutschen und Fremden. Sichtbares Projekt ist die Kleiderkammer in der Badergasse.

Das Friedensgebet im September vergangenen Jahres gab Anstoß, die Gruppe zu bilden. Es fanden sich rund zehn Menschen, sie setzten sich zum Ziel, Geflüchteten, die in Colditz eintrafen, bei den vielfältigen Herausforderungen im fremden Land beizustehen. Staatliche Hilfsstrukturen fehlten, die Neucolditzer kamen in der Regel mit Taxis und Schlüsseln für die ihnen zugewiesenen Wohnungen an – zumeist Immobilien der Colditzer Wohnungsbaugesellschaft. Ausgestattet waren diese minimal mit einem Stuhl, einem Stahlspind und einem Metallbett pro Person. Dazu kam pro Wohnung ein Tisch und eine Küchenzeile.

Die Mitglieder der Willkommensgruppe besuchten die Ankömmlinge, bildeten mit ihnen Patenschaften, sammelten für sie Möbel, halfen in bürokratischen Fragen. Mit Unterstützung der Stadt, des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Muldental und des Flüchtlingsrats Leipzig weihten sie im April die Kleiderkammer in der Badergasse 13 ein, die sie mit den Zuwanderern betreiben und die allen bedürftigen Bürgern der Stadt offen steht.

Im selben Monat nahm Linda Becker aus dem Ortsteil Erlbach ihre hauptberufliche Arbeit als Flüchtlingssozialarbeiterin für das DRK Muldental auf. Die professionellen Strukturen der inzwischen 30 Mitglieder zählenden Willkommensgruppe erlauben es, die rund 120 Geflüchteten, die unter anderem aus Syrien, dem Irak und Iran, aus Afghanistan, Tschetschenien und Eritrea stammen, umfangreich zu betreuen. Nur noch vereinzelt werden Neuzugänge begrüßt, die Gesamtzahl der Flüchtlinge geht leicht zurück.

Eine wichtige Grundlage für die Inte-
gration bildet der Spracherwerb. Lehrer bieten ehrenamtlich jeden Sonnabend Deutsch-Kurse im evangelischen Gemeindezentrum an. Die Unterbringung der Jüngsten in Kindertagesstätten läuft laut Linda Becker gut. „Die Einrichtungen zeigen sich sehr kooperativ und bemühen sich, auf die Kinder zuzugehen“, sagt die 40-Jährige. Die Grundschüler würden in der Regel sogenannte DaZ-Klassen (Deutsch als Zweitsprache) in Grimma besuchen. „Die Oberschüler gehen meist nach Geithain, wir haben aber auch schon erste hier in der Sophienschule“, so Becker. Bürgermeister Matthias Schmiedel (parteilos) bedauert, dass er so viele Kinder – auch deutsche – nach außerhalb schicken muss, da mehrere Klassenstufen nicht zweizügig fahren können, weil eine Hand voll Schüler fehlt.

Die ersten Erwachsenen haben bereits Arbeit gefunden oder werden, seit ihr Status anerkannt ist, vom Jobcenter betreut. Über das Integrierte Handlungskonzept, das Förderungen durch den Europäischen Sozialfonds möglich macht, haben die Helfer zehn Stellen beantragt, die den deutschen Ein-Euro-Jobs ähneln. Die Stadträte Manfred Heinz (FDP) und Thomas Wasner (Bürgerinitiative Colditz) wollen, dass auch die Stadt Ein-Euro-Jobs für Flüchtlinge schafft. Für Linda Becker wäre viel gewonnen, wenn sich Firmen finden würden, die Praktikanten aufnehmen – entweder ohne Verdienst oder mit einer Aufwandsentschädigung.

„Integration ist nicht damit verwirklicht, dass die Menschen hier gut angekommen sind und neben uns her leben“, meint sie. „Wir wünschen uns ein weltoffenes buntes Colditz und ein Miteinander der verschiedenen Lebensweisen. Wir wollen keine Parallelgesellschaften in Deutschland.“ Das geschehe nicht von selbst, weshalb sie sich noch mehr Menschen wünscht, die eine Patenschaft übernehmen. „Wer das nicht mag oder kann, den würde ich einfach um ein Lächeln, einen Guten Tag oder die innere Haltung bitten, die sich in dem großen Schriftzug ,Willkommen in Colditz’ widerspiegeln soll“, betont Becker. Nicht zuletzt sei das Friedensarbeit, die täglich vor der Haustür getan werden kann.

Neue Öffnungszeiten der Kleiderkammer in der Badergasse 13: dienstags und freitags jeweils 14 bis 16 Uhr

Von Frank Pfeifer

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