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Ein Kopfkissen für den LVZ-Redakteur

Ein Kopfkissen für den LVZ-Redakteur

Wer so ein Kissen hat, brauche keine Drogen mehr, witzelt der Volksmund. Recht hat er. Die ganze Nacht müffelte es nach Socken. Aber wozu gibt es Wäscheleinen.

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Nachtschicht: Redakteur Haig Latchinian beim Federnschleißen.

Quelle: privat .

Nerchau. Mein neues Kopfkissen aus echten Gänsefedern muss eben noch ein bisschen lüften. Vorher aber lüfte ich das Geheimnis des Federnschleißens. Eigentlich ja Vetter(n)schleißen. Denn Gisela Vetter Woldt und ihr Mann Manfred richteten es nur meinetwegen aus: „Nach der Schlaflos-Serie ist Ihr Kopfkissen doch sicherlich zerschlissen“, meinten beide.

Gisela, Manfred und die Federn ... Für das Fremdiswalder Weihnachtsmärchen „Frau Holle“ tüftelten sie vor Jahren mit großem Erfolg an einer Technologie, um ihre Federn per Staubsauger auf die Bühne zu blasen. So schneite es, und die Kinder konnten Schlitten fahren. Komisch, jetzt riecht mein Kopfkissen – nee, nicht nach „Schnee“, wie der Volksmund behauptet. Sondern nach Staubsauger. Als hätte ich den Beutel zu lange drin gelassen. Mit dem Lüften muss ich wohl noch warten. Denn Gastgeberin Gisela hebt den Zeigefinger: „Das Kopfkissen wird ausschließlich gesommert.“ Mit anderen Worten – nicht gewintert! Zum Aufhängen und Ausklopfen kämen nur jene Monatsnamen ohne „r“ in Frage. Andernfalls sei die Luftfeuchtigkeit zu hoch.

Federnschleißen, eine Wissenschaft. Ach, was sage ich. Eine Religion! Ich erfahre, die Pflege meines Kopfkissens sei ähnlich kultig wie die einer Babywindel: „Ich bin gebürtige Würschwitzerin“, holt Gisela aus und fährt fort: „In unserem Haus wohnte eine alte Dame. Die schlug immer Alarm, wenn es dunkel wurde, und die Windeln immer noch an der Leine hingen. Denn wer seine Windeln nicht vor Einbruch der Dunkelheit reinhole, riskiere ein besonders ängstliches Kind.“ Genauso wie es eine Sünde sei, Bettwäsche zwischen Heiligabend und Hochneujahr zu waschen. Das bringe Unglück, ja, es könne sogar jemand sterben. Ehemann Manfred, alter Neichener, hat auch gleich noch eine Bauernweisheit zu bieten: „Wenn die Nase lief, mussten wir Kinder sie immer schnell putzen. Sonst, so hieß es, kommt der Schornsteinfeger und schmiert die Rotzkieke breit.“

Irgendwie fühle ich mich in eine andere Welt versetzt. Kein Fernsehen, kein Radio, stattdessen Schauermärchen. Bevor ich noch eine Gänsehaut kriege, tischt Gisela erstmal eine tröstende Holunderbeersuppe auf. Mit gerösteten Weißbrotwürfeln. Dazu Pute mit gebratenen Nudeln und zur Abrundung Schokoladenpudding. Danach führen die Rentner in ihr Gartenhaus mit DDR-Dauerbrandofen. Wohlige Wärme, Giselas Freundinnen ist es fast zu mollig warm. Als Gisela dann die ersten Federn auf dem Tisch verteilt, erinnert das an den Blick aus dem Flugzeugfenster hinunter auf die Haufenwolken. Ich will schon zugreifen. Doch Manfred führt erst noch in die Verhaltensmaßregeln ein: „Ad 1 nicht niesen. Ad 2 nicht niesen. Ad 3 um Gottes willen nicht niesen.“ Nicht wegen des Schornsteinfegers, sondern weil die Daunen sonst fortflögen. Gisela ergänzt: „Erst biepeln, dann bapeln.“ Was so viel heißt wie: Erst arbeiten, dann schwatzen.

Wir machen uns also an die Arbeit. Während die anderen beinahe so routiniert zu Werke gehen, als gelte es Kartoffeln zu schälen, muss ich mich

erst daran gewöhnen, die feinen Fächer oben zu packen und dann gegen den Strich nach unten zu ziehen. Die Daunen kommen ins Töpfchen, die Kiele aber nicht etwa ins Kröpfchen, sondern irgendwann ins Beet. Sie seien der ideale Dünger, lässt Gisela wissen, ohne die Augen von der Feder zu lassen. Früher habe man aus den Kielen auch Schreibfedern gemacht: „Aber das müssten Sie als Schreiber doch wissen“, sagt sie. Ja, ja, natürlich, ich weiß.

Stunden vergehen. Ist es nun der dritte oder gar schon vierte Riesenhaufen, der vor uns ausgebreitet wird? Keine Ahnung. Die Fingerspitzen schmerzen. Im Handgelenk zieht’s. Das „Kreize“ meldet sich. Die Frauen rufen sich Durchhalteparolen zu. Motto: Viele Hände machen ein schnelles Ende. Die Arbeitsmoral sinkt, die Stimmung aber steigt. Vielleicht liegt das am edlen Tropfen, den Gisela reicht. Ich trinke lieber Gänsewein – sogar mit der einen oder anderen Feder darin.

Passend dazu erzählt Manfred legendäre Schwänke aus Gänse-Nerche: „Wir Arbeiter hatten uns in der Fabrik einen Freizeitraum eingerichtet. In der Mittagspause kamen wir hier oft zusammen. Einmal brachte Michael sein Luftgewehr mit. Also spielten wir Wilhelm Tell. Otto legte sich den Apfel auf den Kopf und Michael zielte. Er traf nicht nur den Apfel, sondern auch Ottos Birne. Wir mussten sofort zum Arzt. Der entfernte die Bleikuller, die ja noch in der Kopfhaut steckte.“ Alle lachen, drehen sich aber fix zur Seite. Denn durch allzu heftiges Lachen könnten die Federn ganz schnell weggeblasen werden. Die Runde legt gleich nach. Zum Glas Wein wird nun ein damaliger Dorfpolizist durch den Kakao gezogen. Er soll seine eigene Rad fahrende Frau auf der Straße nicht nur angehalten, sondern auch abgestraft haben. Und das nur, weil der Einkaufsbeutel an der Lenkerstange hing. Schwarzen Humor muss haben, wer bei Manfreds nächster wahrer Begebenheit aus dem Umfeld der Fabrik lacht: Michael (schon wieder Michael!) füllte einen Fußball mit Zement. Heinz, der mit einem Glas frischer Erdbeeren gerade von der Frühstückspause kam, sah das runde „Leder“ und haute mit voller Wucht dran.

Gisela stimmt ein Lied an: „Müde kehrt ein Wandersmann zurück nach der Heimat seiner Liebe Glück. Doch bevor er tritt in Liebchens Haus, kauft er ihr den schönsten Blumenstrauß.“ Es sei ein altes Küchenlied. Die Frauen hätten es damals gesungen – beim Gemüseputzen oder Gänserupfen. Nachdem auch noch das Ännchen von Tharau erklang, lässt Manfred Fotos seiner stolzen Gänse rumgehen. Sein Enkel Carl Neo aus Golzern sei damals dabei gewesen, als sie in der Brutmaschine schlüpften. Was nun zuerst war – das Gössel oder das Piepen – Manfred weiß es gar nicht mehr. Und hier noch ein Schnappschuss: Auf dem Foto ist Manfred zu erkennen, der den Gänsen gerade gehäckselte Brennnesseln reicht, die er zuvor bei Deditz gesammelt hatte.

Kurz vor Mitternacht liegen wir in den letzten Zügen. Gisela reicht noch einmal Holunderbeersuppe sowie Würstchen mit Brot. Sie selbst schnappt sich das 65 mal 65 Zentimeter große Kopfkissen und wiegt es: 600 Gramm. So schwer ist allein das Federkleid von zwei stattlichen Weihnachtsgänsen. Federleicht dagegen näht Gisela das Inlett zu. Und reicht es mir. „So bitteschön, der Herr. Eine Indianerfeder können wir Ihnen ja nicht mehr ins Haar stecken. Dafür ist es zu kurz.“

Ich weiß gar nicht, wie ich allen danken soll. Aber nach durchwachter Nacht weiß ich jetzt, warum es heißt, am Morgen nicht so recht aus den Federn zu kommen.

Haig Latchinian

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