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Grimma Ein Stück Italien am Schmorditzer Straßenrand
Region Grimma Ein Stück Italien am Schmorditzer Straßenrand
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20:02 10.04.2018
"Wachablösung" am Italienergrab: Wolfgang Mohr aus Grimma hat die Pflege des Grabes von Margarita Kunath übernaommen. fsw - Frank Schmidt - MTL - BOG Quelle: Frank Schmidt
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Schmorditz

Eine Wirbelfraktur im Rückgrat bereitet ihr große Schmerzen. Das Laufen fällt ihr schwer. Ohne Stock geht gar nichts. Und doch hat Margarita Kunath in diesen Tagen gleich dreifachen Grund zur Freude: Zum einen feiert sie ihren 90. Geburtstag, zum anderen den 95. ihres Mannes Wilfried. Das Paar blickt auf 65 Ehejahre zurück, die Eiserne Hochzeit sorgte für ein ziemliches Hallo im kleinen Dorf bei Nerchau.

Ein Mahnmal am Straßenrand

Das Italienergrab bei Schmorditz. Quelle: Frank Schmidt

Margarita Kunath ist eine Institution. Als erste Frau aus Sachsen wurde sie nach der Wende mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Mehr als 60(!) Jahre – so lange sie ihre Beine trugen – pflegte sie das Italienergrab am Waldrand, direkt an der Straße außerhalb der Ortschaft. Traditionell nutzte sie immer die ersten Sonnenstrahlen, um die Steinkanten zu weißen und Stiefmütterchen zu pflanzen. Ohne zu klagen lief sie viele tausende Male mit der Gießkanne den Schmorditzer Berg hinauf. Eine Augenweide ihre Schnittblumen aus dem eigenen Garten, die sie in den Vasen arrangierte. Jedes Mal hielt die tief gläubige Frau an den Gedenksteinen inne. Die kleine Straßenranderscheinung war und ist für sie ein „Prediger für den Frieden“. Bis ins hohe Alter gedachte sie dort beinahe täglich der acht im Krieg gefallenen Italiener, die sie gar nicht kennt.

Der Tod für acht italienische Soldaten im Frühjahr 1945

Frühjahr 1945: Elf italienische Kriegsgefangene schlagen sich aus Altenhain kommend nach Golzern durch. Oben an der Post steht ein von der Wehrmacht verlassenes Lastauto. Die Italiener steigen ein und fahren los. Im Glauben, auf SS-Angehörige zu schießen, eröffnen amerikanische Soldaten das Feuer. Drei Italiener können offenbar in den Wald flüchten, die übrigen Kameraden sterben qualvoll.

Beinahe zeitgleich ist die 16-jährige Margarita Kunath mit zwei jüngeren Geschwistern, einem evakuierten Ehepaar, zwei Pferden und vier Säcken Hafer auf der Flucht aus Schlesien. Nach vier Wochen kommt sie im Muldental an. 1952 lernt sie im Döbener Gasthof ihren schüchternen, zurückhaltenden Wilfried kennen. Aufgeführt wird das Theaterstück „Der Raub der Sabinerinnen“, in dem Margarita mitwirkt. Ein Jahr später ist Hochzeit.

Ein Stein ersetzt das schlichte Holzkreuz

Seit dieser Zeit kümmerte sie sich um jenes schlichte Holzkreuz am Italienergrab. 1973 bestellte sie bei Oskar Gey einen kleinen Gedenkstein und bezahlte diesen auch. Darauf steht in Deutsch und Italienisch: „Hier ruhen in Gottes Frieden acht italienische Soldaten.“ Das italienische Fernsehen RAI berichtete bereits mehrfach (sogar in der Hauptnachrichtensendung) vom Italienergrab in Schmorditz und über Margarita Kunath. Doch so oft die Beiträge auch ausgestrahlt wurden – weder die drei Italiener, die sich offenbar retten konnten, noch die Angehörigen der acht toten Italiener haben sich bislang gemeldet.

1994 stiftete die italienische Regierung einen zweiten Gedenkstein und lobte das Grab nahe Schmorditz als die bestgepflegte Ruhestätte italienischer Soldaten in den neuen Bundesländern. Frau Kunath erhielt das Ritterkreuz des Verdienstordens der Republik Italien. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge würdigte sie mit der Goldenen Ehrennadel.

Enge Verbindung zu General Tricarico

Bei einer Generalaudienz im Petersdom in Rom schüttelte sie 1990 Papst Johann Paul II. die Hand. Nach seinem Tod 2005 nahmen vier Millionen Gläubige von ihm Abschied und bildeten die größte Trauergemeinde der Welt. Für deren Sicherheit sorgte der damalige Oberbefehlshaber der italienischen Luftstreitkräfte, Leonardo Tricarico.

Bei der Auszeichnung mit dem Ritterkreuz des Verdienstordens der Republik Italien: Margarita Kunath (r.) und General Leonardo Tricarico im Gespräch. Quelle: privat

Was viele nicht wissen: Genau dieser General pflegte jahrelang freundschaftliche Beziehungen nach Schmorditz und zu Margarita Kunath. Als Meldungen die Runde machten, ein aus Belgrad kommendes Flugzeug vom Typ Learjet sei in den gesperrten römischen Luftraum eingedrungen, blieb sie ganz ruhig. Sie wusste: Auf General Tricarico ist Verlass.

Margarita Kunath kennt ihn seit Juli 1991. Leonardo Tricarico leitet damals in Zeithain bei Riesa die Exhumierung von 849 italienischen Kriegsgefangenen. Er hört von der Rentnerin in Schmorditz und besucht sie. Am 23. September 1991 klingelt General Leonardo Tricarico abermals an der Gartentür in Schmorditz. Es ist der Tag, an dem er die in Zeithain exhumierten Landsleute in einem Großraumflugzeug von Dresden nach Mittelitalien begleitet.

Die Italiener danken der Schmorditzer ihr Engagement

Die Urkunde zum italienischen Verdienstorden. Quelle: Frank Schmidt

Am 3. Juli 1993 wird die Schmorditzerin mit dem italienischen Ritterkreuz ausgezeichnet – in der Bonner Botschaft gratuliert ihr auch Leonardo Tricarico persönlich. Nach dem Papstbegräbnis setzt die Schmorditzerin ein persönliches Glückwunschschreiben auf: „Viele vermuteten, Rom werde im Chaos versinken. Mancher bezweifelte, ob die Italiener den Pilgeransturm bewältigen und die Sicherheit der 200 Staatsoberhäupter gewährleisten können – sie können es. Meisterhaft!“

Drei Söhne, sechs Enkel und drei Urenkel – der Stolz von Margarita und Wilfried Kunath. Beide sind in großer Sorge, ob der Frieden in Europa dauerhaft hält: „Mögen zu den vielen Denkmälern aus den Weltkriegen keine neuen hinzukommen.“ Ehemann Wilfried war einer von weit über 200 000 Kurland-Kämpfern, die nach Kriegsende in sowjetische Gefangenschaft gerieten: Im Viehwaggon wird der Schmorditzer zwei Wochen durch das Land gekarrt und muss fortan in einer Kohlengrube im Donezkbecken schuften. Bei einem Unfall schlägt er sich das Gesicht auf. Blutüberströmt landet er auf der Pritsche. Dass er es überlebt, hat er Olga, einer sowjetischen Ärztin im Rang eines Majors, zu verdanken. „Sie kümmerte sich jeden Tag um mich und half mir wieder auf die Beine.“ Erst 1949 trifft Wilfried Kunath wieder zu Hause in Schmorditz ein.

Ein Leben für die Versöhnung

Versöhnung, das ist es, wofür sich die Kunaths seitdem einsetzen. Unmittelbar nach der Wiedervereinigung reisten sie mit einer Delegation der Kriegsgräberfürsorge nach Paris. Im Rathaus von Versailles empfing der Oberbürgermeister die Kunaths mit den Worten: „Ich freue mich, heute die ersten beiden Bürger aus den neuen deutschen Bundesländern begrüßen zu dürfen.“ Wilfried Kunath durfte auf dem deutsch-französischen Soldatenfriedhof „Les Gonards“ sogar den Kranz tragen.

Auch wenn Margarita Kunath aus eigener Kraft nicht mehr bis zum Italienergrab kommt, so geht sie den Weg doch immer noch in Gedanken. In das Gebet für die acht Italiener schließt sie wie immer auch ihre eigenen acht im Krieg verlorenen Angehörigen ein. Unendlich dankbar ist die 90-Jährige dem Grimmaer Dachdeckermeister Wolfgang Mohr. „Er hatte sich bei mir gemeldet und angeboten, fortan das Italienergrab zu pflegen“, sagt Margarita Kunath.

Manchmal holt er sie mit dem Auto ab und fährt sie an den Waldrand, um ihr zu zeigen, dass alles in bester Ordnung ist. Wilfried Kunath: „Sein Einsatz ist für uns das schönste Geschenk zu rundem Geburtstag und Eiserner Hochzeit. Vor allem: Herr Mohr ist ein richtiger Italien-Fan. Er hat eine italienische Fahne ins Grab gestellt und als Klingelton für sein Handy wählte er die italienische Nationalhymne.“

Von Haig Latchinian

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