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Einzelschicksal soll berühren – Naunhofer Gymnasiasten besuchen Synagoge von Leipzig

Stolperstein-Projekt Einzelschicksal soll berühren – Naunhofer Gymnasiasten besuchen Synagoge von Leipzig

„Kichen kenne ich. Aber dass ich einmal in eine Synagoge komme, hätte ich nie gedacht.“ Schülersprecherin Anja Barthel (15) zeigte sich überwältigt, als sie zusammen mit den anderen Neuntklässlern des Freien Gymnasiums Naunhof dieser Tage das jüdische Gotteshaus in Leipzig im Rahmen ihres Stolperstein-Projektes besuchte

Kunstvoll und ungewohnt: die Naunhofer Gymnasiasten beim Besuch in der Leipziger Synagoge.

Quelle: Andreas Döring

Naunhof/Leipzig. „Kirchen kenne ich. Aber dass ich einmal in eine Synagoge komme, hätte ich nie gedacht. Der Innenraum ist viel

Dass unter den Nationalsozialisten sechs Millionen Juden ermordet wurden, davon hatten die meisten Gymnasiasten durch Eltern und Fernsehen bereits erfahren. „Das liegt aber so weit zurück, damit habe ich mich nicht wirklich auseinandergesetzt“, bekannte Anja Barthel. „Neu war für mich, dass auch in Naunhof Juden verfolgt wurden.“ Die stellvertretende Schülersprecherin Lea Minio (15) ergänzte: „Jetzt erfahren wir etwas über die Hintergründe der Verfolgung. Das ist schließlich deutsche Geschichte.“

zog bewusst hier an der Synagoge vorbei. Es kommt auch immer wieder zu Hakenkreuz-Schmierereien“, berichtete Henry Lewkowitz, Geschäftsführer des Leipziger Vereins Erich-Zeigner-Haus.

Mit den Naunhofer Gymnasiasten erarbeitete er das Stolperstein-Projekt, um sie emotional an das Thema Judenverfolgung heranzuführen. So wird aus einer abstrakten Opferzahl ein Einzelschicksal, das berührt. Marie Mindel, die in der Bahnhofstraße 19 in Naunhof lebte, wurde „Beleidigung deutschblütiger Frauen“ vorgeworfen. Nach mehreren Verhaftungen erfolgte am 20. November 1941 die Deportation ins KZ, wo sie am 12. Mai 1942 durch die unmenschlichen und unhygienischen Bedingungen an Nierenversagen mit Harnvergiftung im Alter von nur 49 Jahren verstarb.

Für sie soll am 29. Mai, 9 Uhr, vor ihrem ehemaligen Wohnhaus ein Stolperstein verlegt werden. Derartige Steine gibt es europaweit bereits 60 000, jeder erinnert an ein anderes Opfer der NS-Diktatur. Die Aktion hat der Künstler Gunter Demnig 1992 ins Leben gerufen, er wird eigens zur Verlegung nach Naunhof kommen. Bereits am Vorabend, dem 28. Mai, hält er ab 18 Uhr im Bürgersaal einen Vortrag, der Eintritt dazu ist frei.

Dass dies alles möglich wird, ist der monatelangen akribischen Arbeit der Naunhofer Gymnasiasten zu verdanken. Das Erich-Zeigner-Haus trat an die freie Bildungsstätte heran mit seiner Projektidee, und Lehrerin Claudia Behzad sagte sofort zu. „Auch die Resonanz der Schule und der Elternschaft war positiv“, erklärte sie.

Unter ihrer Regie und der von Henry Lewkowitz durchforsteten die Gymnasiasten das Staatsarchiv in Paunsdorf, das Archiv der jüdischen Gemeinde von Leipzig und viele Online-Quellen nach dem Schicksal von Marie Mindel. Alle Informationen fassten sie in einem Flyer zusammen. Im März sammelten sie auf dem Naunhofer Markt Spenden für die Flyerproduktion, die Stolperstein-Verlegung und die Vortragsreise von Gunter Demnig. „Wir sind jetzt bei 400 Euro und brauchen noch 150 Euro“, zog Lewkowitz eine Zwischenbilanz. Er hofft auf weitere Hilfen.

Jüngster Teil des Projektes war nun der Besuch der Gymnasiasten auf dem Alten Jüdischen Friedhof von Leipzig und in der Synagoge. „Wir wollten sie an authentische Orte heranführen“, sagte Lewkowitz. Denn zumindest beim Gotteshaus handelt sich um eine Stätte, die Marie Mindel wohl regelmäßig betrat, wenn sie ihre Leipziger Verwandten besuchte.

Von vier weiteren jüdischen Familien, die zur NS-Zeit in Naunhof wohnten, weiß das Erich-Zeigner-Haus. „Auch um deren Schicksal müssten wir uns kümmern“, sagte Lewkowitz. Zur Aufarbeitung stünden aber auch alle anderen Opfergruppen an, zum Beispiel Sinti und Roma, Homosexuelle und Zeugen Jehovas, weshalb er das Forschungsprojekt auf alle Fälle weiterführen möchte.

Bei Lehrerin Claudia Behzad stößt er damit auf offene Ohren. „Mit der nächsten neunten Klasse will ich es fortsetzen“, sagte sie. „Politisch-historische Bildung ist nicht nur in Leipzig, sondern auch im Umland wichtig.“

Für die Naunhofer Stolpersteinverlegung wurde ein Spendenkonto eingerichtet:

Empfänger: Erich-Zeigner-Haus e.V.

IBAN: DE 94 860 555 92 11 002 798 96

Verwendungszweck: Stolperstein Marie Mindel Naundorf

Von Frank Pfeifer

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