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Grimma Engländer zur WM mit Heimrecht in Colditz
Region Grimma Engländer zur WM mit Heimrecht in Colditz
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00:22 12.07.2018
Schon im Colditzer Kriegsgefangenenlager auf Schloss Colditz spielten die Briten Football, wie der britische Häftling William Faithfull Anderson in Bildern festhielt. Quelle: Haig Latchinian
Colditz

Peggy Grünert vom Pub KaPe 2 am Sophienplatz ist gewappnet für einen Ansturm der britischen Touristen – wie eigentlich jeden anderen Tag auch: „Die essen am liebsten, was gar nicht auf der Karte steht, Currywurst mit Pommes. Sie hatten es sich dieser Tage gewünscht, also hab’ ich reagiert und das Gericht kurzerhand ins Programm genommen.“

Auf zwei großen Fernsehern können die Gäste von der Insel das Halbfinalspiel ihrer Lieblinge im Lokal verfolgen. Sie seien nett und somit gern gesehen, erklärt die Wirtin: „Sicher, sie sind recht laut, dafür aber trinkfest und sehr großzügig“, sagt sie und spielt auf das Trinkgeld an. Peggy Grünert tut alles, damit sich die Engländer fast wie zu Hause fühlen: „Ich habe extra Sprachkurse an der Volkshochschule besucht. Klar, mein Englisch ist nicht perfekt, aber zur Verständigung reicht es allemal.“

Auf Wunsch der Briten brät Peggy Grünert sogar Extrawürste. Quelle: Haig Latchinian

Ihr Dozent ist Muttersprachler Michael von John. Der Insulaner mit deutschen Wurzeln (deshalb auch der Adelstitel „von John“) wuchs in Großbritannien auf und siedelte Mitte der 1970er-Jahre nach Westdeutschland über. 2008 zog er nach Bad Lausick, arbeitet seitdem als Englischlehrer an Berufsschulen und Akademien: „All die Jahre haben unsere Fußballer so viel Pech gehabt – jetzt läuft es endlich mal richtig gut. Daher bin ich sehr glücklich und hoffe, dass wir ins Finale kommen“, sagt der Brite und ist stolz wie Oskar.

Dass die Deutschen so früh die Segel streichen mussten, hat er mit Schadenfreude zur Kenntnis genommen: „Sonst gewinnt ihr ja immer, ihr könnt’ den Dämpfer gut vertragen“, behauptet er augenzwinkernd. Das Spiel der Engländer gegen Kolumbien sah er sich bei seinem ebenfalls aus Großbritannien stammenden Kumpel Alex in Sermuth an.

Genau wie Alex führt auch Michael regelmäßig fremdsprachige Reisegruppen durch das Colditzer Schloss: „Der Besucherstrom von der Insel reißt nicht ab, die Begeisterung ist riesig, alle wollen das selbstgebaute Fluchtflugzeug sehen.“ Auf Schloss Colditz, der als ausbruchssicher geltenden Burg hoch über der Mulde, saßen während des Zweiten Weltkrieges alliierte Offiziere ein. Nicht irgendwelche, sondern all jene bad guys (böse Jungs), die anderswo schon Fluchtversuche unternahmen.

Michael von John ist Brite, lebt in Bad Lausick und arbeitet als Gästeführer auf Schloss Colditz. Quelle: Haig Latchinian

Annemarie Faust, mehrsprachige Schlossführerin, traut den Engländern gegen Kroatien durchaus einen Sieg zu. „Wenn es um den Fußball geht, sind die Engländer fanatisch.“ Selbst in Zeiten der Gefangenschaft kickten sie auf Schloss Colditz beinahe jeden Tag, weiß die Insiderin und zeigt in der Dauerausstellung mehrere Bilder, die der britische Häftling William Faithfull Anderson einst in Colditz malte.

Der gelernte Ingenieur galt als äußerst kunstsinnig. Seine Familie überließ dem Schloss die Zeichnungen als Dauerleihgabe. Gut zu erkennen sind Männer beim Ballspiel: „Stuhlball nannten die britischen Offiziere ihr Lieblingsmatch. Dabei jagten sie einem Stoffknäuel hinterher und versenkten es zwischen den Stuhlbeinen, die als Torpfosten dienten.“

Es habe Spiele zwischen Armee und Luftwaffe gegeben, aber auch Vergleiche etwa gegen französische und niederländische Mitgefangene. Pemberton Home Trophäe hieß der fast einen Meter große Siegerpokal aus Pappe, um den nach allen Regeln der Kunst gefightet wurde. Wer den gewonnen hatte, sicherte sich zudem ein ganzes Lebensmittelpaket.

Schiedsrichter war ein bekannter BBC-Reporter, der als Geistlicher verkleidet bei jedem Foul auf seiner Trompete blies. „Natürlich gab es auf dem Kopfsteinpflaster des Innenhofs immer wieder Schürfwunden an Ellenbogen und Knien“, sagt Gästeführerin Faust: „Im Frühjahr 1941 war eine Kommission des Roten Kreuzes aus der Schweiz da.

Sie überprüfte, ob auf Schloss Colditz die Genfer Konvention eingehalten wurde. Im Abschlussbericht hieß es vieldeutig, dass im Schlosshof nicht ausreichend frische Luft herrsche. Eine Art schlitzohrige Aufforderung, den Gefangenen ab sofort auch den angrenzenden Park für Sport und Spiel zugänglich zu machen.“

Zwar wurden die Schürfwunden auf der grünen Wiese nun seltener, die Fluchtversuche trotz aller Bewachung dagegen immer häufiger. „Der Park und der Weg dorthin wurden zur Schwachstelle im ach so ausbruchssicheren Schloss.“

Vor der Sophienschule weist ein Wegweiser in Richtung London. 1055 Kilometer. Vor der Pension an der Alten Schlossmauer weht der Union Jack. Und auch ansonsten ist Colditz auf Briten eingestellt. Wenn ihre Fußballer nur annähernd solche Teufelskerle sind wie der einst hier eingesperrte Pilot Douglas Bader, dann wird England ganz sicher Weltmeister: „Bader stürzte noch in Friedenszeiten bei einer Flugschau in Großbritannien ab, überlebte aber. Trotz zweier Unterschenkel-Prothesen meldete er sich als Kriegsfreiwilliger bei der britischen Luftwaffe.

Über Frankreich wurde er abgeschossen, konnte sich per Schleudersitz retten. Als er seine Prothesen wieder hatte, wollte er aus dem feindlichen Lazarett türmen. Prompt verschlug es den Unverbesserlichen auf Colditz Castle.“ Dort feuerte der Athlet die kickenden Inhaftierten an, er soll regelrecht gebrüllt und gedroht haben, bei Nichtbefolgen seiner Anweisungen selber das Tor zu hüten.

30.000 Briten jedes Jahr in Colditz zu Besuch

Es sind Geschichten wie diese, die jährlich 30 000 Briten, aber auch Kanadier und Australier, veranlassen, Schloss Colditz zu besuchen. Und so begrüßt Mario Gabbert an der Rezeption der benachbarten Europa-Jugendherberge immer wieder auch englischsprachige Gäste: „Zwar war in unserem Gemäuer einst die deutsche Kommandantur untergebracht, aber immerhin gehört auch die Herberge irgendwie zum Gesamtkomplex des Schlosses.

Die Briten jedenfalls sind froh und glücklich, ihr müdes Haupt an diesem geschichtsträchtigen Ort zu betten.“ Mit englischsprachigen Flyern und entsprechend geschultem Personal reagiere die Herberge auf die nach wie vor große Nachfrage: „Die Briten sind herzliche Menschen. Sie sagen einem mitunter ganz offen, dass sie viele Jahre auf genau diese Reise nach Colditz hingearbeitet hätten.“

So wie Jonathan Roe. Der Londoner ist mit seiner Frau da und überglücklich: „Ich freue mich, dass die Geschichte in Colditz lebt. Schon als kleiner Junge hatte ich die Filme über die Ausbrüche unserer Jungs gesehen. Unvergessen das legendäre Brettspiel ,Escape from Colditz’. Es durfte in keinem Haushalt fehlen.“

Als Fan vom FC Liverpool kann er den Beginn der neuen Saison kaum erwarten. „Naby Keita von RB Leipzig wechselt zu uns. Mal sehen, wie er einschlägt.“ Keine Frage dagegen sei, ob England Weltmeister wird: „Natürlich, Kroatien besiegen wir im Halbfinale 2:0. Im Endspiel revanchieren wir uns dann gegen Belgien für die 0:1-Niederlage.“

Jonathan Roe und seine Frau Karin sind fest davon überzeugt: „England wird Weltmeister!“ Quelle: Haig Latchinian

Alle Teile der LVZ-Serie „WM bei uns daheim“ finden Sie in unserem Online-Special.

Von Haig Latchinian

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