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Grimma Entsetzen über Anschläge in Naunhof – Stadträte verurteilen Tatserie
Region Grimma Entsetzen über Anschläge in Naunhof – Stadträte verurteilen Tatserie
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15:35 25.01.2016
„Handeln statt zusehen“, dieser Schriftzug prangt wie hier an der ehemaligen Pension Paulchen auch an den anderen beiden Tatorten. Quelle: Thomas Kube
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Naunhof

„Es scherbelte wahnsinnig laut, als der Stein nur 1,50 Meter von mir entfernt in meinem Wohnzimmer landete“, sagte Eichhorn. „Er hätte mich auch treffen können. Am schlimmsten ist aber, dass kleine Kinder mit im Haus wohnen. Sie sind jetzt sehr verunsichert.“

Fährtenhund im Einsatz

Gegen 5.50 Uhr waren fünf Steine gegen das Gebäude in der Grimmaer Straße geworfen worden, eine Scheibe ging zu Bruch, drei Fensterrahmen wurden beschädigt. „Ich dachte zunächst, das sei ein Besoffener“, so Eichhorn. „Als mein Schwager aber die beschmierten Zaunsäulen sah, war klar, dass es sich um einen gezielten Anschlag handelt.“ Der Politiker informierte die Polizei, die sämtliche Spuren sicherstellte. Laut Eichhorn kam ein Fährtenhund zum Einsatz, der am Stein in seiner Wohnung schnupperte und dann die Beamten einige Kilometer weit durch die Stadt führte. Den Einsatz des Tieres bestätigte Kathleen Doetsch, Pressesprecherin des Operativen Abwehrzentrums. Details nannte sie aber aus ermittlungstaktischen Gründen nicht. Auch Angaben zur Höhe der Sachschäden könnten noch keine gemacht werden.

Michael Eichhorn zeigt auf die eingeworfene Scheibe seines Wohnzimmers. Quelle: Thomas Kube

Der „Spruch Handeln statt zusehen!“, mit dem Eichhorns Zaun besprüht wurde, findet sich auch an den beiden anderen Tatorten. Gegen 6 Uhr wurden sieben Scheiben des ehemaligen Fitnesscenters gegenüber der Schlossmühle eingeworfen. Die Einrichtung ist seit dem 29. Dezember geschlossen; der Eigentümer plant, das Haus zu einer Unterkunft für rund 50 Asylbewerber umzubauen.

In der ehemaligen Pension Paulchen wohnen schon seit einem Dreiviertel Jahr Flüchtlinge, zurzeit sind es 36, unter ihnen acht Kinder. Schon in der Nacht vom 14. zum 15. Januar war dort eine Bierflasche von der Straße aus durchs Küchenfenster geflogen. Jetzt folgten die Schmierereien mit der gleichen Handschrift wie bei Eichhorn und im ehemaligen Fitnessstudio.

Das ehemalige Fitnesscenter von Naunhof zwischen Waldbad und Schlossmühle. Sieben Scheiben wurden eingeworfen. Quelle: Thomas Kube

„Unsere Bewohner machen sich darüber Gedanken, haben aber keine Angst“, sagte die Heimleiterin, die ihren Namen nicht öffentlich nennen will. Noch in dieser Woche sollen Überwachungskameras am Haus installiert werden, die das nächtliche Geschehen aufzeichnen.

Nach Eichhorns Meinung könnte die Tatserie eine Reaktion auf die öffentlich gewordene Anzeige einer 17-Jährigen sein. Sie hatte berichtet, dass sie am 12. Januar zwei Ausländer in der Schluppe zwischen Langer Straße und Zwirnereistraße überfallen hätten. Dieser Weg liegt mitten im Triangel von Eichhorns Wohnung, Fitnessstudio und Pension.

„Jedenfalls wird deutlich, dass der Angriff nicht mit meiner politischen Arbeit zusammenhängt, sondern mit meinem Einsatz im Verein Vielfalt-Leben-Naunhof“, so Eichhorn, auf dessen Anregung hin diese Hilfsorganisation für Flüchtlinge geschaffen worden war. „Ich lasse mich aber nicht beeinflussen, sondern mache genauso weiter wie bisher“, fügte er an.

Eichhorn: Hetze im Internet

Für ihn wird der Nährboden für fremdenfeindliche Aktionen im Internet bereitet. „Manche hetzen im Naunhofer Bürgerforum, das offen für alle ist. Sie denken, solches Verhalten wird von der Gesellschaft toleriert“, meint er. „Solange dort nicht die Botschaft vermittelt wird, dass derartige Taten abgelehnt werden, muss man sich nicht wundern über das, was geschieht.“

Entsetzen lösten die Anschläge bei Eichhorns Kollegen im Stadtrat aus. „Ich verurteile sie aufs Schärfste“, sagte Jörg-Dietmar Funke von der Unabhängigen Wählervereinigung. „Es muss in der Politik andere Möglichkeiten geben als Gewalt, egal, wen es betrifft.“ Für Gerold Meyer (CDU) steht fest: „In der Demokratie wird diskutiert und entschieden. Gewalt ist in jedweder Hinsicht abzulehnen.“ Mario Schaller und Heike Barthel von der Bürgerinitiative Naunhof erklärten: „Mit dem Angriff auf das Leben unseres Stadtratskollegen wurde eine Grenze in unserer Stadt überschritten, die wir nicht für möglich hielten. Gewalt ist definitiv kein Mittel der politischen Auseinandersetzung, stattdessen sollte der Dialog gesucht werden.“

„Wenn es ein Klima gibt, in dem jemand glaubt, im Landkreis Leipzig ein Konzentrationslager errichten zu können, wenn Steine in die Fenster von engagierten Lokalpolitikern geworfen werden, wenn es zu Brandanschlägen auf und eingeworfenen Scheiben in Unterkünften kommt, darf keiner mehr schweigend daneben stehen“, so Ingo Runge, Vorsitzender des SPD-Kreisverbands Leipzig. „Wer mit Gewalt gegen Menschen oder Sachen glaubt, andere einschüchtern zu können, darf sich in unserem Landkreis nicht sicher fühlen oder gar auf die Anerkennung einer schweigenden Menge hoffen.“

Zeugenaufruf

Das Operative Abwehrzentrum geht von einem fremdenfeindlichen Hintergrund aus und benötigt die Mithilfe von Zeugen für die Aufklärung dieser Straftat.

Tatort: Mühlgasse 24, Leipziger Straße 24 (Objekt „Paulchen“ - ehemalige Pension) und Grimmaer Straße 5 in Naunhof, Tatzeit: Sonntag, 24. Januar, zwischen 1 Uhr bis 6 Uhr.

Wer zur fraglichen Zeit in den benannten Bereichen war und sachdienliche Hinweise zu Personen oder andere Informationen geben kann, wird gebeten, sich bei der Kriminalpolizei, Dimitroffstraße 1 in Leipzig (Telefon 0341/96 64 66 66) oder jeder anderen Polizeidienststelle zu melden.

Von Frank Pfeifer

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