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Grimma Erschütternder Bericht aus Erdmannshain
Region Grimma Erschütternder Bericht aus Erdmannshain
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08:05 27.02.2019
Erhalten das Dokument für die Nachwelt: Wolfram Just (re.) übersetzte die Erdmannshainer Chronik, die er in den Händen hält, von der deutschen in die lateinische Schrift; Benno Schmidt digitalisiert sie am Computer. Quelle: Thomas Kube
Naunhof/Erdmannshain

Kaum ein Deutscher versteht noch Deutsch. Was sich wie der von manchen befürchtete Untergang abendländischer Kultur anhört, ist längst Realität geworden – in Bezug auf die Schrift. Wolfram Just aus Erdmannshain kann sie noch lesen und übertrug gerade eine wertvolle Chronik in die längst gebräuchlichen lateinischen Buchstaben. Sie behandelt die Geschehnisse im Dorf während des Ersten Weltkriegs.

Ein Fund vom Dachboden

„Verfasst hat sie Bauer Johannes Lindner“ berichtet der stellvertretende Vorsitzende des Heimatvereins Erdmannshain. „Als die neuen Eigentümer des Hofs den Dachboden aufräumten, fanden sie das alte Buch.“ Entziffern konnte die Schrift allerdings keiner mehr. Selbst der 83-jährige Just hatte sie nie erlernt, vermag sie aber zu entziffern. Damit das Dokument, das er für sehr wichtig hält, nicht noch einmal in Vergessenheit gerät, machte er sich an die Übersetzung.

Text wird digitalisiert

Doch das war nur ein Zwischenschritt. „Beim Umgang mit der neuen Technik habe ich meine Grenzen“, gibt er schmunzelnd zu. Es fügte sich, dass Benno Schmidt (66) am 1. Januar dieses Jahres dem Heimatverein beitrat. Den übersetzten handgeschriebenen Text gab er bereits zum Großteil in seinen Computer ein. „Solche Leute brauchen wir, damit unsere Heimatgeschichte erhalten bleibt“, betont Wolfram Just.

Chronik beginnt mit Attentat

Beide kennen somit die Chronik und machen mit einigen Details schon mal neugierig auf das Gesamtwerk. „Es beginnt mit dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo. Viele Bauern aus Erdmannshain wurden einberufen; es wurden Pferde beschlagnahmt, später auch die große Glocke unserer Kirche“, berichtet Just.

Am 4. August 1914 sei das Gerücht aufgekommen, Franzosen würden in einer Geheimaktion Gold durch Deutschland nach Russland transportieren. „In Erdmannshain wurden alle Straßen mit quergestellten Leiterwagen gesperrt. Jeder musste kontrolliert werden“, weiß Just.

Erschütternder Bericht über Not

Großes Elend herrschte 1916. „Weil es an Kraftfutter mangelte, starben teilweise Rinder, oder sie mussten notgeschlachtet werden“, erklärt Benno Schmidt. „Die Hoffnung auf Grünfutter im Frühjahr wurde enttäuscht, denn am 28. Mai setzte eine große Trockenheit ein. Hafer und Weizen wuchsen schlecht.“ Ein schweres Gewitter schlug das wenige Getreide nieder; das Wasser sammelte sich in den Niederungen, woraufhin die Kartoffeln verfaulten.

Aus Euphorie wird Resignation

„Am Anfang schrieb Bauer Lindner aus Pflichtbewusstsein und euphorisch. Doch das änderte sich, als die Not einsetzte. Dann wurde er sachlich“, urteilt Schmidt. Und Just fährt fort: „Die Resignation war ihm anzumerken. Anfang 1918 hofften die Menschen auf Frieden, doch noch immer mussten Erdmannshainer zur Front und starben dort.“

Für fast 4000 Mark sei im Mai 1920 für die Gefallenen ein Kriegerdenkmal gesetzt worden. Die Zeit nach der Novemberrevolution bezeichnete Lindner als die schlimmste für Deutschland. Alles sei teuer geworden. „Viele Krieger hatten während der fünf Jahre das Arbeiten verlernt und wollten nun nichts mehr machen“, heißt es gegen Ende seiner Chronik. „Der Schieberhandel wurde wie toll getrieben, es wurde geraubt und gemordet. Niemand war mehr seines Lebens sicher, vom Eigentum ganz zu schweigen.“

Krieg in seiner Tragik vor der Haustür

„Leuten, die heute glauben, Krieg sei weit weg und ein Kinderspiel, sollte diese Chronik vor Augen gehalten werden“, meint Wolfram Just. „In ihr zeigt sich, wie er in all seiner Tragik vor der eigenen Haustür vonstatten geht.“

Erdmannshain bereitet sich auf 750-Jahr-Feier vor

Eine Reihe weiterer historischer Dokumente, die digitalisiert werden müssen, liegt vor Benno Schmidt. „Das alles kriegen wir gar nicht in der Broschüre unter, die wir 2022 zur 750-Jahr-Feier von Erdmannshain herausbringen wollen“, schätzt er. „Aber wir könnten in ihr Querverweise auf sie und damit auch auf die Chronik von Bauer Lindner erstellen.“

Von Frank Pfeifer

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