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Grimma Frist abgelaufen: Ausverkauf für Kulturgut von Trebsen
Region Grimma Frist abgelaufen: Ausverkauf für Kulturgut von Trebsen
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11:31 27.07.2018
Wohin mit all den Beständen? Das fragt sich Uwe Bielefeld, Vorsitzender des Fördervereins Rittergut Trebsen. Quelle: Frank Pfeifer
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Trebsen

Die Uhr tickt, doch die Rettung des Sächsischen Bauteilearchivs in Trebsen lässt weiter auf sich warten. Zur vom Sächsischen Innenministerium (SMI) zugesagten Tiefensichtung des Bestands kam es noch nicht, eine Frist zur Lösungsfindung verstrich. So läuft der Ausverkauf des Kulturguts schleppend weiter und umfasst nun auch Gegenstände, die der Freistaat auf jeden Fall gesichert wissen wollte.

Reaktionen vom SMI erhält der Förderverein Rittergut Trebsen, der die Sammlung angelegt hat, nur, wenn gerade mal wieder öffentlicher Druck entsteht. „Als der jüngste Beitrag der LVZ im April erschien, meldete sich am selben Tag das Ministerium“, schildert der Vereinsvorsitzende, Uwe Bielefeld. „Das dort angegliederte Landesamt für Denkmalpflege bat um einen dringlichen Termin. Die Chefin und ein Vertreter des Innenministeriums kamen schon am nächsten Tag, sahen sich Bergelager und Bauteilearchiv an, um Entscheidungen vorbereiten zu können. Ich führte sie durch die Räume und erklärte ihnen, warum wir bis Ende September ausziehen müssen.“

Volle Regale: Alte Treppengeländer sind nur etwas für Liebhaber oder jene, die ein spezielles Stück suchen. Quelle: Frank Pfeifer

Ministerium lässt Frist verstreichen

Vereinbart wurde nach Bielefelds Worten, dass bis zum 31. Mai eine Klärung des Problems erfolgen sollte. Gemeldet hatte sich aber niemand mehr bei ihm. „Still ruhte der See“, kritisiert er. Die gesetzte Frist bestätigt Alexander Bertram, Pressesprecher des Innenministeriums. Wegen „Verzögerungen bei der Prüfung von möglichen Varianten der Fortführung des Archivs“ sei der Termin Ende Mai jedoch nicht eingehalten worden. Zwischenzeitlich wäre aber eine Rückkopplung erfolgt.

Diese allerdings kam ebenfalls nicht aus eigenem Antrieb des Ministeriums zustande. Eine erneute Rechercheanfrage der LVZ beim Ministerium bewirkte, dass bei Bielefeld wieder das Telefon klingelte. „Der Referatsleiter für Denkmalschutz informierte mich über den aktuellen Stand der Bemühungen, Alternativen für die Einlagerung des Bauteilearchivs zu finden“, rekapituliert er. „Bisher habe der Freistaat keinen anderen Verein oder eine Institution gefunden, die es übernehmen wollen.“

Türen in vielfältiger Ausführung: Diese hat der Verein vor der Vernichtung gerettet. Quelle: Frank Pfeifer

Laut Ministeriumssprecher Bertram würde Sachsen eine Fortführung des Archivs durch einen privaten Träger bevorzugen und beabsichtigt nicht, es selbst zu übernehmen. Die Idee, erhaltenswerte Bestandteile ins Wermsdorfer Schloss Hubertusburg zu bringen, sei noch aktuell. Bielefeld hält das für illusorisch. „Es würde jahrelanger Planungen und Umbauten bedürfen, um die Exponate dort museumsähnlich zu präsentieren“, meint er und fordert: „Wenn sich bis Ende September keine positive Lösung findet, muss der Freistaat die Bestände in eigener Regie übernehmen.“

Bauliches Kulturgut steht zur Disposition

Gerungen wird schon lange um eine praktikable Lösung. Bauteilearchiv und Bergelager würden historische Handwerkstechniken und die Entwicklungsstufen von regionaltypischen Bauteilformen dokumentieren, urteilte im Oktober vergangenen Jahres der damalige Innenminister Markus Ulbig (CDU). Wenigstens jene Teile, die der Rittergutsverein bei Gebäudeabrissen in der Folge denkmalschutzrechtlicher Auflagen des Freistaats barg und einlagerte, müssten geschützt und gepflegt werden. Das sei ein gesetzlicher Auftrag an die öffentliche Denkmalpflege.

Im Dezember befasste sich der Landtag mit dem Thema, im Januar der Innenausschuss. Daraufhin wurde das Landesamt für Denkmalpflege laut Bertram beauftragt, „den aktuellen Bestand des Bauteilarchivs in einer Weise zu sichten, die einen Rückschluss darauf zulässt, wie weit das öffentliche Interesse an einer Bestandserhaltung geht, worauf das öffentliche Interesse im Einzelnen gerichtet ist und wie die baulichen Anforderungen an eine weitere Verwahrung und Präsentation sein müssten.“ Diese vertiefte Sichtung, räumt der Ministeriumssprecher ein, ist noch nicht erfolgt.

Nach Bertrams Worten geht es dem Freistaat darum, eine Veräußerung von Gegenständen zu verhindern, die das Landesamt für Denkmalpflege 2015/’16 registriert hatte. Der Abverkauf auch dieser Exponate hat aber im Juni begonnen, weil Bielefeld nicht ewig auf Entscheidungen warten kann. Das Bauordnungsamt Grimma sitze ihm im Nacken, argumentiert er. Die Sammlungen lagern in der ehemaligen Trebsener Papierfabrik, die 2002 und 2013 bei Hochwassern der Mulde stark beschädigt worden ist. „Der Eigentümer aus Delitzsch müsste für eine Weiternutzung stark investieren, vor allem in den Brandschutz“, erläutert Bielefeld. „Eigentlich dürften wir hier gar nicht mehr drin sein.“

Sonderverkauf soll Lagerbestand reduzieren

Trotz inzwischen erheblicher Preisnachlässe nimmt nach seinen Worten der Bestand kaum ab, denn vieles –von alten Türen über Fenster und Treppengeländer bis hin zu Ofenkacheln – ist nur für jene interessant, die ein ganz bestimmtes Teil suchen. „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand und wissen mit dem Material nicht, wohin“, gesteht er. Am Sonnabend werde es den nächsten Sonderverkauf geben, und bis September weitere. Danach muss der Verein fast zum Nulltarif Antik- und Baustoffhändlern die Reste anbieten, die sie weiterverwerten oder entsorgen. „Der Großteil wird in den Westen gehen“, mutmaßt Bielefeld.

Viele seiner Besucher hätten Unverständnis über das Handeln des Freistaats geäußert. „Jeder private Denkmalbesitzer wird durch die Behörden geknechtet, sagen sie, und der Staat selber zieht sich aus seiner Verantwortung zurück. Ehemalige Mitarbeiter, und davon hatten wir in der Bergung und Einlagerung hunderte beschäftigt, sehen im Verhalten des Staates eine Schande, denn sie brachten ein Stück Lebenszeit für eine gute Sache ein: die Bewahrung von baulichem Kulturgut.“

Und wie geht es Bielefeld selbst? „Ich bin persönlich enttäuscht“, erklärt er. „Aus meiner Sicht ist es unkollegial und unhöflich, sich nicht an vereinbarte Fristen zu halten.“

Sonderverkauf Bergelager und Sächsisches Bauteilearchiv, Trebsen, Fabrikstraße 5, am 28. Juli, 10 bis 16 Uhr

Von Frank Pfeifer

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