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Geboren am 9. November: Eichaer kann Vorurteile nicht mehr hören

Geboren am 9. November: Eichaer kann Vorurteile nicht mehr hören

Er hat sie satt, diese ewige Unterscheidung in Ossis und Wessis. Das Thema ist für André Engelhardt aus Eicha, der beide Seiten Deutschlands vor dem Mauerfall kennenlernen durfte, längst durch.

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Liebt die Freiheit der Natur: André Engelhardt, der sich gegen die Enge von Vorurteilen wendet, in seinem Eichaer Garten.

Quelle: Frank Pfeifer

Naunhof/Eicha. Umso mehr ärgern ihn die Plakate, die er momentan in seiner Stadt sieht. Sie kündigen unter dem Titel "Heul doch Wessi" eine Buchlesung am 10. November im Naunhofer Bürgersaal an.

"Ich finde das nicht witzig", meint er in Anspielung auf den Namen des Autors Holger Witzel, der für die Illustrierte Stern die Kolumne "Schnauze Wessi" schreibt. Verärgert rief Engelhardt, wie er sagt, im Naunhofer Rathaus an, wieso die Stadt für die Lesung einen Raum zur Verfügung stellt. Eine Antwort habe er nicht erhalten. "Wir hatten im vergangenen Jahr eine Bürgermeisterwahl", holt er aus. "Und jeder der Kandidaten wollte, dass wir mehr Investoren zu uns ziehen, damit die Stadtkasse gefüllt wird. So eine Veranstaltung, wie sie nun geplant ist, hängt aber nicht mit einer Willkommenskultur zusammen. Sie schreckt potenzielle Unternehmer aus Westdeutschland ab."

Quasi per Geburt ist André Engelhardt mit dem Fall der Mauer verbunden, den er als "Erlebnis meines Lebens" beschreibt. Gefeiert hatte er den 9. November schon in jedem Jahr, denn es handelt sich um seinen Geburtstag. Doch dieses eine Mal im Jahre 1989 bleibt für ihn in ewiger Erinnerung. "Es war ein befreiendes Gefühl", sagt er.

Dabei hatte er Bevormundung und Gängelei, die ihn störten, längst hinter sich gelassen. In Leipzig aufgewachsen, manche Kindertage auf einem Wochenendgrundstück in Eicha verbracht und Autoschlosser gelernt, beantragte er mit seiner damaligen Frau die Ausreise und verließ nach zweieinhalbjähriger Wartezeit im Februar 1988 die DDR. Seine gesamte Verwandtschaft väterlicherseits und sein Bruder wohnten damals schon in der Bundesrepublik. Ihn zog es nach Westberlin, wo er sein Fachabitur machte und Sozialpädagogik studierte.

23 wurde er an jenem Tag, der in die Geschichte einging. Als er im Stadtbezirk Schöneberg seinen Geburtstag in kleiner Runde beging und von den Ereignissen an der Berliner Mauer erfuhr, musste er los, selber schauen. "Ein historisches Ereignis zum Anfassen nah, so etwas wird es für mich wohl nicht mehr geben", meint er. "Ja, der Begriff Friedliche Revolution ist richtig gewählt."

Dennoch hatte sich der junge Mann damals etwas anderes gewünscht, als es die Entwicklung mit sich bringen sollte. Er träumte von einem dritten Modell für ganz Deutschland oder wenigstens die DDR, das nicht nur auf Wachstum ausgerichtet sein sollte, sondern mehr auf die Menschlichkeit. Demokratie beruhe aber nun einmal auf Mehrheiten, auch wenn es nicht immer sinnvoll und gut sei, für was sich die Mehrheit ausspreche. "So kann ich verstehen, dass sich beide Staaten vereinigen wollten. Und etwas besseres als Demokratie haben wir eben im Moment nicht", erklärt er.

Wer seinerzeit jedoch gerufen habe "Wir sind ein Volk!", der könne heute nicht sagen, er wolle keine Wessis hier haben. Verallgemeinerungen seien stets Stammtischparolen. Es gebe nicht die Autofahrer, die Radfahrer oder die Wessis. "Auch wenn das krass klingt, aber mit solchen Begriffen werden Feindbilder aufgebaut, man spricht von Juden, Ausländern und Wessis", beschreibt er seinen Standpunkt. "Psychologisch gesehen, sind das Stellvertreterauseinandersetzungen. Als Ossis bezeichnen sich Leute mit einem schwachen Selbstbewusstsein, die sich auf diese Weise eine Ersatzidentität schaffen."

Engelhardt hält nichts davon, Vorurteile zu bedienen, auch wenn das auf eine lustige Weise geschehen sollte. Der Leiter zweier stationärer Jugendhilfeeinrichtungen in Großpösna und Borna, der mit neuer Ehefrau und fünf Kindern in Eicha lebt und am Sonntag seinen 48. Geburtstag feiert, weiß um die Individualität von Menschen. "Jeder von uns tickt anders", sagt er. "Wir sollten aber auf das schauen, was uns verbindet, und nicht auf das, was uns trennt, auch wenn es zweifellos Mentalitätsunterschiede zwischen Ost und West, zwischen Nord und Süd gibt." Für ihn als Christen zähle der Bibelspruch "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", und er ergänzt ihn um die Worte: "Nicht mehr, und nicht weniger." Die Menschen sollten offen sein für jeden, egal woher er kommt. "Ich sehe mich als Weltbürger."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.11.2014
Pfeifer, Frank

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