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Geschichte zum Anfassen: Naunhofer Gymnasiasten putzen Stolperstein

Bildung Geschichte zum Anfassen: Naunhofer Gymnasiasten putzen Stolperstein

Die Nacht vom 9. November 1938 war verhängnisvoll. Als Reichskristallnacht bekannt geworden, markiert sie den Startpunkt der systematischen Judenverfolgung- und Ermordung. Eins der vielen Opfer der Nationalsozialisten war Marie Mindel, an die die Naunhofer Gymnasiasten in einer Projektarbeit erinnern.

Marie Mindel Naunhof wohnte in der Naunhofer Bahnhofsstraße und fiel dann dem NS zum Opfer.

Quelle: Thomas Kube

Naunhof. Umgeben von dunklem Asphalt, eingerahmt durch hellgraue Pflastersteine, bildet der glänzende Stolperstein, der in der Naunhofer Bahnhofsstraße an Marie Mindel erinnert, einen Kontrast zu seiner Umgebung. Geboren 1892 in Polen unter dem Mädchennamen Malecki, zog sie in den 1930ern nach Naunhof, um dort in dem Haus mit der Nummer 19 mit ihrem Ehemann gemeinsam zu leben. Sie war Jüdin, er lutherisch-evangelisch. Aus der Ehe gingen drei Töchter hervor.

1940 wurde sie in Naunhof verhaftet. Wie die Schüler am Donnerstag in einem Zeitzeugengespräch mit der Urenkelin des Opfers erfuhren, wurde Marie Mindel verraten. „Sie kam elf Minuten nach Beginn der Sperrstunde nach Hause“, berichtet Michaela Nasoetion, die gemeinsam mit ihrer Tochter Anna eigens aus Berlin angereist war. 1942 verstarb Marie Mindel im Konzentrationslager in Ravensbrück.

Naunhofs erster Stolperstein glänzt wieder

Nasoetion hatte im Sommer erfahren, dass die Naunhofer Gymnasiasten sich mit dem Schicksal ihrer Vorfahrin beschäftigen und schrieb den Schülern kurzerhand einen Brief. „Ich habe durch das Verlegen des Steines wieder Kontakt mit Verwandten aufgenommen, die mir mehr über meine Urgroßmutter erzählen konnten“, so Nasoetion, die gemeinsam mit den Zehntklässlern Gina Kleinig und Lukas Seidel auf die Knie ging, um Naunhofs ersten Stolperstein zu putzen. Nach wenigen Minuten war das Denkmal auf Hochglanz poliert, die Inschrift, die kurz und knapp das Schicksal Marie Mindels zusammenfasst, wieder lesbar.

„Dadurch, dass meine Mama sich intensiv mit dem Thema befasst hat, habe ich auch viel davon mitbekommen“, berichtet Anna Nasoetion. Sie habe sich selbst schon oft mit dem Nationalsozialismus und seinen Opfern befasst. „Aber dass auch meine Familie betroffen war, daran habe ich damals gar nicht gedacht.“

Das Andenken ist keine Selbstverständlichkeit

Richard Wolff, Cousin von Marie Mindels Schwiegersohn, ist mittlerweile 89 Jahre alt. Auch er kam eigens aus Leipzig angereist, um an der Gedenkaktion teilzunehmen. Für ihn ist es nicht selbstverständlich, dass Teenager sich der Thematik in dieser Form annehmen. „Ich bin sehr erfreut und dankbar, wirklich.“

Nachdem der Stein mit Schwamm und Edelstahlreiniger geputzt war, verlasen Leonie Gemander und Benjamin Jahn die Biografie Mindels. Die beiden Elftklässler haben sich in ihrer Facharbeit intensiv mit Marie Mindel beschäftigt und über die Zeit des Projekts eine große Nähe zum Thema aufgebaut. „Es ist wichtig an den Nationalsozialismus zu erinnern. Und es hat Spaß gemacht, sich dem Thema im Unterricht auf diese Weise zu nähern“, so der 17-jährige Benjamin.

Geschichte zum Anfassen motiviert zum Weitermachen

Leonie, ebenfalls 17: „Es ist ein ganz anderes Gefühl, als die Geschichte nur erzählt zu bekommen und aus Büchern zu lernen. Wir haben die alten Dokumente gesehen. Wir haben hier etwas in der Hand. Das motiviert dazu weiterzumachen und die Erinnerungskultur in Naunhof auszubauen.“

Weitermachen, das wollen die Naunhofer Schüler mit der Unterstützung ihrer Geschichtslehrerin Claudia Behzad. Und die verspricht: „Es wird weitere Stolpersteine in Naunhof geben.“

Von Nathalie Helene Rippich

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