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Grimma Gewalt in der Familie: Täterkreis reicht vom Arbeitslosen bis zum Akademiker
Region Grimma Gewalt in der Familie: Täterkreis reicht vom Arbeitslosen bis zum Akademiker
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14:03 19.05.2015

Die Einrichtung mit Sitz in Markkleeberg ist für die Landkreise Leipzig und Nordsachsen sowie die Stadt Leipzig zuständig. Entscheidender Unterschied etwa zu einem Frauenhaus, wie es in Borna existiert: Hier geht es um die Täter, die Verursacher physischer, psychischer und sexueller Gewalt.

117 Fälle davon wurden im letzten Jahr bei Triade beraten, keineswegs nur mit Männern als Tätern. "15 Prozent der Fälle sind Frauen", sagt Annett Engelmann. Wobei es sich bei häuslicher Gewalt nicht nur um Probleme zwischen Paaren in klassischen Beziehungen handelt, sondern auch, wenn Jugendliche über 18 Jahre in die Beratungsstelle kommen, die Gewalt gegen ihre Eltern ausüben. Auch eine Folge der Sozialgesetzgebung, die dazu führt, dass junge Hartz-IV-Bezieher bis zu ihrem 25. Lebensjahr mit ihren Eltern unter einem Dach leben müssen, daraus resultierende Schwierigkeiten inclusive.

In der Beratungsstelle der Triade GbR gibt es zunächst ein - kostenloses und unverbindliches - Gespräch, bevor die eigentliche Beratung beginnt. Voraussetzung für die Fortsetzung der Gespräche, so Annett Engelmann, ist neben dem Willen der Probanden, an seiner Gewalttätigkeit zu arbeiten eine Vereinbarung mit der Beratungsstelle. Die Beratungsstelle wird zu 90 Prozent mit Geldern des sächsischen Sozialministeriums finanziert wird. Der Rest sind Eigenmittel.

Wer sich beraten und helfen lassen will, zahlt einen kleinen Obolus, der bei Arbeitslosen einen Euro pro Beratung beträgt. Es folgen Einzel- und später auch Gruppengespräche, wobei, so Beraterin Engelmann, Männer von Männern und Frauen von Frauen beraten werden. Das Spektrum der Täter, oft auch auf Druck ihrer Partner ("Ich verlasse dich, wenn du so weiter machst.") reicht vom Arbeitslosen bis zum Akademiker. Von den 117 Fällen im letzten Jahr kamen 20 aus dem Landkreis Leipzig. Dass das vergleichsweise wenig sind, heißt allerdings nicht, dass es im ländlichen Raum weniger Gewalt gäbe. Beraterin Engelmann verweist auf ganz praktische Aspekte. Es sei eben ein Unterschied, von Leipzig aus einfach in die Straßenbahn zu steigen, um zu Beratungsstelle zu kommen, als sich von Geithain oder Frohburg aus dorthin zu bewegen.

Annett Engelmann betont, dass es sich oftmals um psychische Gewalt handelt, die zum familiären Problem wird und sich dann in physischer Gewalt zuspitzt. Die übermäßige Kontrolle von Partner und Partnerin, Einschüchterungen und Beschimpfungen oder Beleidigungen. Probleme, die über Jahre anwachsen. "Oftmals dauert das ein bis fünf Jahre", so Annett Engelmann. "Die wenigsten sind sofort bei uns." Nicht selten vermischen sich physische und psychische Gewalt. Günstig ist es für eine erfolgreiche Beratung, wenn sie in einer Phase einsetzt, in der es zwischen beiden Partnern wieder besser läuft. Jener Zeit, in der sich beide wieder Partner liebe- und verständnisvoll umeinander bemühen, nachdem es zuvor gewalttätige Auseinandersetzungen gegeben hat. "Das ist die Zeit, in der Blumen und Pralinen mitgebracht werden", sagt die Expertin, die so genannte Blümchenphase. Oftmals spielen verschiedene Männer- und Frauenbilder eine Rolle, vielfach sind Kinder von den häuslichen Auseinandersetzungen betroffen. Untersuchungen haben ergeben, dass 85 Prozent der Täter als Kind selbst von Gewalt betroffen waren, was freilich keineswegs eine Zwangsläufigkeit zur Folge haben muss, betont Annett Engelmann. Die Beratungen enden in den allermeisten Fällen erfolgreich. Von den etwa 55 Tätern, die die Triade-Berater 2014 längerfristig begleitet haben, gab es am Ende drei Rückfälle. Wobei sich Erfolg am Ende durchaus anders definieren lässt als nur mit einer glücklichen Familie. "Es geht darum, gewaltfrei miteinander zu leben", sagt die Beraterin.

Auch wenn sich Paare mit Kindern getrennt haben, kann Beratung getrennt erfolgen, um dennoch als Eltern miteinander gewaltfrei umzugehen. Annett Engelmann: "Manche kommen nach Jahren wieder, weil sie in einer neuen Beziehung gewaltfrei leben wollen und merken, dass sie erneut an ihren Aggressionen arbeiten müssen." Dann sei die Schwelle, erneut zur Beratung zu kommen, nicht mehr so hoch. Sie kämen von sich aus wieder.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 05.05.2015
Nikos Natsidis

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