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Grimma Gewerbetreibende gegen Straßenneubau
Region Grimma Gewerbetreibende gegen Straßenneubau
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00:20 22.05.2018
Tischler-Azubi Gordian Schneider in der Tischlerei des Kranwerkes. Quelle: Andreas Döring
Naunhof

Eine neue Verkehrsader will Naunhof zwischen der Wurzener und der Großsteinberger Straße schaffen. Voraussichtlich im Herbst soll sich der Stadtrat mit dem Projekt befassen. Etliche Gewerbetreibende lehnen das Vorhaben jedoch rundweg ab. Zwei etablierte Einrichtungen bangen gar um ihre Existenz: das Alte Kranwerk und das Hotel Rosengarten.

Pläne für Straße zur Entlastung der Innenstadt

Die Pläne für die neue Straße gehen auf ein Verkehrskonzept zurück, das die Stadt 2003 erstellen ließ, um, wie Bauamtsleiter Thomas Hertel erläutert, „die Innenstadt vom Schwerlastverkehr zu entlasten.“ Die ersten zwei in dem Dokument vorgeschlagenen Erweiterungen des Straßennetzes sind verwirklicht: der Bau von Ladestraße und Straße des 9. November. Nun soll die dritte und letzte Etappe folgen. Die Idee dahinter lautet, Autos sollen von der Straße des 9. November geradeaus durch zur Großsteinberger Straße gelangen, ohne die Bahnlinie zweimal queren zu müssen.

Negative Auswirkungen auf das Alte Kranwerk

Schon die Ankündigung hat Auswirkungen auf das Alte Kranwerk. „Ich kann keinen neuen Lehrling mehr aufnehmen, weil ich ihm nicht versprechen kann, ihn über drei Jahre zu behalten“, sagt Tischlermeister Mario Huke. Kommt die Straße, wie sie im Gespräch ist, verlaufe sie durch den hinteren Teil der Tischlerhalle, die somit abgerissen werden müsste. „Das macht alles keinen Sinn“, fügt Lehrling Gordian Schneider aus Leipzig an, der gerade sein Gesellenstück, eine fußbetriebene Drechselbank nach erzgebirgischem Vorbild, fertigt und sich speziell diesen Betrieb suchte, weil dort die tradierte Handarbeit im Vordergrund steht.

Die Tischlerei des Alten Kranwerkes Naunhof. Durch diesen Bereich, so fürchtet die Einrichtung, soll die neue Straße führen. Quelle: Andreas Döring

Bis zu 1,3 Millionen Euro würde es die Stadt laut Kranwerkschef Heiko Guter kosten, eine Ersatzhalle zu errichten. Diese stünde dann im Hof seines Betriebs, der mit zehn Beschäftigten nicht nur am Standort auf vielfältige Weise Kultur anbietet, sondern auch im In- und Ausland Mittelaltermärkte gestaltet, wie an diesem Wochenende die Ritterspiele in Trebsen. „Unsere ganze Logistik würde zerstört, Lastwagen könnten nicht mehr wenden“, befürchtet er. „Insgesamt würden wir 800 Quadratmeter verlieren, darunter den gesamten Grünanteil der Anlage. Das gefährdet unseren Kulturbetrieb.“

Die Tischlerhalle von außen. Mit ihr könnte auch das Grün des Alten Kranwerks verschwinden. Quelle: Andreas Döring

Insgesamt, so rechnet er vor, würden 2,7 Hektar Grün – zum Teil durch Zwangsenteignungen – verschwinden in einer Stadt, die mit dem Slogan wirbt, grünes Herz des Parthelands zu sein.

Raschke: Diese Straße wäre für uns tödlich

„Diese Straße wäre für uns tödlich“, sagt deshalb Wolf-Rüdiger Raschke vom Hotel Rosengarten, das direkt an der neuen Achse liegen würde. „Wir leben von unserer ruhigen Lage, viele Gäste kommen deshalb extra von Leipzig zu uns raus. Darunter sind auch einige, die nachts arbeiten und tagsüber schlafen. Wenn hier Lastwagen durchdonnern, war’s das.“

Braun: Warum soll das Gewerbegebiet kaputt gemacht werden?

Bislang können Autofahrer von der Straße des 9. November über die desolate Luther- und Nordstraße nach Großsteinberg fahren oder die neu gebaute Ladestraße jenseits der Schienen nutzen. Bei diesen beiden Varianten sollte es auch bleiben, so die Stimmung im Gewerbepark an der Ladestraße. „Wenn man die neue Straße zu den zwei bestehenden Verbindungen dazu zählt, erhalten wir die kürzeste Autobahn der Welt – sechs Spuren auf einer Breite von reichlich 100 Metern“, kritisiert Manrico Tenner vom Floristikfachgeschäft Raumzauber-Sinnwelt.

„Drei parallele Straßen mit so kleinem Abstand machen keinen Sinn“, meint Lydia Braun, Inhaberin des Reisebüros Naunhof, die eine Abnahme des Kundenstroms befürchtet. Und Regina Keller, Leiterin des Rewe-Marktes, erklärt: „Viele kommen aus Richtung Autobahn bei uns vorbei und kaufen ein. Das Gewerbegebiet wird von den Kunden angenommen, warum sollte es jetzt kaputt gemacht werden? Wir wollen unsere Umsätze steigern, davon profitiert die Kommune über die Gewerbesteuer.“

Für Heiko Guter bringt die neue Straße nirgendwo eine wirkliche Entlastung. Fuhrunternehmen würden ihre Lastwagen weiter von Großsteinberg durch die Stadt nach Leipzig schicken, um einen Umweg von 2,3 Kilometern über die Straße des 9. November zu vermeiden. Die Busse müssten weiter über die Ladestraße den Bahnhof anfahren. Und die Zeitersparnis auf der neuen Straße betrage bei Tempo 30 gerade mal 13 Sekunden.

Konzept für Verlauf in Arbeit

Zurzeit wird ein Konzept erstellt mit verschiedenen Varianten für den Verlauf der neuen Straße. „Ich denke, im Herbst wird der Stadtrat in nichtöffentlicher Sitzung darüber beraten“, kündigt Bauamtsleiter Hertel an. Heiko Guter hofft, wie er sagt, „auf die Vernunft der Kommune“ und hat schon eine Klage vorbereitet.

Guter sieht sich von Stadt getäuscht

Als er 2007 das Kranwerk erwarb, unterbreitete er der Stadt für den Bereich, auf dem die neue Trasse verlaufen soll, ein Kaufangebot. „In Treu und Glauben, dies tun zu müssen. Mit ihrem überlegenen Wissen hatte mich die Kommune damals arglistig getäuscht“, sagt er. „Heute ärgere ich mich, dass ich keinen Anwalt genommen habe.“ Kurz vor Ablauf einer zehnjährigen Frist übte Naunhof im vergangenen Jahr das Kaufrecht aus. Doch Guter will, dass die Stadt diesen Schritt rückgängig macht. Notfalls geht er vor Gericht.

Von Frank Pfeifer

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