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Grimma Giraffengruppe adoptiert Naunhofer Oma Malz
Region Grimma Giraffengruppe adoptiert Naunhofer Oma Malz
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11:41 09.11.2018
Frau Malz aus Naunhof hat ein bewegtes Leben gelebt. Heute wohnt sie im Altenpflegeheim Naunhof. Quelle: Privat
Naunhof

 „Und hier, das sind sie: die kleinen Kerle.“ Edith Malz sitzt in einem Dienstzimmer des Altenpflegeheims „Charlotte Winkler“ in Naunhof und schiebt eine Fotografie vor sich auf den Tisch. Die Kinder darauf strahlen allesamt in die Kamera, an einer Ecke verdeckt ein wenig Glitzer und Klebstoff ein Gesicht. Die Karte zu dem Foto hat die Giraffengruppe aus der Kita Regenbogenland selbst gebastelt und Frau Malz schätzt das sehr. „Immer wenn sie mich brauchen, rufen sie an“, sagt sie. „Dann fragen sie, ob die Oma Zeit hat. Und die Oma kommt.“ Die „Oma“ ist sie selbst, 79 Jahre alt. Seit einigen Jahren besucht sie regelmäßig die an das Altersheim angrenzende Kindertagesstätte. Meistens zum Vorlesen, ab und zu, um mit den Kindern zusammen zu backen, zu kochen oder Feste vorzubereiten.

50 Jahre Ehe – „nachmachen“

Quelle: Privat.

Die haben sie mittlerweile samt und sonders adoptiert. Wenn sie mit ihrem Rollator die Straße hinunter kommt, schallt es „Oma Malz“ hinter ihr her, manchmal muss sie dann einen Ball auf die andere Seite des Zauns schießen, manchmal bekommt sie ein Lied vorgetragen. „Solche Scherze machen wir miteinander“, sagt Frau Malz und lacht. Sie selbst hat zwei Kinder, viele Enkel und Urenkel, die auch im Landkreis Leipzig wohnen und sie oft besuchen kommen. Ursprünglich stammt sie aus Leipzig, aber da gibt es „nichts Gutes drüber zu erzählen“, wie sie sagt.

Siebenjährige wächst ohne die Eltern auf

1939 wird Edith Malz geboren, 1944 fällt ihr Vater, 1946 verstirbt die Mutter. „Da gab´s dann einen Aushang im Kasten in Markkleeberg: Drei Kinder abzugeben,“ erinnert sie sich. Ihre beiden Geschwister werden adoptiert, sie selbst kommt als Siebenjährige in die Familie des Stiefbruders ihrer Mutter.

Da muss sie schnell erwachsen werden, denn schon nach wenigen Jahren erkrankt die Pflegemutter. „Es war selbstverständlich, das ich mich gekümmert habe als einziges Kind“, sagt Frau Malz. Das erforderte nicht nur Fürsorge, sondern auch Durchsetzungsvermögen, denn passende Medikamente waren knapp in der DDR. Als 13-Jährige schreibt sie dem Roten Kreuz in Westberlin, bittet um Hilfe. „Irgendwann kam dann wirklich ein ganzes Kurpaket mit Tabletten. Das werde ich nie vergessen.“

Arbeit auf einem Hof für 80 Mark im Monat

Als sie volljährig wird, sucht sie sich über das Wochenblatt eine Stelle. Für eine Saison geht es über den Feriendienst des Gewerkschaftsbundes an die Ostsee, wo sie als Herdhilfe arbeitet. Danach verdingt sie sich im Westen auf dem Hof einer Bekannten der Familie, für 80 Mark im Monat. „Das gefiel mir nicht, da bin ich abgehauen“, erklärt Frau Malz resolut.

Eine Entscheidung, die ihrem Leben eine Wende geben wird, denn im Zug zurück trifft sie einen jungen Seemann aus Grimma. Er will ihr schreiben, sie gibt ihm jedoch nur eine Postfachadresse. Erst Monate später habe sie reingeguckt und tatsächlich Briefe gefunden, berichtet sie und zwinkert verschmitzt. 1958 werden sie und der Seemann dann doch ein Paar, zwei Jahre später wird geheiratet. „Mein Schwiegervater meinte: Die ist richtig, die kannst du bringen. Und dann waren wir fünfzig Jahre verheiratet“, sagt Frau Malz und setzt hinzu: „Nachmachen!“

Verlust des Ehemannes fesselt sie ans Bett

Als ihr Ehemann ein halbes Jahr nach der goldenen Hochzeit stirbt, baut sie ab, kommt erst ins Krankenhaus, dann ins Altenpflegeheim. Dort bleibt sie meist im Bett, ihre Familie und die Pfleger sind besorgt. Erst nachdem sie sich nach einigen Wochen dem Handarbeitszirkel anschließt und eine Bekannte trifft, rappelt sie sich wieder auf. „Da hatte ich dann wieder jemanden, um den ich mich kümmern konnte“, sagt sie. Heute gehört sie zu den aktivsten Bewohnern des Pflegeheims, unter anderem engagiert sie sich in der Bewohnervertretung.

Strenge Vertreterin der Bewohner im Altenheim

„Und da hat sie wirklich auch schon einiges erreicht“, erzählt Frau Griep, die als soziale Betreuerin einen guten Draht zu Edith Malz hat und sie liebevoll als „halbe Angestellte“ bezeichnet. So sei es „der Malz“ zu verdanken, dass es auch im Außenbereich eine behindertengerechte Toilette gäbe. Außerdem unterliege auch der Speiseplan ihrem strengen Auge. „Respekt“, sagt Griep und Malz kichert. „Die sind doch alle gut hier. Ich kann mich um niemanden beklagen“, meint sie.

Dann schielt sie auf die Uhr. Es gibt noch viel zu tun, der Handarbeitszirkel trifft sich gerade und eine Mitbewohnerin wartet darauf, zum Einkaufen begleitet zu werden. Frau Malz wird ihren Rollator dann wieder am Kindergarten vorbeischieben und ihren vielen Enkeln winken.

Von Hanna Gerwig

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