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Grimma Grethen brennt für die Feuerwehr
Region Grimma Grethen brennt für die Feuerwehr
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07:44 11.07.2018
Museumschef Gerd Winkler in der Kulisse einer historisch nachgestellten Einsatzszene im Grethener Museum. Quelle: Frank Schmidt
Grethen

Am 4. Dezember 1943 bombardierten die Alliierten die Stadt Leipzig. Viele Häuser standen in Flammen. Zum Einsatz kamen auch Löschtrupps aus der Umgebung. Darunter die Feuerwehr Pomßen. Einem kleinen Jungen verdanken die Kameraden, dass sie lebend nach Hause zurück kehrten: „Der Bub’ hatte beobachtet, wie ein brennendes Gebäude langsam drohte einzustürzen. Also warnte er die Feuerwehrleute, deren Auto in unmittelbarer Nähe stand. Die Pomßener reagierten sofort. Und tatsächlich: Das Haus rutschte in sich zusammen, nur Sekunden später.“ Gerd Winkler erinnert auf jeder Führung an die Rettungstat des namenlos gebliebenen Jungen. Der Vorsitzende des Grethener Feuerwehrmuseumsvereins zeigt ein liebevoll gearbeitetes, plastisch gestaltetes Schaubild unter Glas: „Hier, die winzige Figur, das ist der Junge.“

Der langjährige Gemeindewehrleiter und Lehrer für Polytechnik brennt im wahrsten Sinne des Wortes für das Grethener Feuerwehrmuseum. Es ist das Lebenswerk des Leiters des Medienpädagogischen Zentrums des Landkreises Leipzig. 1975 fing er an, sich mit der Historie des Löschwesens zu befassen. Ein Jahr später veranstaltete der Jäger und Sammler die erste Ausstellung. Seine Leidenschaft sprach sich schnell herum. Immer mehr Feuerwehren aus nah und fern vertrauten ihm ihre Schätze an. 1981 fragte er bei der Gemeinde an, ob sie ihm nicht Räume zum Unterstellen der Exponate zur Verfügung stellen könne. Sie konnte. Fortan diente eine ehemalige Gärtnerei als Lager. 1990 wuchs dem Privatmann alles über den Kopf. Er scharte Gleichgesinnte um sich und gründete den Verein. 1993 übersiedelte das Museum von der Gärtnerei in nicht genutzte Räume des Gerätehauses. Als zehn Jahre später ein komplett neues Feuerwehrdepot gebaut wurde, konnte sich das Museum im gesamten ehemaligen Spritzenhaus breitmachen. Eine Erfolgsgeschichte! Grethen zählt inzwischen deutschlandweit zu den zwölf Topadressen. Wissenschaftlich fundiert wird hier die Entwicklung des Brandschutzes auf dem Lande erlebbar.

In Grethen kann man in Jahrhunderte sächsischer Feuerwehrgeschichte blicken

Eine der sechs ausgestellten Handdruckspritzen stammt aus dem Jahre 1793. Die hölzerne Leihgabe der Staatlichen Schlösser Sachsens ist ein echter Hingucker. Es handelt sich um die königlich-sächsische Schlossspritze zu Colditz, überarbeitet 1828 vom bekannten Stellmacher Carl Friedrich Jentzsch. Wegen des starken Wurmbefalls entschloss sich der Freistaat Sachsen, die Spritze vor Ort mit Blausäure zu begasen. „Das Ergebnis kann sich sehen lassen, keine Spur mehr vom Holzwurm“, triumphiert Winkler. Er zeigt die Kastenspritze von 1809, die in Grimme noch per Hand gefertigt wurde. In Grimme bei Zerbst, nicht in Grimma, das im Volksmund ja auch Grimme heißt. Die nachweislich erste Handdruckspritze in Grethen datiert aus dem Jahr 1799: „Im Rechnungsbuch, das erst 1799 beginnt, ist nachzulesen, dass sie beim Pfarrhausbrand in Großbardau zum Einsatz kam.“

Feuerwehrhistoriker aus ganz Deutschland kommen nach Grethen

30 Mitglieder zählt der Museumsverein, der mit befreundeten Ausstellungen in Markranstädt und Pegau kooperiert. Der Verein gehört der AG Deutscher Feuerwehrmuseen an. Grethen hat einen klangvollen Namen in der Szene. Jedes Jahr treffen sich hier 70 bis 100 Feuerwehrhistoriker aus ganz Deutschland zu dreitägigen Konsultationen. Zurück gehen diese Veranstaltungen auf die 1. AG Feuerwehrhistorik beim Kulturbund der DDR, die Gerd Winkler 1982 initiierte: „Den Kulturbund gibt es nicht mehr, genauso wenig wie die DDR – einzig die AG ist geblieben“, sagt der Vereinschef, dessen Vater Heinz und Mutter Lena noch immer Feuerwehrleute sind – trotz ihrer 89 Jahre.

Technik aus Wehren ganz Sachsens zusammengetragen

Für die Motorisierung der Feuerwehr im sächsischen Dorf steht die pferdebespannte Motorspritze aus dem Jahr 1924, ein Fabrikat von Julius Müller aus Döbeln. Aber auch die Tragkraftspritze „Retterin“ (1934) von der Firma Fischer aus Görlitz. Zum Transport der Spritze brauchte man einen Anhänger. Die liefert das Museum gleich mit: Ein Modell aus dem Jahre 1942 in grüner Farbe. Grün? „Ab 1937 unterstand die Feuerwehr der Polizei, daher also war sie nicht mehr rot“, wissen die Mitglieder um Gerhard und Steffen Krueger, Jens Kutscher, Elke Winkler, Andreas Rüssel und Mario Blume. Dass die Tragkraftspritzenkarre der Handschuhfabrik Grimma von 1944 sandgelb ist, gehe nicht auf Afrika oder Wüstenfuchs Rommel zurück: „Es herrschte ein Mangel an allem, auch an Farbe. Man war froh, dass überhaupt ein Schutz drauf kam.“ Die Karre bestand aus Hartfaserpappe, auch als Hermann-Göring-Stahl berüchtigt. Ein Glanzstück der Schau: die Kraftzugspritze KzS 8 aus dem Jahr 1939. Anhänger und Löschauto sollen bis Anfang der 1960er-Jahre im Einsatz gewesen sein, unter anderem auch in Borsdorf. „Das Fahrzeug hat sogar TÜV, es könnte jederzeit auf die Straße, wir bezahlen extra Steuern und Versicherung“, sagt der Museumsleiter. Beim Tag der Sachsen in Grimma und Wurzen, aber auch bei Festivitäten in Großbardau und Torgau sei die rote 45-PS-Katze in Umzügen mitgefahren. Am Lenkrad sitze dann aber zwingend ein Vereinsmitglied, betonen die Grethener. Das Auto, unter dessen Plane früher neun Kameraden Platz hatten, sei viel zu kostbar, um es auch nur für einen Moment in fremde Hände zu geben.

Löscharbeiten mit der Eimerkette

Gerade Schulklassen, die regelmäßig vom nahen Naturfreundehaus ins Museum pilgern, staunen über die wie auf einer Theaterbühne nachgestellte Brandbekämpfung. Gerd Winkler lässt die Puppen tanzen, um den fachmännischen Gebrauch von Rettungsschlauch, Hakenleiter und Spritze zu demonstrieren. Kinderaugen leuchten auch beim Anblick der uralten Eimer aus Leder, Segeltuch, Hanf, Holz, Stroh und Bast. „Jeder Haushalt hatte früher mindestens einen solchen Eimer vorzuhalten, nur so konnte die legendäre Eimerkette gebildet werden.“ Auf einem Eimer ist der Name G. Thume vermerkt, dazu die Jahreszahl 1819 und die Ortsangabe Gräten. Gemeint ist Grethen, wo 1819 das halbe Dorf gebrannt hatte. „2019 jährt sich der Großbrand zum 200. Mal“, unterstreichen die Vereinsmitglieder, die aus diesem Anlass eine Sonderausstellung am letzten Wochenende im April planen. Ob in einschlägigen Bibliotheken in Michigan (USA) oder Wien – überall ist nachzulesen, wie die elf Grundstücke einst in Brand gerieten. Überhaupt ist es dem Forschergeist der Grethener zu verdanken, dass ihnen namhafte Sammler ihre Stücke anvertrauen. So überließ Günter Schneider aus Schmölln einen Teil seines Nachlasses ganz bewusst dem Feuerwehrmuseum. Sein Sohn aus Wurzen organisierte die Übergabe, die Sparkassenstiftung unterstützte den Deal. Die dadurch in den Besitz der Grethener gekommenen extrem wertvollen Atemschutzmasken gehen bis ins Jahr 1860 zurück. „Damals wurde die frische Atemluft noch per Blasebalg durch einen 20 Meter langen Schlauch befördert. Auf einem Helm befindet sich sogar eine Wasserbrause“, sagt Gerd Winkler.

Strahlrohr des Vatikan und Helm aus Mosambik

In Grethen wird das Dorf zur Welt: Zwar ist und bleibt der Brandschutz auf dem platten Lande das Hauptthema, doch schauen die Vereinskollegen seit jeher über den eigenen Tellerrand. In einem Kabinett sind lauter Schätze ausländischer Feuerwehren zu bewundern: Das Strahlrohr des Vatikan, ein Helm aus Mosambik und – die Uniformjacke aus Nantes. Die ist den Grethenern besonders wichtig: „Sie stammt von einem französischen Kameraden, dessen Vater während des Krieges bei einem Grethener Bauern als Milchmann eingesetzt war. Zu DDR-Zeiten besuchten beide unser Museum – Vater und Sohn.“

Von Haig Latchinian

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