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Grimma Grimma: Archiv im Alten Seminar – ein Schatz mit langer Geschichte
Region Grimma Grimma: Archiv im Alten Seminar – ein Schatz mit langer Geschichte
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00:20 18.01.2018
Volker Beyrich leitet das Archiv der ehemaligen Fürstenschüler-Stiftung. Die Augustiner-Stiftung bietet an, das Archiv zu übernehmen und so zu bewahren. Quelle: Foto:
Grimma

Volker Beyrich gleicht einem wandelnden Geschichtslexion, wenn er die Räume seines Archivs durchstreift. Zieht er ein Buch aus dem Regal oder fällt sein Blick auf einen Gegenstand, hat er umgehend die passende Geschichte auf der Zunge. Der 77-Jährige leitet seit 2010 das Archiv der Fürstenschüler-Stiftung in Grimma – und erlebt nun eine Zäsur. Wie berichtet, ist die Auflösung der Stiftung beschlossene Sache, die hiesige Augustiner-Stiftung bietet sich in dem Zuge an, das Archiv zu übernehmen und so zu bewahren. Genau genommen herrscht derzeit ein vertragsfreier Raum für das Sammelgut und das ehrenamtlich tätige Personal.

Was im Archiv steckt

An einem Wandvorsprung des Archivs hängen übereinander drei Bilder. Sie zeigen die Köpfe von Schauspieler Christian Steyer, bekannt auch als die Stimme der MDR-Sendung „Elefant, Tiger und Co“, Fernsehmoderatorin Carmen Nebel und Sänger Jochen Kupfer. Drei namhafte Personen, die eines eint: Sie besuchten zu DDR-Zeiten die Erweiterte Oberschule in Grimma. Die Anfänge des heutigen Gymnasium „St. Augustin“ reichen ins Jahr 1550, als die Bildungsstätte als Fürstenschule gegründet wurde und fortan die geistige Elite Sachsens ausbildete. Johannes Clajus war ein Schüler der ersten Stunde – bekannt wurde er durch seine grammatikalischen Arbeiten. Der berühmte Barock- und Kirchenlieddichter Paul Gerhardt erfuhr hier die Schule des Lebens ebenso wie der Pädagoge Gustav Friedrich Dinter oder spätere Schriftsteller wie Hans Pfeiffer. Sein Roman „Die Höhle von Babie Doly“ sei ein Meisterwerk, sagt der Leiter der Archivs der bisherigen Fürstenschüler-Stiftung, Volker Beyrich. Zu DDR-Zeiten sei es nicht mehr gedruckt worden.

Pfeiffers Roman steht in einem Regal des Archivs unterm Dach des Alten Seminars wie viele andere Bücher ehemaliger Grimmaer Schüler auch. Gesammelt wird alles, was hiesige Ex-Pennäler hervorbrachten – und über sie geschrieben wurde: Werke, Dissertationen, Zeitungsausschnitte. Schulchroniken finden sich ebenso in den Regalen wie die seit 1991 erscheinenden Augustiner-Blätter und Fotosammlungen. Von Wert dürfte eine Dia-Serie sein, die das Leben in der Schule im Jahr 1954 dokumentiert - Schwarz-Weiß-Fotos von Wolfgang Ilberg. „Wir haben Lehrbücher von 1945 bis 1989 gesammelt“, erzählt Beyrich. Auch die Schallplattensammlung des DDR-Musiunterrichts haben die Archivleute gerettet, ebenso diverse Lehrmittel und Anschauungsmaterial.

Das Archiv mutet auch wie ein kleines Museum an. In einer Ecke steht die einstige Stundentafel des Gymnasiums, die dank der digitalen Welt ihre Bestimmung verlor. Daneben liegt die Büste des Kommunisten Ernst Schneller, dessen Namen die Schule zu DDR-Zeiten trug. In einer Vitrine wird des ersten Archivleiters Kurt Schwabe gedacht, in einer anderen liegt ein Musikverzeichnis von 1861 unter Glas, das die einst in Grimma lagernde Notensammlung um 1700 beschreibt. Gefragt bei Recherchen ist das Schülerverzeichnis des Archivs, das alle Namen seit 1550 bündelt.

„Wir sind aber kein Schularchiv“, betont Beyrich. Alle handgeschriebenen Akten der Schule seien in den 1960er Jahren ins Staatsarchiv überführt worden. Vorwiegend lagere in Grimma sekundäres Material. Gesammelt werde auch alles zur Schulgeschichte.


Beyrich ist heilfroh, dass sich diese Lösung abzeichnet für das Archiv, das 2016 von der einstigen Rektorenwohnung ins Obergeschoss des Alten Seminars umzog. „Das liegt ja nicht nur hier, das arbeitet und atmet“, betont der frühere Schüler sowie Deutsch- und Geschichtslehrer des Grimmaer Gymnasiums und sagt: „Das ganze Archiv ist ein Schatz.“ Denn es repräsentiere die 468-jährige Tradition der Schule und spiegele etwas wider, „das gerade in der DDR viele Jahre vergessen war“. Es sei Archiv, Museum und Bibliothek in einem.

Beyrich weiß bei der Archivarbeit die ehemalige Geschichtslehrerin Martina Bloi (67) und eine technische Kraft an seiner Seite. Jeden Dienstag ist von 9 bis 15 Uhr geöffnet. Doch damit ist es längst nicht getan. „Es ist eine sehr umfangreiche ehrenamtliche Arbeit“, sagt Klaus-Dieter Tschiche, SPD-Stadtrat sowie Vorsitzender von Augustiner-Stiftung und Augustiner-Verein in einer Person. Sein Verein beantragt bei der Bürgerstiftung „Wir für Sachsen“ stets eine jährliche Aufwandsentschädigung von 800 Euro für das dreiköpfige Team. Das Archiv lebe von dessen unermüdlichen Einsatz.

300 bis 400 Kontakte erfährt das Archiv Jahr für Jahr. „Wir betreuen Schüler, die für den Unterricht Arbeiten erstellen sollen“, so Beyrich. Etwa zur Schulgeschichte. Doktoranden und Studenten nutzen es zur Recherche für wissenschaftliche Arbeiten. So forscht derzeit eine Studentin für ihre Diplomarbeit zum Deutschunterricht im 20. Jahrhundert. Laufend kommen Anfragen zu ehemaligen Schülern, weil deren Kinder, Enkel oder Urenkel in die Familiengeschichte eintauchen wollen. Gruppen wie die Goethegesellschaft zu Leipzig oder die Paul-Gerhardt-Gesellschaft zu Berlin besuchten schon das Archiv, ehemalige Schüler wünschen Schulführungen durchs Stammhaus.

Vor allem aber gehört das Sammeln, Ordnen, Registrieren und Digitalisieren zur Tätigkeit der Archivare, die seit 2012 mit dem „Archivstäubchen“ auch alle halbe Jahre ein kleines Heft mit Beiträgen zur Schulgeschichte heraus geben. Im März erscheint die bereits dreizehnte Nummer.

Die Ursprünge des wertvollen Archivs liegen in der Evangelischen Landesschule zur Pforte im sauerländischen Meinerzhagen. Die sollte an die Tradition sächsischer Fürstenschulen anknüpfen, verschwand aber nach kaum drei Jahrzehnten Anfang der 1990er wieder von der Bildfläche. Das dort zusammen getragene Material ehemaliger Fürstenschüler kam nach Grimma und begründete 1992 das Archiv. Von Stund an machte sich der erste Leiter Kurt Schwabe große Verdienste um die Erweiterung und Verwaltung des Bestandes. Der gliedert sich in zwei Abteilungen – die Fürstenschule von 1550 bis 1945 sowie die Schule ab 1945. Das Material beleuchtet zu großen Teilen die Historie der Grimmaer Schule. Nur in einem Schrank befindet sich derzeit noch Sammelgut des Landesgymnasiums St. Afra, das nun nach Meißen überführt werden soll.

Seit 2002 oblag der Fürstenschüler-Stiftung das Archiv. Deren Ende verwundert Beyrich nicht. Aufgrund der Null-Zins-Politik gehe es „allen ärmlichen Stiftungen“ in dieser Zeit schlecht. Es schwinde auch das Interesse der öffentlichen Hand an solchen Stiftungen, ergänzt Tschiche. Die Stadt Grimma, die diese unselbstständige Stiftung als Treuhänder verwaltet hatte, zog wegen der in Schieflage geratenen Kosten die Reißleine. Tschiche baut nun aber darauf, dass die Kommune die Betriebskosten übernimmt, wenn die Augustiner-Stiftung in die Bresche springt. Heizung, Strom, Miete und Versicherung, das könne ein Verein nicht bezahlen, gibt er zu verstehen.

Von Frank Prenzel

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