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Grimma Grimma: Jugendliche gestalten alte Fabrik nach ihren Vorstellungen
Region Grimma Grimma: Jugendliche gestalten alte Fabrik nach ihren Vorstellungen
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09:00 04.12.2018
Arbeitseinsatz im Veranstaltungsraum: Draußen ist es nass, innen kalt und es gibt eine Menge zu tun. Die jungen Leute nehmen es heiter und posen mit diversem Gerät vergnügt fürs Pressefoto. Max Deckwerth (r.) engagiert sich seit knapp drei Jahren im Dorf der Jugend, Niels Erlecke (hinten mit dem Stuhl überm Kopf) ist von Anfang an dabei. Quelle: Thomas Kube
Grimma

Es regnet bei zwei Grad Celsius, der Wind pfeift um die Backsteinmauern der Fabrik. Arbeitseinsatz im Dorf der Jugend. Trotz des miesen Wetters sind einige Leute da. Erst sortieren sie das Leergut. Das muss sein, denn in dem Raum ist Kisten-Chaos ausgebrochen. Man bekommt kaum noch die Tür auf.

Niels Erlecke hantiert mit leeren Flaschen und Plastik-Kisten. Der 21-Jährige ist dick angezogen, kein einziger Raum in der Fabrik ist beheizbar. Doch auch im Winter ist Niels oft hier. Von Anfang an. Es begann mit der Musik.

Es begann mit Bass-Gitarre und lauter Musik

Er spielt leidenschaftlich gern Bass-Gitarre und mag es richtig laut. Das ist mit Probenräumen nicht einfach. Als 15-Jähriger fragte er mit seinen Kumpels im Grimmaer Jugendhaus bei Sozialarbeiter Tobias Burdukat nach, ob sie dort spielen dürfen. Sie durften.

Irgendwann sagte der Sozialarbeiter, den alle Pudding nennen, zu den jungen Musikern: „Kommt mal mit, ich will euch was zeigen!“ So stand Niels zum ersten Mal in der verfallenen alten Spitzenfabrik am Mulde-Ufer des Stadtrandes. Und er fand es richtig gut, was Burdukat dort vorhatte.

Sozialarbeiter Tobias Burdukat ist der Motor im Dorf der Jugend. Quelle: Thomas Kube

Heute ist die „Spitze“ zum Dorf der Jugend geworden. Weit entfernt von schick saniert haben junge Leuten sich dort etwas aufgebaut. Fahrradwerkstatt, Skatepark, Graffitiwalls, Hochbeete und ein Containercafé. Sie organisieren Konzerte, Workshops und Partys. Niels ist inzwischen im Vorstand des Trägervereins, er trifft hier seine Freunde, nutzt die alte Fabrik für laute Musik und studiert – Sozialarbeit.

Was hier anders läuft als anderswo? „Die Angebote sind leider häufig nicht auf Jugendliche zugeschnitten, es ist oft zu sehr die Erwachsenen-Perspektive“, sagt er und findet es zum Beispiel „blöd“, wenn in einem Jugendklub Hausaufgabenbetreuung angeboten wird. „Es ist doch nicht Aufgabe von so einem Club, dass es da auch wieder um Schule geht.“

Sieben Arbeitsgruppen und „Plenum“

Gut sei es, wenn junge Leute selbst etwas machen können und das Gefühl bekommen, respektiert und gehört zu werden. Sozialarbeiter Burdukat ist seit Jahren der Motor in der Spitzenfabrik, er hat viele Wege geebnet, Anerkennung bekommen und Kritik eingesteckt.

Er lässt junge Leute selbst planen, entscheiden und ausprobieren – gemäß seiner Philosophie: „Ich baue das Dach, unter dem die Jugendlichen dann was machen können, ohne gleich auf die Schnauze zu fliegen.“

Heute gibt es einen Kern von 15 bis 20 Leuten zwischen 18 und 25 Jahren, die regelmäßig vor Ort sind und sich engagieren. Irgendwann merkten sie, dass sich nicht alle um alles kümmern können – und bildeten Arbeitsgruppen. Davon gibt es heute sieben Stück, ein „Plenum“ trifft sich alle 14 Tage, um gemeinsam die Dinge abzustimmen.

Die Spitzenfabrik nahm 1907 mit damals hochmodernen Maschinen aus England als Weberei ihren Betrieb auf. Die Firma stellte gewebte Spitzen her und verkaufte sie in alle Welt. Quelle: Thomas Kube

Max Deckwerth ist in der AG „Veranstaltungen planen“. Das Dorf der Jugend sei für ihn ein wichtiger Ort. Trotz Studium – Evangelische Theologie in Leipzig – verbringt er viel Zeit dort. „Das ist mir hier alles ans Herz gewachsen. Es ist ein Spielplatz für Jugendliche, abgeschottet vom üblichen Alltag“, sagt er. Das würde aber nicht heißen, dass es keinen Stress gibt, „zum Beispiel wenn bestimmte Bauarbeiten oder Veranstaltungen anstehen“.

Der erste Kontakt zur Spitzenfabrik war reiner Zufall. Max stand vor knapp drei Jahren als Gymnasiast an der Bushaltestelle in Grimma, da sagte ein Mitschüler zu ihm: „Wir gehen in die Spitze, willste mitkommen?“ Zuerst baute er an der Fahrradwerkstatt mit, dann war er beim „Plenum“ dabei. All das gefiel ihm und er kam immer öfter.

Das Musikfestival Crossover ist die größte Veranstaltung in der Fabrik, hinzu kommen viele kleine. Auch Privatleute mieten sich im Garten ein. Mit Kindergeburtstagen oder Jugendweihe-Feiern. „Im nächsten Jahr haben wir eine Hochzeit“, sagt Max und man merkt, dass er sich darüber freut.

Das „Dorf der Jugend“ auf dem Areal der Alten Spitzenfabrik am Stadtrand von Grimma verfügt auch über einen Skaterpark. Quelle: Thomas Kube

Nicht jeder würde die „Spitze“ toll finden. Gegenwind gebe es zum Beispiel beim Thema Graffiti. So manchem Grimmaer ist es auch zu rumpelig im Dorf der Jugend. „Wir möchten aber versuchen, uns ins Stadtgeschehen mit einzugliedern, uns als Teil von Grimma zu etablieren“, sagt der 21-Jährige.

Beteiligung? „Jugendliche sind das Projekt“

Eine gute Zusammenarbeit gebe es mit dem Rathaus: „Der Bürgermeister ist uns gegenüber aufgeschlossen, wir können immer mit ihm reden.“ Die Fabrik will nicht nur offen sein für junge Leute. Einen Versuch, Familien einzuladen, starten die Akteure am 9. Dezember mit einer Puppentheater-Vorstellung.

Neues Gesetz zur Jugendbeteiligung

Das Thema wurde Anfang 2018 in der sächsischen Gemeindeordnung im Paragrafen 47a aufgenommen. Dort heißt es: „Die Gemeinde soll bei Planungen und Vorhaben, die die Interessen von Kindern und Jugendlichen berühren, diese in angemessener Weise beteiligen.“

Wie das funktionieren kann, war unter anderem Thema einer Fachtagung im November in Böhlen. Alle dreißig Kommunen des Landkreises waren dazu eingeladen – rund die Hälfte der Rathäuser hatte Vertreter geschickt.

Im Gesetz heißt es „soll“. Das bedeutet, dass die Kommunen verstärkt auf Kinder- und Jugendbeteiligung achten sollen. Einklagbar sei dies aber nicht, sagen Akteure der Jugendarbeit.

Max und Niels finden den Begriff Jugendbeteiligung, wie es im Gesetz formuliert ist, nicht ganz glücklich. „Eine Beteiligung? Nein, die Jugendlichen sind das Projekt“, sagt Max. Und Niels meint: „So eine Einbeziehung völlig aus der Kalten heraus ist immer schwierig. Ich finde, man sollte lieber ähnliche Projekte wie unser Dorf der Jugend unterstützen.“ Das Puppentheater vom Leipziger UT Connewitz ist am 9. Dezember um 16 Uhr im Dorf der Jugend in der Spitzenfabrik, Dornaer Weg 4 in Grimma, zu Gast. Gespielt wird „Der Weihnachtsexpress“, ein Stück für Kinder und Junggebliebene, musikalisch begleitet von den so genannten Waterkantallstars aus dem Dorf der Jugend.

Zurückhaltung und Offenheit in Rathäusern

Jugendbeteiligung ist offenbar kein Thema, worüber sich viele Stadtchefs begeistert äußern. Das ergab eine LVZ-Umfrage. In drei Kommunen richtete die Vorzimmerdame des Bürgermeisters aus, dass ihr Chef dazu nichts sagen will. Warum nicht? „Er möchte sich zu diesem Thema eben mal nicht äußern“, hieß es da zum Beispiel.

Ein Stadtoberhaupt, sonst politisch bestens im Bilde, bekannte ehrlich überrascht, dass er darüber noch gar nichts weiß. Zwei weitere Anfragen liefen ins Leere, weil die Bürgermeister nicht erreichbar waren.

Borna war mit Simone Luedtke (Linke) hier eine Ausnahme. „Wir machen bei der Jugendbeteiligung mehr als im Gesetz steht und das ist gut so“, sagte die Oberbürgermeisterin.

Schon vor ihrem Amtsantritt 2007 habe es in der Kreisstadt ein Jugendparlament gegeben. Inzwischen wurde dies erweitert – auch Kinder ab Klasse 5 können dort mitarbeiten. Die Stadt hat einen Jugendreferenten, der den Nachwuchs unterstützt. Treffen können sich die jungen Leute außerhalb des Rathauses in der Touristeninformation, wo sie sich Räumlichkeiten selbst gestalteten.

„Die Jugend macht was für die Jugend – was kann man sich mehr für eine Kommune wünschen“, meinte die Stadtchefin. Stets seien Schüler in Ratssitzungen präsent. Das Kinder- und Jugendparlament habe auch schon mal eine Ministerin eingeladen, Gespräche mit Stadtratsfraktionen würden stattfinden.

Schwierig sei es, immer wieder neue Kinder und Jugendliche zu begeistern. „Das alles kostet Zeit und ist ein Riesenaufwand – aber es lohnt sich“, meinte Luedtke. Ob so etwas in einer Stadt funktioniert, steht und fällt ihrer Meinung nach mit dem Bürgermeister.

Andreas Rauhut vom Kinder- und Jugendring möchte für mehr Jugendbeteiligung werben, er sehe es als Chance für Städte und Gemeinden. Wenn junge Menschen sich engagieren, würden sie sich stärker mit ihrem Heimatort identifizieren – und als Erwachsene eher bleiben. Projektarbeit wie ein Skatepark oder ein Jugendfestival, ganz praktisch und erlebbar, wären dazu gute Möglichkeiten. Sicher gebe es dabei Schwierigkeiten und „nicht überall offene Türen“, dennoch lohnt sich das Engagement seiner Meinung nach.

Er plädiert für eine kontinuierliche Begleitung der Jugendlichen, sei es durch einen Verein oder die Kommune. Borna und Brandis seien hier hervorzuheben, so Rauhut.

Von Claudia Carell

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