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Grimma: Kantine mit authentischer DDR-Küche wiedereröffnet

Grimma: Kantine mit authentischer DDR-Küche wiedereröffnet

Eine riesige Kurbelwelle unter der Decke und eine Nähmaschine im Raum sind die einzigen Reliquien aus der Vergangenheit. Die Produktion der alten Fabrik von Reinhold Kühn, in der einst Brillenetuis von Hand gemacht wurden, ist längst eingestellt.

Wo einst Maschinen ratterten, wohnen heute Muldentaler mit Blick auf den Fluss. Aber im Erdgeschoss wird weiter gewirtschaftet. Ines Lehner rührt in Edelstahltöpfen von der Dimension einer Großküche und schwenkt Pfannen, in denen mehrere XXL-Schnitzel braten könnten. "Kochen ist mein Leben", sagt die 46-Jährige. Bereits morgens halb neun duftet es nach Soljanka und Beefsteak. "Wenn die Bauarbeiter zum Frühstück kommen, wollen sie etwas Deftiges", sagt die Köchin aus Erfahrung.

Die Kantine - von der Inhaberin als Schlemmerstübchen kleingeredet - ist ein Unikat in der bunten Kneipenlandschaft der Muldestadt. Nirgendwo wird so authentisch DDR-Küche und Gemeinschaftsverpflegung zelebriert. Auf mehr als 200 Quadratmetern finden zeitgleich rund 100 Leute Platz. Die Küche gleicht einem Tanzsaal. Wo andere geizen mit jedem Quadratmeter, scheint hier an Platz kein Mangel. "Sollte sich in der Mittagszeit an der Essenausgabe eine Schlange bilden, muss niemand fürchten, im Stehen zu essen", beruhigt Lehner. Vor allem die Tische am Fenster mit Blick auf die Mulde seien beliebt. Einen vergleichbaren Raum gebe es in der Stadt nicht wieder. "Deshalb fange ich wieder von vorn an", sagt sie nicht frei von Zweifeln. Aber die Gewissheit, dass ihr Konzept nur an diesem Standort funktioniert, treibt sie an.

Trotz der Arbeit bis zum Umfallen spuken immer noch die Bilder des jüngsten Hochwassers in ihrem Kopf. "Ich hab auf der anderen Muldenseite gestanden und war fix und alle", erinnert sich Lehner an die Tage Anfang Juni. Kurz vor der Evakuierung schäumt sie die Türen mit Bauschaum aus. Vergeblich. Anderthalb Meter steht das braune Muldewasser im gelb gestrichenen Speisesaal. Heute verrät nur noch eine unscheinbare dünne Linie den Pegelstand. Die hellen Fußbodenfließen, Tische und Stühle, sogar die Holzfenster und -türen haben nach heutiger Einschätzung die Katastrophe unbeschadet überstanden. "Aber das Herzstück, meine Küche, ist verloren", sagt sie betrübt.

Als sie vor fünf Jahren hier anfing, hat sie aus eigener Tasche investiert. "Ich wollte richtige, deutsche Küche anbieten", so die Quereinsteigerin. Ihr Essen sollte so schmecken, wie sie es von ihrem Vater kannte, der in einem Grimmaer Großbetrieb täglich hunderte Portionen kochte. Saure Eier, Grützwurst, Erbseneintopf - sie wollte diese Gerichte vor dem Aus auf hiesigen Speisekarten bewahren. "Und die Leute kommen", verteidigt sie ihren Stil. Wenn sogar Kinder ihren Teller mit Makkaroni und Jägerschnitzel leer putzen, dann sei das für sie eine Bestätigung gewesen.

Ihr sicherer Geschmack - in wenigen Stunden weggespült. Aber aufgeben will Lehner nicht. Wo sollten die Mittagsgäste, an guten Tagen bis zu 100, sonst hin? Mit einer Feldküche und einem Holzkohlegrill sorgt sie anfangs für die hungrigen Helfer in der Stadt. Später kauft sie von der Soforthilfe und mit Geld der Familie gebrauchte Küchengeräte, kocht vorübergehend auf einem vierflammigen Gasherd. "Damit ich weitermachen kann", so die zurückhaltende Frau.

Noch immer ist sie verunsichert, schlägt staatliche Hilfe aus, weil diese mit Krediten verbunden ist. "Ich weiß nicht, was kommt", sagt sie mit Blick auf die Mulde und die nach wie vor gezeichnete Altstadt. "Erst wenn die Mauer steht, kann ich wieder nach vorn schauen", so Lehner. Dann würde sie vielleicht die Idee vom Freisitz am Ufer des Flusses wieder aufgreifen oder über eine Expansion mit Lieferservice nachdenken. "Ohne den Hochwasserschutz stirbt Grimma aus", befürchtet die dunkelhaarige Frau. Und mit den Menschen ginge auch ihre Küche verloren.

 

 

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.09.2013

Schöppenthau, Birgit

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