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Grimma: Zwischen Trocknung und Schlussverkauf

Grimma: Zwischen Trocknung und Schlussverkauf

Sommerschlussverkauf, Rabatt auf alles: Im Jeansladen von Ute Finsterbusch rollt der Rubel. Hosen in leuchtenden Farben, Blusen und T-Shirts im Look dieses Sommers, lässige Sweatshirts mit Print und unifarben für den Herbst lassen die Herzen modebewusster Grimmaer höher schlagen.

Mitten in einer der lebendigsten Handelsstraßen von Grimma, wo vor ungefähr zwei Monaten die Mulde stand, herrscht eine Geschäftigkeit, als sei nichts gewesen. Finsterbusch greift mit geschultem Auge in die Kleiderstapel, um eine passende Größe zu suchen. Sie hält sich diskret im Hintergrund, wenn die Kunden neugierig im Sortiment stöbern. Wären da nicht die Taler großen Löcher in den hellen Fußbodenfliesen, die zur Umkleidekabine zusammengeschraubten Spanplatten, die Vorhänge vor Büro und Wirtschaftsraum, vor denen sonst Türen in den Angeln hängen. Details signalisieren beim flüchtigen Blick durch den Laden, dass hinter der geschäftigen Fassade die Last des Hochwassers erst noch zu schultern sein wird.

Im Moment verdrängt Finsterbusch die Sanierung. Das Modegeschäft ist eine Herzensangelegenheit für die 44-Jährige. Obwohl die schlanke Frau immer sportlich adrett gekleidet ist, lebt sie keinen überzogenen Hang zu Fashion. "Ich könnte vieles verkaufen", sagt die Grimmaerin, die mit einem Reisebüro nach der Wende starten wollte und durch eine Zufallsbekanntschaft bei Jeans gelandet ist. Es ist das Haus, in dem sich das "Go in" heute befindet. Dieses Haus, dem sie und ihr Mann Daniel in mehreren Umbaujahren wieder eine Seele einhauchen, hält sie in ihrem Bann. "Manchmal setze ich mich einfach auf die Treppe und lass den Blick schweifen", sagt sie etwas melancholisch. Dann bewundere sie selbst, wie sie die Architektur des einst jüdischen Kaufhauses gerettet haben. Die breite Holzstufen, die auf einem geschwungenen, schmiedeeisernen Treppengerüst liegen, werden heute zwar nicht mehr von den Kunden betreten. Aber sie führen nach oben, ans Licht.

Dort, wo Finsterbusch seit 23 Jahren mit ihrem Geschäft in Grimma hin will. Zweimal hat sie bereits den Standort gewechselt, einmal nach der Flut 2002 Aufbauarbeit geleistet, bis sie in der Langen Straße angekommen ist. "Das Sortiment von damals ist nicht mehr das von heute", gesteht sie. Zweifel hätten sie geplagt, ob sie mit einem Jeans-Shop alt werden wolle, sagt sie etwas zurückhaltend. Aber ihr eigenes Modebewusstsein und das ihrer Kunden hätten sie bestätigt, mit Hosen und allem, was zu einem kompletten Outfit dazugehört, weiterzumachen. "Frauen und Männer gehen bis ins hohe Alter schick gekleidet", sagt sie. Auch in Grimma, ergänzt sie schnell, durch den Sommerschlussverkauf bestätigt.

Deshalb hat Finsterbusch als eine der ersten Einzelhändlerinnen schon zwei Wochen nach dem Hochwasser ihren Laden wieder aufgeschlossen. "Ich wollte keinen Ausweichverkauf eröffnen", sagt sie. Doch die Sommerware, die sie vor den Fluten mit Hilfe vieler Freunde retten konnte, hätte sonst im Lager die Saison verpasst. Auf 1500 Karten lässt die rührige Geschäftsfrau ihre Stammkunden wissen: Ich bin wieder da. Anfangs umschiffen die Kunden galant die dicken Schläuche der Trocknungsgeräte, um an die Kleiderständer zu gelangen. Jetzt achtet niemand mehr auf den geöffneten Trockenbau. "Das Signal an die Grimmaer war wichtig", so Finsterbusch. Denn wie sich herausstellt, seien viele nicht gekommen, weil sie Befürchtungen plagen, als Gaffer abgestempelt zu werden. Auch die Angst, inmitten der riesigen Altstadtbaustelle als Rufer in der Wüste zu enden, sei schnell gewichen. "Der Umsatzeinbruch ist nicht so groß wie erwartet", sagt die Geschäftsfrau. Stammkunden kämen gezielt in die Innenstadt, seien interessiert am Fortgang der Sanierung. Diese Solidarität stütze die Händler enorm. "Seit ich wieder im Laden stehe, bin ich ein Mensch", so die Einzelhändlerin.

Deshalb hat Finsterbusch keine Minute daran gedacht, ihr Geschäft an diesem Standort der Unberechenbarkeit der Mulde zu opfern. Sie räumt ein, dass die Schäden nach der gut überlegten Sanierung weniger dramatisch sind als 2002. Weil sie zudem die Ware retten konnte, sei eine Wiedereröffnung in der kurzen Zeit möglich gewesen. "Aber die Sanierung steht uns noch bevor", holt sich Finsterbusch ein bisschen selbst auf den Boden der Realität zurück. So müssten die Säulen in dem hohen Verkaufsraum immer noch trocknen. Erst wenn die Messungen Entwarnung geben, dann werde der Trockenbau erneuert und renoviert. "Das soll sukzessive geschehen, ohne dass wir schließen müssen", sagt die Mutter zweier Kinder und lässt sich auf ihrer Treppe nieder. Um sacken zu lassen, dass sie erneut viele Stufen nach oben steigen muss.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.08.2013

Schöppenthau, Birgit

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