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Grimma nach der Flut: Katrin Winkler trägt schwer am Vermächtnis der Adler-Apotheke

Grimma nach der Flut: Katrin Winkler trägt schwer am Vermächtnis der Adler-Apotheke

Der graue Container vor der Apotheke in der Langen Straße von Grimma versperrt den Blick auf den mächtigen Adler, der seine Schwingen ausbreitet.

Unter den Adler-Augen läuft eine Szenerie ab, die seit dem Junihochwasser zum Alltag in der Muldestadt gehört. Während hinter der grünen Fassade des denkmalgeschützten Hauses die Trockner brummen, organisiert Apothekerin Katrin Winkler einen Notverkauf. Wie sie den Spagat schafft, den einst auf 480 Quadratmatern florierenden Medikamentenhandel auf momentan acht Quadratmetern zu organisieren, bleibt selbst ihr ein Geheimnis. "Ich funktioniere", sagt sie ein bisschen geschafft. Aber stopp, den Eindruck der Resignation wolle sie nicht erwecken. Zu viele Menschen, vertraute und unbekannte, würden sie täglich mit ermunternden Worten aufrichten. Also ruft sie sich wohl innerlich selbst zur Ordnung und erklärt: "Es ist eine schwierige Zeit." Dabei streckt sie den Oberkörper gen Himmel. "Aber wir freuen uns über jeden Patienten, der kommt," ergänzt sie. Das sei die beste Hochwasserhilfe.

Ohne Hilfe, das schätzt Winkler selbst ein, wird sie nicht wieder auf die Beine kommen. Zum Glück ist das Gebäude versichert und stehen ihr derzeit eine umsichtige Bauleiterin und gut organisierte Handwerksfirmen zur Seite. Aber die Mulde hat auch Wunden aufgerissen, die sie verheilt glaubte. Bilder mit ihrem Vater vor dem Skelett des teuren Schubladensystems in der Apotheke tauchen vor ihrem geistigen Auge auf. 2002, kurz vor Abschluss ihres Pharmaziestudiums, zwingt sie die Jahrhundertflut in die Gummistiefel. Der Wunsch der Familie, die seit knapp 400 Jahren florierende Apotheke der nächsten Generation zu übergeben, treibt sie an, den Wiederaufbau zu wagen. Die Neueröffnung im Februar 2003 unter ihrer Regie erleben die Eltern, der promovierte Apotheker und Botanik-Fan Hans-Jürgen Winkler und seine Frau, aber nicht mehr. Die beiden 62-Jährigen hatten wenige Tage zuvor den Freitod gewählt.

Das Schicksal der Adler-Apotheke erschüttert nicht nur die Region, sondern auch die Fachwelt. "Das kommt alles wieder hoch", sagt Katrin Winkler, einst erfolgreiche Ärztin und heute beliebte Apothekerin. Dabei füllen sich die leuchtend-blauen Augen der blonden Frau mit Tränen. Sie gesteht, dass sie an jenem verhängnisvollen Sonntag Anfang Juni, als der Muldepegel bedrohlich steigt, die Gefahr nicht realisiert. "Als ich den Server vom Netz nahm, hab ich nur darauf gehofft, des es mir Montag früh gelingen möge, die 36 Stecker wieder richtig einzustöpseln und pünktlich zu öffnen", erinnert sie sich.

Aber das Schicksal schlägt erneut zu. Die Mulde gewinnt zwar nicht so an Kraft und Höhe wie 2002. Aber das aus dem 17. Jahrhundert stammende Gebäude wird wieder stark beschädigt. Nebengebäude werden unterspült. Fassaden zeigen Risse und neigen sich gefährlich aus ihrer Flucht. Treibgut verwüstet den begrünten Innenhof, der bei einem Stadtwettbewerb als schönster Grimmas gekürt wurde. "Ich weiß nicht, ob ich das Richtige tue", so Winkler zweifelnd. "Aber ich will auch nicht diejenige sein, die mit der Tradition bricht."

Auch wenn ihr Blick in diesen Tagen oft in die Vergangenheit abschweift - die Signale stehen unübersehbar auf Zukunft. Die Trocknung der Apotheke schreitet voran. Der Hof steht voller duftender Fuchsien und Geranien. "Ich hätte nie übers Herz gebracht, die Mitarbeiter zu entlassen", sagt sie. Alle sieben Angestellten hätten bereits unter der Ägide ihres Vaters gearbeitet und bereits 2002 den Neuanfang unterstützt.

Zuversicht verbreiten auch Ingenieure und Handwerker, die ihr versichert hätten, die Apotheke neu aufzubauen. Trotzdem reicht die Vorstellungskraft für diesen Akt momentan noch nicht. Es fällt ihr schwer, im Nebengebäude, einem ehemaligen Pferdestall, das Labor auch nur im Geiste einzuräumen. Die Schäden an der Heizungsanlage, an der Gebäudehülle sind enorm. "Die Bausubstanz macht mir mehr Kopfzerbrechen als die Apotheke", sagt sie und lässt die Augen über das historische Kreuzgewölbe schweifen. Nach der zweiten Naturkatastrophe fordert sie deshalb ein klares Signal für den Hochwasserschutz von Grimma. "Wenn es den nicht gibt, dann muss man ehrlich zu uns sein", so Winkler. Dann würde sie den Standort der Mulde überlassen.

Aber so lange es noch Hoffnung gibt, will sich die attraktive 47-Jährige aufraffen und ein neues Kapitel in der seit 1627 währenden Geschichte der Adler-Apotheke aufschlagen. Auch für ihre siebenjährige Tochter. Sie habe bereits einen kleinen, weißen Kittel in der Offizin und rühre schon die Salben, erzählt die späte, er nicht minder stolze Mutter. "Mami, ich möchte wieder in der Apotheke sein,", habe die Kleine gedrängelt. Das geht ans Herz der vom Hochwasser geplagten Powerfrau und wischt für kurze Zeit alle Zweifel an ihren Entscheidungen weg.

 

 

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 13.07.2013

Schöppenthau, Birgit

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