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Grimma Grimma steigt in die Topliga des Städtetourismus auf
Region Grimma Grimma steigt in die Topliga des Städtetourismus auf
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20:00 05.03.2018
Die Kleinstadt Grimma bei Leipzig nennt sich Perle des Muldentals. Quelle: Thomas Kube
Grimma

Als er nach der Augustflut 2002 durch sein Grimma stapfte, musste er mit den Tränen ringen. „Es war spät am Abend und gespenstisch. Die Häuser verlassen. Der Gestank entsetzlich. Überall Schlamm, Dreck und Müll. Die Polizei patrouillierte mit Taschenlampen, setzte die Ausgangssperre durch. Und, was viele bis heute nicht wissen, in der Mühlstraße wurde ein Toter geborgen.“ Es sei der Moment gewesen, als er sich fragte, ob zumindest Grimma überleben wird, erinnert sich Oberbürgermeister Matthias Berger. Es ist für ihn, der mit dem Radlader eigenhändig Menschen aus Häusern evakuierte, immer noch ein Rätsel, wie er wochenlang beinahe ohne Schlaf durchhielt, einfach nur funktionierte.

Wenn er heute auf die Entwicklung seiner Stadt schaut, reibt er sich die Augen. Es komme ihm vor, als sei alles nur ein Traum gewesen: „Grimma ist wieder auferstanden, wie Phönix aus dem Schlamm und schöner denn je.“ Inzwischen gehört die Perle des Muldentals sogar zu den Kronjuwelen des sächsischen Tourismus. Berger kann das beweisen. Er zieht eine Karte hervor und entfaltet sie wie Egon Olsen, der einen Plan hat. Es ist der offizielle 2017er-Entwurf des Regionalplans Westsachsen: „Hier sehen Sie den grünen Punkt. Der hat weder was mit Verpackungen, gelbem Sack oder Papiertonne zu tun. Es ist der Punkt aufs I, es ist die Anerkennung für unsere seit 2002 geleistete Arbeit.“

Impressionen aus der Stadt, die im sächsischen Städtetourismus eine immer größere Popularität genießt.

Grimma gilt künftig als „landesweit bedeutsamer Schwerpunkt des Städtetourismus“, eine Ehre, die in der Region sonst nur Leipzig und Torgau zuteil wird. Somit steigt Grimma in die Champions League der Topadressen des sächsischen Tourismus auf. In ihrer Stellungnahme gerät Sandra Brandt von der Leipziger Tourismus- und Marketinggesellschaft ins Schwärmen: „Aufgrund ihres kulturhistorisch wertvollen, denkmalgeschützten Stadtkerns und der landschaftlich reizvollen Umgebung ist die Stadt längst überregionaler Anziehungspunkt.“

Für alteingesessene Grimmaer ist er schon zur Tradition geworden: Der „Subbotnik“. Alljährlich an einem...

Gepostet von Stadt Grimma am Montag, 26. Februar 2018

Eckdaten 2017

• 123 Stadtführungen wurden durch die Stadtinformation vermittelt

• 22 öffentliche Stadtführungen (jeden Sonnabend von Mai bis Oktober) mit 134 Teilnehmern

• 9 Rathausführungen mit 215 Besuchern

• Neue Führungen: Mit dem Steinmetz im „Dorf der Baumeister“ Kössern, durch Parks und Gärten in Grimma und Höfgen mit der Gärtnerin ab Juni

• Beliebte Führungen: Kulinarische Stadtführung, der Kulinarische Dorfspaziergang in Höfgen sowie die Grimmaer Bierführung

• Beliebte Museen in Grimma: 1. Platz 10 256 Gäste im Göschenhaus, 2. Platz 4 188 Gäste im Museum Wassermühle Höfgen

• Stadtinformation Grimma begrüßte zahlreiche Besucher, unter anderem aus Amerika, Kanada, Frankreich, Großbritannien

Mit Blick auf 2017 verzeichnet Stadtsprecher Sebastian Bachran für Grimma das erfolgreichste Tourismusjahr überhaupt: 56 000 Übernachtungen bedeuteten einen neuen Gästerekord und gegenüber dem Vorjahr einen Anstieg um mehr als zwölf Prozent. Zum Vergleich: 2003 betteten nicht mal halb so viele Besucher ihr müdes Haupt in Grimma. Die Große Kreisstadt übertrifft damit vergleichbare Wettbewerber wie Torgau (36 000) und Döbeln (20 000) bei weitem. Jeder siebte Besucher des Sächsischen Burgenlandes zwischen Thallwitz und Kohren-Sahlis nächtigt inzwischen in Grimma. „Was uns besonders stolz macht: Der Anteil der ausländischen Gäste nimmt stark zu – mittlerweile machen die weit gereisten fast 8000 Touristen mehr als 14 Prozent des Gesamtkuchens aus“, so Bachran. Schweizer, Österreicher und Niederländer schätzten das ausgebaute Radwegenetz; Amerikaner, Briten, Kanadier, Franzosen und Polen die Nähe zu Colditz, in dessen Schloss im Zweiten Weltkrieg alliierte Offiziere eingesperrt waren. Auch das Reformationsjubiläum trage zur erfreulichen Bilanz bei, so Bachran, der in dem Zusammenhang an die bekannte Klosterruine in Nimbschen und das ehemalige Augustinerkloster erinnert. Für zusätzliche Besucherströme sorgten die Urlaubsdörfer Kössern und Höfgen, der Großbothener Wilhelm-Ostwald-Park und zwei Sterne-Hotels. Förderlich sei auch die herausragende Stellung im touristischen Vermarktungskonzept des Freistaates Sachsen, wo Grimma seit zehn Jahren neben Görlitz, Bautzen und Freiberg als eine der 13 Stadtschönheiten gelistet ist, weiß Michaela Wächter von der Grimmaer Touristinformation.

Vor historischer Kulisse zeigen Gymnasiasten an der Klosterruine Nimbschen ihre Darstellung der Nonnenflucht vor etwa 500 Jahren. Quelle: Frank Schmidt

Ines Nebelung, Sprecherin der in Dresden ansässigen Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen, bezeichnet Grimma als große Zugnummer beim Aktivurlaub: „Die wunderschöne Stadt an der Mulde mit ihren Bezügen zur Literaturgeschichte (Seume, Göschen) lohnt es allemal, entdeckt zu werden.“ Es seien nicht zuletzt Perlen wie Grimma, die Sachsen mittlerweile zum Kulturreiseziel Nummer 1 in Deutschland machten. Stadt, Land, Fluss – kaum ein Spektakel stehe symbolhafter für Grimmas Vorteile wie der alljährlich ausgetragene Muldental-Triathlon, in der Region längst ein Wirtschaftsfaktor.

Top-Events in der Perle des Muldentals

In der DDR gab es Fünfjahrpläne, in Grimma setzt man auf Siebenjahrespläne: So soll sich die Stadt mit überregional ausstrahlenden Events auch künftig einen Namen machen: In diesem Jahr steigt vom 31. August bis 2. September das Internationale Musikantentreffen, für den Sächsischen Familientag 2019 läuft die Bewerbung, sowohl Landesschützenfest (2021) als auch Sächsischer Wandertag (2023) seien in der Prüfung. Ende Mai 2019 werden 300 Jahre Pöppelmannbrücke und 2020 – als absolutes Highlight – die Einweihung der Hochwasserschutzmauer gefeiert.

Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger (parteilos). Quelle: Thomas Kube

Der 50-jährige Oberbürgermeister Berger, wegen seiner Popularität in Grimma längst zum Oberbergermeister geworden, nutzt jede Gelegenheit, seinen Gästen aus nah und fern besagte Mauer zu zeigen. Das Besondere: Man sieht sie kaum. Und doch werde sie, davon ist der Hans Dampf in allen Gassen überzeugt, zur touristischen Sehenswürdigkeit. Schon jetzt gebe es Anfragen aus aller Welt. 80 Prozent des zwischen Polizeirevier und Tempelberg angerührten Betons „versteckt“ sich hinter bestehendem Gemäuer. 2500 Abdichtungspfähle, acht Brunnensysteme, 80 Verschlusselemente – 60 Millionen Euro wird Grimmas Hochwasserschutz am Ende kosten. Laut Axel Bobbe von der Landestalsperrenverwaltung befinde sich das ehrgeizige Projekt bereits auf der Zielgeraden. „Es mag sicher viele überraschen, aber die gesamte städtische Ostseite büßt nichts von ihrer touristischen Schönheit ein, im Gegenteil: sie gewinnt, und wie!“, triumphiert Berger.

Die Brühlschen Terrassen von Grimma

Erstmals in der Geschichte der Stadt werde es einen durchgängigen Rundweg an der Mulde geben, kündigt das Stadtoberhaupt an. 750 000 Euro koste das „Sahnehäubchen“, wobei zwei Drittel der Summe gefördert würden. In Anlehnung an die Brühlschen Terrassen macht bereits das geflügelte Wort der Grimmschen Terrassen die Runde – mit Balkonen, Treppen und sogar einem kleinen Open-Air-Museum. Tatsächlich wird der Canaletto-Blick auf Grimma immer reizvoller. Beinahe jedes Gebäude der städtischen Ostseite wurde aufgehübscht. Zuletzt flossen vier Millionen Euro allein ins Alte Seminar. Seinem Außenbereich soll künftig auch der Schulhof zugeschlagen werden. Zwischen Klosterkirche und St. Augustin werden Klosterhof und Klosterplatz gestaltet – mit Pergola und einer Bühne für Freiluftkonzerte. Für den Architekten und Denkmalpfleger Thomas Will von der TU Dresden, der in Grimma maßgeblich mitgearbeitet hat, eine Erfolgsgeschichte: „Ich habe immer gesagt, dass wir hier nicht nur hundertjährige Hochwasser abwehren wollen, sondern dass auch was für den Alltag der Menschen rausspringen muss. Daher war es uns wichtig, das Ufer begehbar zu machen“, so der Professor. Zudem werden am Gymnasium sowohl Fassade als auch Fenster erneuert. Als nächstes sei die Roggenmühle dran, Rekonstruktion und Umbau zur Herberge für Wasserwanderer kosten rund 3,5 Millionen Euro, informiert Janine Wolff vom Stadtentwicklungsamt.

Die Roggenmühle liegt ganz in der Nähe des Hauses, aus dem im August 2002 jener tote Mann geborgen wurde. Sein Schicksal ist weitgehend unbekannt, es heißt, er habe sich partout nicht evakuieren lassen. Als OBM Berger damals in seinem stinkenden, schlammig-staubigen Grimma unterwegs war, hätte er sich nie träumen lassen, wohin die Reise einmal gehen würde. Er dankt den Grimmaern und den vielen Helfern für das Aufbauwerk. Eine knappe halbe Milliarde sei in die Stadt geflossen und – bei allem Leid – auch viel Liebe, sagt Berger: „Das Unglück von gestern, ist das Glück von heute.“

Der Sachsenurlauber

Im Landkreis Leipzig verdienen sechs Prozent aller Arbeitnehmer ihr Geld im Tourismus. Laut Erhebung der Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen gibt ein Sachsenurlauber pro Person und Reise (2Tage+) durchschnittlich 266 Euro am Zielort aus. Davon bleiben rund 37 Prozent bei den Einzelhändlern. Das Gastgewerbe und die touristischen Dienstleister profitieren mit 42 Prozent der Gesamtausgaben. In die Übernachtungsstatistik fließen nur Beherbergungsstätten mit zehn und mehr Gästebetten ein. Pensionen und Privatvermieter werden nicht erfasst.

Von Haig Latchinian

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