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Grimma Grimmaer Gymnasiasten auf Spurensuche: Ein Stolperstein für Tauba Schorr
Region Grimma Grimmaer Gymnasiasten auf Spurensuche: Ein Stolperstein für Tauba Schorr
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11:19 18.02.2016
Markus Richter vor dem ehemaligen Wohnhaus von Tauba Schorr in der Karl-Marx-Straße 25. Hier soll im Mai ein Stolperstein verlegt werden.  Quelle: Foto: Thomas Kube
Grimma

 Seit Oktober recherchieren Gymnasiasten vom Grimmaer St. Augustin zur Geschichte ihrer Stadt und der Jüdin Tauba Schorr. Für Tauba Schorr soll am 6. Mai ein Stolperstein an ihrem letzten frei gewählten Wohnort in der heutigen Karl-Marx-Straße 25 verlegt werden. Dazu wird auch der Kölner Künstler und Initiator des Stolpersteinprojektes, Gunter Demnig, erwartet.

Inhaltlich und pädagogisch betreut wird das Stolpersteinprojekt vom Erich-Zeigner-Haus Leipzig. Der Verein, der sich für Vielfalt, Toleranz und Demokratie – gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus einsetzt, engagiert sich seit etwa 2008 auch für die Verlegung von Stolpersteinen. „Wir haben schon über 100 in und um Leipzig verlegt“, sagt der stellvertretende Vorsitzende Henry Lewkowitz. Der Schwerpunkt allerdings liegt für ihn auf der vorausgehenden Recherche – ein Jahr lang haben die Jugendlichen Gelegenheit, sich mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzen. „Wir versuchen menschenverachtende Ideologien aufzuzeigen, damit sie sich heute nicht wiederholen“, ergänzt Markus Richter vom Flexiblen Jugendmanagement (FJM) Landkreis Leipzig, das das Vorhaben begleitet. „Am Ende sollen die Schüler Zivilcourage zeigen, indem sie für ihr Projekt um Spenden werben“, so Lewkowitz. Die Verlegung eines Steines mit einer beschrifteten Messingplatte kostet 120 Euro. „Indem sie sich finanziell beteiligen, können so auch Bürger ihre Zustimmung zu dem Projekt zeigen.“

Dass nach 2009 und 2010 zu den damals in Grimma verlegten 18 Stolpersteinen jetzt ein weiterer hinzukommen soll, ist auch eine Reaktion auf fremdenfeindliche Parolen von Legida. „Wir haben gemerkt, dass sie inzwischen auch im Umland aktiv ist und wollten deshalb nicht nur in Leipzig dagegenhalten“, erklärt Lewkowitz und beantragte erfolgreich Fördermittel aus dem Landesprogramm „Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz“. Neben dem Stolpersteinprojekt in Grimma werden darüber weitere in Colditz, Bad Lausick, Frohburg und Schkeuditz betreut.

In Grimma suchten Zeigner-Haus-Verein und FJM den Kontakt zu Geschichtslehrerin Steffi Kunadt und stellten das Vorhaben in den Klassenstufen acht und neun vor. „Die Resonanz war erstaunlich groß“, freut sich Lewkowitz. Zwölf Schülerinnen und Schüler erklärten sich bereit, mitzuarbeiten und treffen sich seitdem aller zwei Wochen außerschulisch, um zu Tauba Schorr zu forschen. Auf den Namen war Lewkowitz im Bundesarchiv gestoßen.

Gerhardt Gimpel, der vor fünf Jahren in seinem Buch „Juden in einer kleinen Stadt“ von drei Dutzend Erwachsenen und Kindern um 1933 spricht, hat sie noch nicht erwähnt. Um das Schicksal der ehemaligen Mitbürgerin nachzeichnen zu können, recherchierten die Jugendlichen anhand von historischen Dokumenten aus dem Stadt-, dem Staats-, dem Bundesarchiv und anderen Onlinedatenbanken. „Parallel fanden wir auch im Gedenkbuch Yad Vashem sowie im Archiv der israelitischen Religionsgemeinde Leipzig Dokumente zu Mitgliedern der Familie Schorr“, berichten die Gymnasiasten in einem selbst erstellten Flyer „Neuer Stolperstein für Grimma“, mit dem sie um die Spenden werben wollen. Sie haben historische Orte, wie zum Beispiel den jüdischen Friedhof, besucht, nächste Woche steht die Synagoge auf dem Programm. Außerdem, so Richter, werde es ein Gespräch mit einer Zeitzeugin geben. „Das ist praktische Geschichte“, sagt Lewkowitz. Die Nachforschungen der Schüler ergaben, dass Tauba Schorr, geborene Dickmann, am 2. Oktober 1889 in Bohorodczany (Galizien) zur Welt kam und mit ihrem Mann, dem Kaufmann Hermann Wolf Schorr, in Grimma lebte. Am 27. Oktober 1938 kam sie mit dem „Haftgrund: Polnische Jüdin“ ins Polizeigefängnis in Leipzig. Am darauffolgenden Tag wurde sie nach Polen deportiert. „Damit war Tauba Schorr aus Grimma eine von etwa 17 000 jüdischen Polen, welche in der so genannten Polenaktion Ende Oktober des Jahres 1938 aus dem damaligen Deutschen Reich deportiert worden sind“, heißt es im Flyer. Von da an gilt sie als verschollen ...

... aber nicht als vergessen. Zu der Stolpersteinverlegung im Mai sind alle Menschen aus Grimma recht herzlich eingeladen. Bis dahin werden die Schüler weiter auf Spurensuche gehen. „Für jede Hilfe von Menschen, die die Familie Schorr kannten und uns weitere Informationen und Dokumente zukommen lassen könnten, wären wir sehr dankbar“, sagt Markus Richter.

Von Ines Alekowa

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