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Grimmaer Handwerker schwankt zwischen Herz und Verstand

Grimmaer Handwerker schwankt zwischen Herz und Verstand

Da sitzt wohl dem Meister der Schalk im Nacken. Anderthalb Waschbecken, Edelstahlhähne auf Naturstein und eine Reuse mit Seesternen besetzt signalisieren: Hier geht es um Wasser im weitesten Sinne.

Wie Scrat, das Rattenhörnchen aus dem filmischen Bestseller Ice Age, in das Schaufenster des Sanitärbetriebes geriet, weiß Ingolf Brendler nicht mehr so genau. Dass der an der Fassade kletternde Wein inzwischen durch die groben Maschen des Gitters vor dem Fenster wuchert, hat der Grimmaer noch gar nicht bemerkt. "Ob wir bleiben?", fragt er eher rhetorisch. Und zuckt mit den Achseln.

Wie in vielen Häusern der Grimmaer Altstadt laufen auch in der Werkstatt des Handwerksbetriebes die Entfeuchter. Das Junihochwasser steht 1,70 Meter im Erdgeschoss des Hauses in der Lorenzstraße, wirbelt das auf 300 Quadratmetern lagernde Material gehörig durcheinander und vernichtet wertvolle Maschinen zum Teil völlig. "Genau kann ich den Schaden noch gar nicht beziffern", sagt Brendler. Gutachten für unbrauchbare Werkzeuge und die Festlegung des Zeitwertes durch den Steuerberater würden noch nicht vorliegen. "Solange nicht feststeht, ob das Verhältnis staatlicher Hilfe und Eigenleistung bei 50 zu 50 oder 80 zu 20 liegt, fülle ich die Fluthilfe-Anträge gar nicht erst aus", so Brendler sichtlich genervt. Davon hänge ab, ob er einen Neustart stemmen könne. In den Wochen, da sich Behörden Zeit für die Erarbeitung von Umsetzungsrichtlinien nehmen, bleiben die Betroffenen von Tiefschlägen nicht verschont. Trotz der vorübergehend vereinbarten Stundung von Steuern flattert Brendler ein Schreiben des Finanzamtes mit der Androhung der Zwangsvollstreckung ins Haus. Naja, das seien maschinell erstellte Schreiben, erfährt er auf Nachfrage. "Trotzdem wirkt das wie ein Haken in die Magengrube", so der 57-Jährige enttäuscht.

Als der Klempnermeister wenige Tage nach dem Hochwasser die zahlreichen Behälter mit Schellen und Schrauben, die Regale voller Rohre und die Werkzeuge säubert, da ziehen dunkle Wolken an seinem Horizont auf. Die Auseinandersetzung mit der Sächsischen Aufbaubank nach der Flut 2002 ist gerade erst kürzlich beigelegt worden. Unterlagen seien verschwunden gewesen. "Was bis zum Tag X nicht fertig war, haben wir selbst finanziert", erinnert sich Brendler. Mit diesem Wissen stellt er den Neuanfang nach den jüngsten Ereignisses infrage. Er zweifelt sogar, ob es noch zu verantworten sei, den Handwerksbetrieb, den sein Vater im Hochwasserjahr 1954 übernimmt und 1986 an ihn weitergibt, an seinen Sohn Felix zu vererben. "An diesem Standort, behaftet mit diesem Risiko", konstatiert er und bleibt sich erneut eine Antwort selbst schuldig. Die Auftragsflut in den zurückliegenden Wochen hat den gebürtigen Grimmaer aus der Grübelei gerissen. "Der Monat Juni wird ein schlechter Monat", sagt er mit Blick auf die Bilanz. Aber jetzt laufen seine Monteure, fünf an der Zahl, der Abarbeitung der Aufträge hinterher. Sie setzen überflutete Bäder wieder instand und reparieren Heizungsanlagen. "Wo die baulichen Voraussetzungen vorhanden sind, verlegen wir Gastherme in obere Stockwerke", sagt Brendler.

Nach der Flut ist vor der Flut, so überschreibt der pragmatische Handwerker einen Stichwortzettel, der Gedankenstütze für den Kampf sein soll, den er mit der Interessengemeinschaft Flutopfer 2013 aufnehmen will. Rund 30 Unternehmer und Gewerbetreibende, die von der Versicherung abgelehnt worden sind - Brendler hat es im März 2013 schriftlich bekommen - wollen für ein Solidarprinzip bei Elementarschaden- und betrieblicher Inhaltsversicherung kämpfen. "Jeder Bundesbürger zahlt in die Versicherung ein, und jedem wird im Katastrophenfall geholfen", erklärt Brendler das einfache Prinzip.

Obwohl seine Heimatstadt Grimma derzeit weit entfernt von alter Größe ist, hat Brendler den traditionsreichen Standort noch nicht aufgegeben. "Das ist mein Elternhaus", erzählt er beim Gang durch die verwinkelte Werkstatt. Nur wenige Treppenstufen, und er steht auf einer Sonnenterrasse, die den Hinterhof überdacht. Die zwei Rebstöcke tragen in diesem Jahr besonders viele Trauben. Das Flutjahr 2013 wird vermutlich auch ein Weinjahr. "Obwohl in den Stöcken Portugieser und Blauburgunder steckt und blaue Trauben reifen, geben sie einen Weißwein", schwärmt Brendler und lässt den Blick über das grüne Blätterdach schweifen. "Das kann man nicht einfach aufgeben", beantwortet er sich endlich die Frage nach der Zukunft.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 17.08.2013

Schöppenthau, Birgit

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