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Grimma Grimmaerin fällt durch alle sozialen Netze und gibt nicht auf
Region Grimma Grimmaerin fällt durch alle sozialen Netze und gibt nicht auf
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16:25 22.02.2017
Sylvia Lippert (48) sucht händeringend einen Job. Quelle: Foto: Haig Latchinian
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Grimma

Mit einem emotionalen Brief unmittelbar vor seinem 50. Geburtstag wandte sich Dachdeckermeister Sven Lippert an die LVZ. „Ich wünsche mir nur eines: Dass meine Frau eine sinnvolle Aufgabe bekommt, in der sie ihre Kreativität und Energie für andere einbringen kann. Und wenn es am Anfang nur eine einzige Stunde wäre oder eine ehrenamtliche Tätigkeit, aus der sich irgendwann eine Festanstellung ergibt.“ Seine Frau sei nach langer Krankheit völlig ohne Bezüge. Trotz größtmöglicher Anstrengungen, einen Job zu bekommen, habe es bis bislang leider nicht geklappt. „Sie ist durch alle sozialen Netze gefallen.“

Die starken Schmerzen, das Kriechen auf allen Vieren, die Medikamente, die Operation, die Hoffnung, das tiefe Loch – Sylvia Lippert (48) hat allen Grund aufzugeben, loszulassen, sich in ihr Schicksal zu ergeben. Aber sie kämpft weiter. So wie sie ihr ganzes Leben gekämpft hat. Die aus Karl-Marx-Stadt stammende Frau arbeitete nach ihrer Lehre zur Fachverkäuferin zunächst im Konsum. Sie kellnerte in der Disko, lernte dort ihren künftigen Mann kennen. Als junge Mutti siedelte sie mit Sven und Söhnchen Tom zunächst zur Schwiegermutter in den Westerwald über. Der Neuanfang war schwer: „Warum schaffen sie sich Kinder an, wenn sie arbeiten wollen“, sagte man ihr. Sie jobbte als sogenannte geringfügig Beschäftigte im Schmuckgeschäft, stand an der Bohrmaschine, saß im Büro.

Ihr Mann arbeitete durchgängig als Dachdecker, folgte 1996 dem Ruf einer Firma nach Grimma. Die Familie zog an die Mulde und Sylvia Lippert fing wieder bei Null an. Arbeitslosigkeit, geringfügige Beschäftigung. Sie saß im Supermarkt an der Kasse, sortierte im Baumarkt die Ware in die Regale. Eine körperlich schwere Tätigkeit. „Ich arbeitete mich hoch, war Teamleiterin, wies die Aushilfen ein. Überhaupt ging es aufwärts. Wir kauften ein Grundstück, bauten ein Haus aus.“ Dann die Umstrukturierung: Sylvia Lippert wurde herunter gestuft, saß nun an der Kasse, sortierte wieder Ware ein. 2010 fing das chronische Leiden an. Bandscheibenvorfall, aufeinander liegende Wirbel. Es folgten Krankschreibung, Reha-Marathon und OP in München: „Es war ein neuartiges Verfahren, die Wirbel wurden mit einem Implantat versteift. Ich war Teil einer Studie, füllte viele Unterlagen aus.“ Doch wirklich besser wurde es nicht.

Über die Rentenversicherung rutschte sie in eine „Maßnahme“ in Leipzig: Elf Monate lang, Unterricht wie in der Schule, Mathematik, Deutsch, Informatik, Englisch und vor allem Bewerbungen schreiben. Dazu Praktika – im Sozialamt, bei einer Krankenkasse, bei einer Baufirma. Überall gab es fantastische Beurteilungen, aber keine Planstellen. Weiter Schmerzen. Wieder Krankschreibung. Physiotherapie und Psychotherapie, Orthopäde und Osteopath. „Ich leiste mir nichts mehr. Da mein Mann eine Mark zuviel verdient, bekomme ich kein Arbeitslosengeld. Aber ich möchte nicht auf seine Kosten leben. Da hätte ich ein schlechtes Gewissen.“ Inzwischen schreibt sie keine Bewerbungen mehr, sie hat Angst vor der täglichen Ablehnung. Sie kann nicht lange sitzen, nicht lange laufen, nicht schwer heben. Drei Gutachter stuften sie als nicht vermittelbar ein. Doch Sylvia Lippert gibt nicht auf. Im Gesundheitszentrum stählt sie ihre Muskeln, bewegt sich im Garten, beantragte einmal mehr die Erwerbsunfähigkeitsrente und möchte wieder arbeiten – zumindest stundenweise. „Es müsste eine Tätigkeit sein, bei der ich abwechselnd stehe, sitze und laufe. Essen austeilen oder Senioren spazieren führen, eben wieder unter Leuten sein. Die Arbeit hat mich krank gemacht, vielleicht macht sie mich ja wieder gesund.“

Ihr Mann Sven, der tagsüber auf Arbeit ist und seine Frau in der Zeit alleine lassen muss, ist sich sicher: „Wenn nur genügend Menschen von diesem Schicksal hören, findet sich bestimmt jemand, der genau so jemanden wie meine Frau sucht und froh wäre, genau sie gefunden zu haben. Es geht doch um den wichtigsten Menschen in meinem Leben.“

Von Haig Latchinian

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