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Grimma Grimmas Flutschutz ist auf der Zielgeraden
Region Grimma Grimmas Flutschutz ist auf der Zielgeraden
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17:33 06.02.2019
Leichter Frost stoppt die Erdarbeiten an der Grimmaer Flutschutzmauer zwischen Pöppelmannbrücke und Schloss nicht. Quelle: Thomas Kube
Grimma

Der leichte Frost der letzten Tage konnte die Bauarbeiter nicht stoppen: Am letzten Teilstück der Grimmaer Hochwasser-Anlage drehen sich die Bagger. Nur die angeschwollene Mulde Mitte Januar führte zu ein paar Tagen Zwangspause, weil die Baugrube voll gelaufen war.

Es fehlen noch zehn Mauer-Meter

Noch etwa zehn Meter Mauer fehlen am zwei Kilometer langen Flutschutz für Grimma. Es sind zwischen Pöppelmannbrücke und Schloss zehn Meter einer Wand, die künftig begehbar ist. „Wir sind hier derzeit weit im Boden und können auch mit Folienschutz arbeiten“, erläutert Projektleiter Thomas Zechendorf (44). Einige Minusgrade sind für die anliegenden Arbeiten also kein Problem.

Auf der Baustelle der Hochwasserschutzmauer zwischen Schloss und Pöppelmannbrücke sind Bagger im Einsatz. Foto: Thomas Kube Quelle: Thomas Kube

Ende Mai soll die begehbare Wand mit allem Drum und Dran fertig sein – und damit die gesamte Schutzanlage. Diesen letzten Abschnitt baut die Chemnitzer Firma Gunter Hüttner und Co. GmbH, es ist bereits ihr viertes Baulos in Grimma. Verbunden mit dem Zwei-Millionen-Euro-Auftrag ist die Fertigung des letzten stählernen Tores, das mit 4,50 Metern auch das höchste wird. Der Einbau des Tores zwischen Brücke und Schloss stellt im Mai sozusagen das Finale der 2007 begonnenen Arbeiten dar. Mit ihm verfügt die Anlage dann über insgesamt 78 Öffnungen, die im Ernstfall zu verschließen sind.

Grimma ist schon gewappnet für ein Hochwasser

Für ein eventuelles Frühjahrs-Hochwasser ist Grimma aber bereits gewappnet. Die Stadt hatte schon 2017 vorsorglich Big Bags an der Brücke gelagert, zudem könnte die Landestalsperrenverwaltung (LTV) als Bauherr noch vor Ort lagernde Erdmassen verkippen und so der Mulde den Weg in die Stadt abschneiden. „Der Schutz ist im Wesentlichen hergestellt“, sagt LTV-Mann Zechendorf, der seit 2010 für den Bau der Anlage den Hut auf hat.

Das Jahr 2018 sei in Grimma geräuschlos verlaufen, weiß der 44-Jährige zu berichten. Unter anderem wurde zwischen Gymnasium und Klosterkirche die Pergola, die an den früheren Kreuzgang erinnern soll, gebaut. Die einstige Baustraße verschwand zunächst vom Fährtor bis zum Kreismuseum und machte Platz für die ursprüngliche Ufergestaltung. Auch der Rückbau der restlichen Baustraße begann.

Nicht in Sicherheit wiegen

Kommentar von Frank Prenzel

Wenn in wenigen Wochen das letzte Mauerstück gegossen und das letzte Fluttor eingesetzt ist, kann Grimma einem Hochwasser trotzen, das statistisch gesehen alle 100 Jahre auftritt. Der Fachmann sagt HQ 100 dazu. Doch was heißt schon alle 100 Jahre. Die dichte Abfolge zwischen den verheerenden Muldefluten von 2002 und 2013 führt diese Annahme ebenso ad absurdum wie die wiederkehrenden Nachrichten aus aller Welt. So werden in diesen Tagen Italien und Australien von kaum gekannten Überschwemmungen heimgesucht. Das Wetter, so scheint es, spielt verrückt – und Experten machen den vom Menschen angestoßenen Klimawandel dafür mitverantwortlich. Auch Sachsen und das Muldental können schon morgen wieder von Hochwasser betroffen sein.

Aber: In ihrer 800-jährigen Stadtgeschichte waren die Grimmaer noch nie so gut geschützt, wie sie es dank der 55-Millionen-Euro-Anlage ab Frühjahr sein werden. Das sorgt für Aufatmen, nachdem die Altstadt in diesem Jahrhundert bereits zweimal wieder aufgebaut werden musste und schöner denn je ist. Die Bevölkerung ist dennoch gut beraten, sich nicht in Sicherheit zu wiegen. Denn einen hundertprozentigen Schutz vor unbändigen Fluten wird es nicht geben. Die Grimmaer müssen deshalb nicht nur lernen, mit ihrer Schutzanlage richtig umzugehen, sondern sich auch über künftige Alarmierungen und Verhaltensweisen im Falle des Falles verständigen.

Im Rathaus hat man das längst erkannt und wird die Einwohner in diesem Prozess mitnehmen. Ein richtiger und wichtiger Schritt zum künftigen Miteinander mit dem Fluss, der Grimma seit Jahrhunderten prägt. Jede Kette ist nur so gut wie ihr schwächstes Glied, sagt der Oberbürgermeister. Die Stadt ist also gut beraten, keines der Schutz-Glieder aus den Augen zu verlieren.

Schöpfwerk funktioniert noch nicht automatisch

Die größte Herausforderung steckte wohl im Bau des Schöpfwerkes für den Thostgrundbach, das auch nicht wie geplant im alten Jahr fertig wurde. Funktionstüchtig ist es aber bereits seit Weihnachten, wenn auch vorerst nur manuell steuerbar. „Der Teufel steckt im Detail“, gibt Zechendorf mit Blick auf das Zusammenspiel der Komponenten zu verstehen. „Ich hoffe, dass Ende März alles vollautomatisch funktioniert.“ Das Schöpfwerk arbeitet mit fünf Pumpen und verhindert auf der Innenstadt-Seite einen Anstau des unterirdisch verlaufenden Baches. In seinem Betriebsgebäude steht eine Rechenanlage, in der auch die Daten der Horizontalfilterbrunnen einlaufen.

Das Schöpfwerk für den Thostgrundbach verfügt über eine Rechenanlage. Hier laufen auch die Daten von den Horizontalbrunnen ein. Quelle: Thomas Kube

Was die Stadt Grimma bislang nicht auf der Agenda hatte: Das zuständige Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft wünscht offenbar unmittelbar nach Fertigstellung der Anlage eine Einweihungsfeier. Angedacht sind der Juni oder Juli, um Grimmas Hochwasserschutz mit großem Bahnhof der Bevölkerung zu übergeben. Am Ende werden laut Zechendorf 55 bis 57 Millionen Euro verbaut sein, um eine Flut abzuwehren, wie sie statistisch gesehen alle 100 Jahre auftritt.

Oberbürgermeister Matthias Berger (parteilos/51) wollte die große Feier eigentlich erst 2020 aufziehen – verbunden mit der Show Mulde in Flammen. Die Ansage aus Dresden hat ihn insofern überrascht. „Es ist wohl auch ein Stück Wahlkampf“, mutmaßt der Rathauschef.

Stadt Grimma rückt Handhabung in den Fokus

Derweil rückt in der Stadt die künftige Handhabung der Anlage in den Fokus. „Sie ist wie ein Instrument, das man richtig bespielen muss“, wählt Berger ein Bild aus der Musik. Es müsse gut durchdacht sein, wann was verschlossen wird. „Hausintern und mit der LTV haben wir schon etliche Runden gedreht“, sagt Berger mit Blick auf eine Handlungsmaxime. Jetzt sollen auch die Bürger mitgenommen werden.

Zunächst plant die Stadt am 28. März eine gemeinsame Sitzung des Beirates für Verkehr, Sicherheit und Ordnung und des Hochwasserbeirates. Im April soll es dann eine Veranstaltung für die Innenstadt-Bevölkerung geben, die auch zur Hochwasserschutz-Übung am 11. Mai eingeladen wird und dann das Verschließen der Anlage mit eigenen Augen verfolgen kann.

Grimma feilt an Philosophie für die Anlage

„Jede Kette ist nur so gut wie ihr schwächstes Glied“, betont Berger und möchte gemeinsam mit den Grimmaern eine Philosophie für die Anlage entwickeln. Dabei gehe es auch um Fragen der Alarmierung, Erwartungshaltung und Hochwasser-Stufen. „Wie gehen wir mit der Anlage um, wenn sie fertig ist“, fragt Berger. Bei der Suche nach Antworten müssten die Einwohner mitgenommen werden.

Von Frank Prenzel

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