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Grimma Grimmas Hof-Narr Eckhard Zeugner wohnt jetzt in der Kneipe
Region Grimma Grimmas Hof-Narr Eckhard Zeugner wohnt jetzt in der Kneipe
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19:20 06.09.2018
Der langjährige Grimmaer Wirt Eckhard Zeugner musste sein Haus verkaufen und ist in seine ehemalige Gaststube gezogen. Quelle: Haig Latchinian
Grimma

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Eckhard Zeugner sitzt in seiner dunklen Kneipe und sieht in Richtung Fenster: „Geniale Menschen beginnen große Werke, fleißige Menschen vollenden sie“, zitiert er Leonardo da Vinci. Ecki, wie ihn die Grimmaer nennen, hatte Glück im Unglück. Er fand einen tüchtigen neuen Besitzer für sein Haus am Markt. Der Nachfolger übernahm nicht nur seine Schulden, sondern stemmt nun auch die lange fällige Modernisierung der Wohnungen: „Der geht ran wie General Blücher in Waterloo“, lobt Ecki dessen Eifer. Der Wirt selbst zog hinunter in den Hof, darf in seinem ehemaligen Lokal wohnen. Viel Platz hat er zwischen Bett, Puppen und Kisten freilich nicht.

Hochwasser war Fluch und Segen

Das „Kräutergewölbe“ ist sein Lebenswerk, sagt Zeugner in kurzer Hose und weißem Feinripp. Hier schlug er manche Schlacht. Frauen- und Valentinstage, Samstage und Sonntage, das erste und das zweite Wasser, wie er es nennt. Frei nach Namensvetter und Schlagersänger Ekki Göpelt („Begrabt mich in der Kneipe“) hielt er 2002 und 2013 bis zuletzt die Stellung, schwamm erst heraus, als ihm die braune Brühe bis zum Hals stand. Wo Fluch ist, da ist auch Segen. Die Flut legte mancherlei Schätze frei: Küchenfenster, Kochstelle, Sitznischenportal: „Das Kräutergewölbe ist das älteste Lokal am Markt“, frohlockt der Ur-Grimmaer. Vermutlich wohnte Bürgermeister Johannes Rade in dem Haus, seine Frau, genannt die Radin, führte die Wirtschaft. Ortschronist Hans Pippig habe eine Klosterrechnung für Bier gefunden – von 1536.

Kneipe am Freitag, den 13. eröffnet

Wer nichts wird, wird Wirt. Der Formgestalter im Porzellanwerk, Gebrauchswerber beim Konsum, Küster und Republikflüchtling startete nach der Wende neu durch. Von Helene Anders, um die er sich gekümmert hatte, erbte er das Haus am Markt. Nicht zum Nulltarif: Zigtausende Mark waren fällig. Entschädigungsfonds Deutsche Einheit, hieß das Zauberwort, das einem die Taschen leerte. Außerdem nahm er einen Kredit über eine halbe Million auf. Und einen weiteren für die Kneipe, die er an einem Freitag, dem 13., in vormals vier Kohleschuppen eröffnete. Was kostet die Welt? Es herrschte Aufbruchstimmung.

Schulze-Gerlach, Mühe und Gottschalk zu Gast

Im „Kräutergewölbe“ gab es nicht nur Rostbrätl, Steak und Sülze – hier traf man Hartmut Schulze-Gerlach, Ulrich Mühe und die Tante von Thomas Gottschalk. „Wenn Sie Gottschalks Tante sind, ist mein Arsch ’ne Himbeere“, begrüßte sie der Wirt einst. Zeugner war stets der Clown, der auch ohne rote Nase mit Worten jonglierte wie mit Tellern. Stets adrett gekleidet war er für die Unterhaltung der Gäste zuständig, während hinter der Bühne wechselnde Köche schwitzten. „Saubermachen, Warenannahme, Kalkulation – täglich 16 Stunden waren wir auf den Beinen.“ Alles habe seine Zeit. Es ist gut so, sinniert Eckhard Zeugner und es scheint, als nicke die in der Flut gerettete Marionette zustimmend. Die Gaststätte ist längst Geschichte, obwohl liebe Freunde in seiner „guten Stube“ weiter willkommen seien – so auch am Sonntag, zum Tag des offenen Denkmals.

Zeugner ist sauer auf die Krankenkasse

Ansonsten ist der Clown vor allem für seine pflegebedürftige Mutter Irene da. Täglich schaut er bei ihr im Punkthochhaus vorbei. Dringend brauche sie ein Pflegebett. Als jetzt der negative Bescheid kam, ging Zeugner schriftlich in Widerspruch. „Meine Mutter fiel bereits mehrfach aus ihrem Bett, landete mit Hämatomen im Krankenhaus.“ Die Gesichtszüge des Sohnes verfinstern sich. Der Wirt kocht – diesmal vor Wut. Viele Menschen würden nicht mehr verstehen, was in unserem Land abgehe. Da bekämen Fremde kostenlose medizinische Betreuung, obwohl sie nichts in die Kassen eingezahlt hätten, so Zeugner: „Meine Mutter aber, die ein Leben lang gearbeitet und dieses Land aufgebaut hat, muss um ein Pflegebett betteln.“ Ob sie nicht stark genug pigmentiert sei, fragte der Narr bei den zuständigen Stellen nach.

Der Volkszorn ist verständlich

Er könne den Volkszorn gut verstehen, sagt Zeugner. Auch er habe seine Raten fast immer pünktlich gezahlt. Nach Mietausfällen habe ihm schlicht das Geld gefehlt, um die Kredite zu bedienen. Die Bank habe sich nicht länger erweichen lassen und auf den Verkauf der Immobilie gedrungen. „Ich verstehe das, jeder tut seine Pflicht. Aber ich verstehe nicht, wieso wir genug Geld haben, um Pleitestaaten zu retten. Und noch weniger verstehe ich, wieso Deutschland noch immer Weltmeister bei den Rüstungsexporten ist. Damit finanzieren wir Kriege und treiben immer mehr Menschen in die Flucht.“ Nein, er könne niemandem wirklich empfehlen, sich zu verschulden: „Wenn die Sonne scheint, reichen dir die Banken den Schirm, wenn es regnet, nehmen sie ihn dir weg.“

Nachfolger nimmt ihm Zentnerlasten

Er sei nun bei plus minus null. Geld vom Amt hat er nicht beantragt. Er sei schließlich vermögend in Sachwerten, höhnt er. Von wegen. Gewinne seien mit einem Haus im Hochwassergebiet eh nicht zu machen. Zeugner jammert nicht, übt sich in Zweckoptimismus. Sein verständnisvoller Nachfolger habe ihm Zentnerlasten von den Schultern genommen, ja, er fühle sich fast ein bisschen befreit. Er, der schon in besseren Tagen gern den Bettelmönch mimte. Noch immer führt er in seine Kutte gehüllt die Touristen durch die Stadt, fährt sie sogar auf seiner Rikscha.

„Man kann nicht die ganze Welt umarmen“

Für Wirbel sorgte Zeugner, als er einen markigen Spruch von Friedrich Engels gut sichtbar zum Markt hin anbrachte. „Prompt meldeten sich die Gutmenschen bei mir, baten mich, die Aktion noch einmal zu überdenken, der Vers könne als fremdenfeindlich ausgelegt werden.“ Gutmensch? Ist er als Klinik-Clown nicht auch ein Gutmensch? Oder hat der Narr die Seiten gewechselt? „Nur weil jemand Vorbehalte gegenüber dem Islam hat, sollte man ihn noch lange nicht in die rechte Ecke stellen. Ich glaube, man kann nicht die ganze Welt umarmen.“ Das gelte für die Gesellschaft genauso wie für ihn selbst: „Ich als Clown musste es erst lernen, auch mal nein zu sagen, eben nicht in die Klinik zu radeln.“

Ausstellung mit Zinnfiguren zum 60.

Ja, er habe eine Schlacht verloren, nicht aber ... „naja, Sie wissen schon“, sagt Eckhard Zeugner. Er freut sich, wenn er von ehemaligen Gästen noch immer auf sein „legendäres Kräutergewölbe“ angesprochen wird. Und wer weiß? Vielleicht kommt er ja wieder. Zumindest hat der Clown i.R. zu seinem 60. Geburtstag im nächsten Jahr schon Pläne: „Es gibt eine Ausstellung mit 400 handbemalten Zinnfiguren. Motto: Er ist wieder da!“, kündigt Ecki in seiner dunklen Kneipe an. Für einen Moment scheint es, als sieht er Licht am Ende des Tunnels: „Mich kriegt man nicht so schnell tot.“

Von Haig Latchinian

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