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Grimmas Schutzmauer bröckelt: Eine Stadt zwischen Sorge und Verdruss

Hochwasserschutz Grimmas Schutzmauer bröckelt: Eine Stadt zwischen Sorge und Verdruss

In Grimma mehrt sich Sorge, dass in einem Hochwasserfall der Schutz nicht greift, an dem seit Jahren gearbeitet wird. Die Arbeiten an der Schutzmauer sind ins Stocken geraten. Zudem ist neuer Streit zwischen Stadt und Land entbrannt.

Monika Regner (re.) und ihre Tochter Cathleen Schmidt wurden in der Frauenstraße zweimal Opfer des Hochwassers. Nun sind sie beunruhigt über den angekündigten späten Termin der Fertigstellung der Hochwasserschutzmauer und bekunden dies mit diesem Transparent an ihrer Hauswand
 

Quelle: Thomas Kube

Grimma.  „Wir machen uns große Sorgen, es geht um die Existenz unserer Stadt.“ Oberbürgermeister Matthias Berger (parteilos) drängt auf möglichst baldige Fertigstellung der Hochwasserschutzmauer. „Jeder Tag zählt, morgen schon könnte es zu spät sein.“ Immer wieder sei er vertröstet worden, so Berger, erst auf 2012, dann auf 2016, nun auf 2018. „Aus welchen Gründen auch immer – die Bauarbeiten an der Schutzanlage sind ins Stocken geraten. Und das, obwohl wir drei Lücken im System haben: Im Bereich Roggenmühle, am Gymnasium sowie zwischen Schloss und Pöppelmannbrücke. Ich kann den Grimmaern das nicht mehr erklären. Vor allem hatten wir derart milde Winter, dass gut und gerne hätte durchgearbeitet werden können.“

Drängt auf eine möglichst rasche Fertigstellung der Hochwasserschutzmauer in Grimma: Oberbürgermeister Matthias Berger.

Drängt auf eine möglichst rasche Fertigstellung der Hochwasserschutzmauer in Grimma: Oberbürgermeister Matthias Berger.

Quelle: LVZ

Vorwürfe erhob der Stadtchef gegenüber Axel Bobbe, Betriebsleiter der Landestalsperrenverwaltung im Regierungsbezirk: „Ich habe ihn oft nach Grimma eingeladen – doch er ist nicht gekommen.“ Die Spannungen zwischen Berger und Bobbe eskalierten, so dass Ulrich Kraus, Abteilungsleiter im Umweltministerium, jetzt beide Alphatiere an einen Tisch beorderte.

Bobbe erinnerte in der Aussprache daran, dass er Berger schon frühzeitig eine Lenkungsgruppe vorgeschlagen hatte: „Die wollte er nicht. Er war der Meinung, er brauche mich nicht, meine Mitarbeiter reichten ihm. So geht es aber nicht. Deshalb begrüße ich, dass wir uns nun auf regelmäßige Zusammenkünfte auf Leitungsebene einigen konnten.“ Nie sei von einer Fertigstellung der Mauer 2012 oder 2016 die Rede gewesen, sagt Bobbe. „Berger konnte oder wollte bis jetzt nicht verstehen, dass an dem bestehenden Fahrplan nichts nachzujustieren, nichts zu beschleunigen ist.“ 55 Millionen Euro, so Bobbe, fließen in den Hochwasserschutz für Grimma. Es handele sich um eines der europaweit kompliziertesten Projekte: „Das braucht nun mal seine Zeit!“

Insgesamt wird die Mauer 2100 Meter lang sein. 1,4 Kilometer seien fertig gestellt, sagt Heinz Gräfe, Geschäftsführer der Landestalsperrenverwaltung. Bis Jahresmitte 2016 soll der Bereich am Volkshausplatz abgeschlossen sein, dann fehlten nur noch 300 Meter. Er macht den Bauleuten ein Riesenkompliment: „Was die in Grimma leisten, ist bewundernswert. Laien wissen oft nicht, dass unterirdisch zwölf Meter bis zum anstehenden Fels abgedichtet werden müssen. Damit betreten wir technologisches Neuland. Von Planfeststellung bis Denkmalschutz – es gibt eine Menge Player, alles will ordnungsgemäß ausgeschrieben sein.“

Monika (61) und Heinz Regner (62) haben in der Frauenstraße schon zwei große Katastrophen erlebt: 2002 und 2013. Beide Male mussten die beiden Grimmaer beim Punkt Null beginnen: „Meine Mutter ist eine tolle Frau“, sagt Tochter Cathleen Schmidt (35). In fortgeschrittenem Alter lernte sie Gitarre, schrieb ein Hochwasserlied und spielte es für all die Fluthelfer auf CD ein. Dabei stützte sie sich auf die Melodie von Marmor, Stein und Eisen bricht. Hörprobe: „Ohne Wasser, das wäre schön, damm damm, damm damm. Grimma könnte wieder vorwärts seh’n, damm damm, damm damm.“ Nach der Flut 2013 ergraute die Mutter auf einen Schlag, so die Tochter: „Nein, so etwas wollen und dürfen wir nicht noch einmal erleben – wir verstehen nicht, warum die Mauer jetzt erst 2018 fertig werden soll. Wir haben Angst, alle haben Angst!“ Zum Zeichen ihres Protests hat die Tochter ein bemaltes Transparent am Haus befestigt.

OB Berger kann die Sorgen gut verstehen: „Nur deshalb drängle ich. Das ist meine Pflicht. Ich weiß, die Kritiker verstummen, sobald die Mauer komplett steht. Erstmals werden wir eine durchsanierte Stadtsilhouette haben, erstmals einen durchgehenden Weg entlang der Westseite. Die Mauer ist eine Riesenchance für Grimma. Nur darf es bis zur Fertigstellung kein größeres Hochwasser geben. Das ist unser Problem.“ Berger begrüßte im Anschluss an das Gespräch, dass die Lücken in der Mauer bis 2018 durch mobile Elemente, sogenannte Big Packs, geschützt werden sollen.

„Aber für die Anschaffung des mit Erde oder Sand zu füllenden Plastegewebes ist die Kommune zuständig“, kontert Bobbe. Er habe im Trebsener Lager zwar vier Millionen Sandsäcke und 2500 Big Packs vorrätig, aber das sei die Notreserve des Freistaates. Berger müsse die beweglichen operativen Schutzelemente auf dem Markt selber ordern. Bobbe versprach, die exakten Längen der offenen Abschnitte noch diese Woche zuzuarbeiten.

Berger ist bereit, die Anschaffungen zu tätigen und die Logistik auf der nächsten Übung am 23. April durchzuspielen. Was er aber ablehnt, ist die Verantwortung fürs Ganze: „Die Landestalsperrenverwaltung muss uns fachlich beraten.“ Bobbe: „Hilfe ja, Verantwortung nein. Operative Hochwasserabwehr ist per Wassergesetz Pflichtaufgabe der Kommune.“ Deutet sich da etwa der nächste Zoff an?

Von Haig Latchinian

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