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Hilfe für die Flutopfer - Erste Betroffenen erhalten Gelder aus LVZ-Spendenaktion

Hilfe für die Flutopfer - Erste Betroffenen erhalten Gelder aus LVZ-Spendenaktion

Immer wieder Wasser - es zieht sich fast wie ein Leitmotiv durch das Leben von Hans Schwurack. Fast 50 Jahre lang ist er zur See gefahren, als Kapitän über die Weltmeere geschippert, bevor er es ihn als Ruheständler zurück in die Heimat zog - ins sächsische Grimma.

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Bröckelnder Putz, verzogene Türen: das Wohnzimmer von Hans Schwurack. Den Seemann erschüttert so leicht nichts, aber bei diesem Anblick kamen ihm doch die Tränen.

Quelle: Andreas Doering

Leipzig. Doch das Schicksal ließ den allein lebenden Rentner nicht zur Ruhe kommen. In diesem Jahr zerstörte Hochwasser zum zweiten Mal sein Wohnhaus, zum dritten Mal innerhalb weniger Jahre steht er vor einer umfangreichen Sanierung. Ohne Hilfe ist das für den 86-Jährigen kaum zu bewältigen.

Das Schicksal der Flutopfer rührte die Sachsen. Die Spendenbereitschaft in den vergangenen Wochen war groß. Viele wollten helfen und haben geholfen. Fast 1,3 Millionen Euro sind bei der Spendenaktion "Sachsen helfen Sachsen" von der Leipziger Volkszeitung, den Dresdner Neuesten Nachrichten und dem Diakonischen Werk der evangelischen Landeskirche Sachsen für die Betroffenen der Flutkatastrophe gesammelt worden. Fast 13 000 Menschen beteiligten sich. Die Anträge der Hochwasseropfer werden von der Diakonie bearbeitet und sorgfältig geprüft. Einer der Anträge, die jetzt bewilligt wurden, stammt von Hans Schwurack. Er bekommt für sein zerstörtes Inventar nun Geld überwiesen und ist dankbar für die Hilfe. Es gibt ihm Kraft, den Wiederaufbau auch dieses Mal zu stemmen.

Hochwasser flutete Altstadt

Meterhoch stand das Hochwasser der Mulde, die sich mittlerweile wieder ruhig in ihr Flussbett zurückgezogen hat, Anfang Juni in seinem kleinen Wohnhaus mit der freundlich-gelben Fassade in der Malzhausgasse. Schon wieder. Es ist eine Mischung aus Galgenhumor, Verzweiflung und Ungläubigkeit, wenn der rüstige 86-Jährige kopfschüttelnd erzählt: "Ich bin seit 22 Jahren im Ruhestand und nun besucht mich das Wasser auch noch hier in Grimma. Das kann doch nicht sein."

Im Obergeschoss bewahrt er die Erinnerungen aus seinem Leben auf, einiges davon hat er vor der Flut in Sicherheit gebracht. In einem Regal direkt unter der Zimmerdecke klemmen die Bände von Karl May, hochwassersicher - höher geht nicht. "Die hab ich als 14-Jähriger in Grimma alle gelesen. Das hat mich fasziniert." In einer Glasvitrine steht ein japanisches Teeservice, auf das Hans Schwurack ganz besonders stolz ist. Das ist ihm eine kleine Freude, wenn er es im Licht betrachten kann. Behutsam hat er das zerbrechliche Geschirr aus dem Erdgeschoss gerettet.

In einer kleinen Mappe hat Schwurack die Geschichte seines Hauses dokumentiert. Die Bilder zeigen die Schäden, die das Hochwasser hinterlassen hat: Schlamm, Dreck, zerstörtes Inventar, kaputte Wände. Auf einer Luftbildaufnahme ist die überflutete Altstadt von Grimma zu sehen. Darunter ist auch sein Haus. Unweit des Rathauses ragt es aus den braunen Wassermassen hervor. In anderen Plastikhüllen stecken Fotos, die ihn als jungen Kapitän zeigen und die ihn an bittere Erfahrungen, aber auch an "herrliche Nächte auf See" erinnern. Auf einem Bild hat Schwurack die brechende See festgehalten, bedrohliche Wellen, die er noch heute lebhaft schildern kann. Ob auf See, in Hamburg oder Österreich bei seiner eigenen Familie: "Meine Heimatstadt Grimma habe ich immer im Herzen getragen", sagt er, trotz der Schicksalsschläge froh, wieder hier zu sein.

"Es war ein gewaltiger Schock"

Erst vor elf Jahren hatte die damals als Jahrhundertereignis bezeichnete Flut die 30 000-Einwohner-Stadt im Mulde-Tal überschwemmt und enorme Schäden in der Altstadt hinterlassen. Am Haus von Schwurack erinnert, wie an zahlreichen anderen Gebäuden der Stadt auch, ein kleines Schild knapp unter der Dachrinne an den Rekord-Wasserstand von 2002. Der Imbiss nebenan hat einen Verkaufswagen vor sein zerstörtes Haus gestellt. Fast würde Grimma etwas verschlafen wirken, wäre nicht der Lärm von Baumaschinen und Trocknungsgeräten. Oft lässt erst der Blick durch die geöffneten Fenster das ganze Ausmaß der Zerstörung erkennen. "Dieses zweite Hochwasser war ein gewaltiger Schock", sagt der 86-Jährige und holt tief Luft. Er steht in dem Raum im Erdgeschoss, der mal ein Wohnzimmer war, eine "nackte" Wand im Rücken. "Das war ein sehr schlimmes Erlebnis." Seine Stimme ist laut geworden. Etwas treibt ihn um, worüber er in diesen Tagen viel nachdenkt: "Ich stehe jetzt schon vor der dritten Sanierung."

Viel zu organisieren

Das erste Mal war 1995. Nach dem Tod seiner Frau zog er aus Österreich nach Grimma zurück und richtete das Haus, in dem zuletzt seine Eltern gelebt hatten, wieder her. Dann kam die erste Flut, nun die zweite - so hat sich Schwurack seinen Lebensabend nicht vorgestellt. Auch wenn er sich in sein ruhig gelegenes, kleines Gartenhäuschen am Rande von Grimma zurückziehen kann, er vermisst sehnlichst seine alte Wohnung in der Stadt. Dort konnte er seine Bücher lesen oder Musik spielen. Jetzt muss er den Wiederaufbau organisieren, Absprachen treffen, ein neues Telefon besorgen.

Die untere Etage seines Hauses ist zur Baustelle geworden. Der Schlamm, den die Wassermassen hinterließen, wurde bereits einigermaßen beseitigt. Nun müssen die Wände trocknen, bevor es weitergeht. Darum hat Schwurack die Fenster weit aufgerissen, draußen scheint die Sonne. Unter dem bröckelnden Putz sind die roten Ziegelsteine zu sehen. Kabel und Leitungen liegen frei. Die tragenden Wände in der unteren Etage wurden bereits nach der ersten Flut neu gemauert. "Die haben das Hochwasser gut überstanden." Was mit dem Rest ist, muss man sehen.

Dass ihm selten die Tränen gekommen sind, glaubt man sofort. Wenn Schwurack mit einem freundlichen Lächeln erzählt, wirkt er gefasst. Aber es gab eine Situation nach der Flut, da war der Schlamm und es kam die Hilfe von anderen Menschen, die ihm bei der Reinigung halfen. "Ein Seemann weint doch eigentlich nicht," sagt er. Aber als er da plötzlich hilflos in seinem Hof stand, "da habe ich doch geheult wie ein Schlosshund."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.07.2013

Romy Richter

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