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Grimma "Hoch lebe Trebizin"
Region Grimma "Hoch lebe Trebizin"
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05:00 30.05.2011
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. Mit klappernden Zähnen stehen Mägdlein und Knäblein vorm herzallerliebsten Ungetüm. Bis ins Mark erschüttert sind den Kleinen auch die zur Schau gestellten Knochen nicht entgangen. „Die Großmutter hat der Wolf schon verspeist, weil ihr kein Rotkäppchen aufhabt, dürft ihr ihn ruhig streicheln", tröstet der Schmied mit samtener Stimme, als hätte er Kreide gefressen. Was für ein Wochenende, was für ein Knochenende. Im 850-jährigen Trebizin feiert man deftiger als anderswo.

 

Der Schlossplatz als Vorhof zur Hölle. Andreas, der einbeinige Bettelmönch, streckt mit zittriger Hand einen klappernden Becher empor. In der Schraubzwinge grinst bereits ein glatzköpfiger Schädel. Dazu sorgen die Schmierenkomödianten „Rokus Kokus" für Kurzweil: Brunnenvergifterin Erna die Vielfältige und der versoffene Taugenichts, Friedrich der Einfältige, belustigen das Volk: „Liegt am Muldestrand und spricht sehr undeutlich. Na? Genau, die Nuschel." Was zu dem Zeitpunkt noch niemand weiß: Auf der anderen Muldeseite liegt tatsächlich jemand – auf der Lauer: Sven Sedlaczek, Spritzenmeister, will mit seinem Gefolge die Herzen der Schlossmenschen im Sturm erobern, bringt Feuertöpfe und römische Lichter in Stellung.

Derweil bläst Herold Oswald von der Busse zum Angriff auf die Lachmuskeln. So hätten die arschgeleckten Majestäten den stärksten aller Ratsherrn „ausergoren", das Bierfass anzustechen – Anstreicher Bodo Herzog. Doch der Ballermann erweist sich nur als Schaumschläger. Statt Nerchauer Bier nichts als Schaum! Der Abschaum hält Maulaffen feil und Peter Emmrich, der Emsige, lästert: „Nerchauer Bier, trinkst du drei, schiffst du vier!" Eure Durchlaucht meinen wohl Cannewitzer Bier, meldet sich ein Frauenzimmer zaghaft zu Wort: „Schweig still, Weib, alles dieselbe Brühe!"

Im Rittergut trällert Willie Salomon auf Ausländisch manch Liedlein fein. Ein sonderbar-kleinwüchsiger Musikus namens Muck springt im Festzelte auf Tisch und Bank. Der Aufschneider aus dem Mecklenburgischen gibt vor, bereits zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges gesungen zu haben, lange vor der Schmorditzer Bärenhatz. Als Beweis gibt er sein Stück „Isabell, komm setz‘ dich auf mein Bärenfell" zum besten. Das zum Teil ungehobelte Volk kauft es ihm ab. Zu Hauf erscheint es auch zum Spektakulum von Cora, deren Kutsche über eine Stunde Verspätung aufweist, naja, die Zollschranken in Amsterdam...

Heinrich der Gute mit Dudelsack, Anja, das rote Trommelfeuer, und Giacomo Rossini, der Saitenreißer und Zwillingsbruder von Trebsens Schlossherrn Jochen Rockstroh, jubilieren als „In Validus" (zu deutsch: sehr stark). Getrennt- und Zusammenschreibung variierten je nach dem werten Befinden der lust‘gen Spielleute. „Haben wir zu viele spanische Gurken verspeiset, pinseln wir In Validus eben als ein Wort (zu deutsch: gebrechlich). Aber das interessieret eh nur, wer des Lesens und Schreibens kundig ist, also nur die wenigsten."

Nicht unerwähnet bleiben Pfannenflicker Arno Nym, Eselhirte Peter Hahn und Korbflechterin Marianne. Was für ein Fest! Dabei naht der Weltuntergang – vom anderen Muldeufer her. Abrakadabra, dreimal schwarze Makrele. Brunnenvergifterin Erna versteckt sich hinterm Schilfrohr, Seehunde bellen, Nixen schwimmen zu ihren Neptünern, der Wolf heult und das zu Tausenden herbei geeilte Volk tobt: Hauptmann Sedlaczek nebst kühnen Recken donnert aus ungezählten Feuertöpfen die frohe Kunde gen Sternenzelt: „Hoch lebe Trebizin!"

Haig Latchinian

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