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In Mutzschen kocht die Volksseele

In Mutzschen kocht die Volksseele

Mutzschen. Das Schreiben des Kultusministeriums an Landrat Gerhard Gey (die LVZ berichtete) sorgt in Mutzschen für Verbitterung. Den per Bescheid „nicht bestätigten" Grundschulstandort Mutzschen kommentierte Bürgermeister Carsten Graf gestern mit bislang noch nie dagewesener Schärfe: „Wir hatten immer geglaubt, Mutzschen sei Pilotprojekt für die Abwasserbeseitigung.

. In Wirklichkeit sind wir seit 20 Jahren ein entsprechendes Projekt für die Entsorgung einer ganzen Stadt!"

Nach dem Bericht in der LVZ stehe sein Telefon nicht mehr still. Ortschef Graf: „Die Volksseele kocht. Die einen reagieren mit Wut und Fassungslosigkeit. Andere waren regelrecht erschrocken. Meine Stadträte sind empört. Und das völlig zurecht." Graf bezieht sich auf das sächsische Schulgesetz: „Demnach muss eine erste Klasse mindestens 15 Schüler haben. Wir Mutzschener verstehen die Welt nicht mehr. Denn in den nächsten sechs Jahren bleiben wir nie darunter. Im Gegenteil. Für dieses Jahr haben wir bereits 24 Anmeldungen, wahrscheinlich schulen wir sogar 26 Kinder ein. Im nächsten Jahr werden es wohl 27 sein. Danach prognostizieren wir eine geringfügige Schwankung, wie sie jede Schule erlebt: Aber die Mindestschülerzahl unterschreiten wir mit 16, 18 sowie 17 Mädchen und Jungen auch in den Folgejahren nicht." Graf kritisiert das Ministerium: „Es ist eine Lüge zu behaupten, Mutzschen erreiche die geforderte Schülerstärke nicht. In dem Schriftstück, das an den Landrat ging, ist von 17 Schülern die Rede, die gegenwärtig die erste Klasse besuchen. Tatsächlich sind es aber 19." Der Bürgermeister begrüßt die Stellungnahme des Landkreises, wonach der Standort Mutzschen im Schulnetzplan gesichert sei: „Nur, uns Mutzschenern fehlt inzwischen das Vertrauen. Bis heute haben wir die bittere Schließung unserer Mittelschule nicht verkraftet." Was unterdessen niemandem mehr zu vermitteln sei: „Da werden Schulen, sogar in Dörfern, für viel Geld saniert, aber hier in Mutzschen soll eine intakte, wunderbar im Grünen befindliche Einrichtung per Federstrich wegrationalisiert werden. Durch solche Entscheidungen am grünen Tisch will der Freistaat doch nur seinen Lehrermangel kaschieren. Das ist die Wahrheit."

Stadtrat Kai Müller aus Prösitz fehlen die Worte: „Sollen unsere Kinder womöglich schon im Grundschulalter täglich auf Reisen gehen? Meine Tochter wird in diesem Jahr eingeschult. Klar, wir bringen sie zunächst noch selber rüber nach Mutzschen. Wenn sie größer ist, kann sie dann sicher den Radweg nutzen. Es sind ja nur drei Kilometer. Das geht. Alternativen wie Nerchau oder Wermsdorf sind jedoch inakzeptabel."

Mutzschen ohne Schule – Ortschronistin Jutta Barthel, einst Lehrerin, kann sich so etwas gar nicht vorstellen: „Wegen der beiden Schulen mit viel zu wenig Räumen wurden die Kinder nach dem Kriege über ganz Mutzschen verteilt unterrichtet: etwa in der Turnhalle, im Schützenhaus, bei Grahners, im Warenhaus oder im Ratskeller. Wie glücklich waren wir, als der Schulhausbau genehmigt wurde. Am 1. September 1964 wurde die Schule übergeben. Mancher nannte sie Pantoffelschule, weil die Kinder Hausschuhe trugen, um das Parkett zu schonen. Es war eben unsere Schule. Viele Mutzschener hatten gespendet und beim Bau mit angepackt. Wenn am Bahnhof Ziegel angeliefert wurden, trafen sich die Männer und halfen beim Abladen. Auch sonnabends! Da fragte niemand, ob er was dafür bekam." Der einstige Direktor Siegfried Schmidt erinnert sich: „Anderthalb Millionen Mark kostete der Bau. Zehn Prozent davon deckten die Mutzschener durch Arbeitsleistungen und Spenden ab. Ich war mit den Planungen für den Schulpark betraut. Wir beschlossen, heimische Bäume anzupflanzen, damit Biologielehrer Johannes Friedrich sie im Unterricht mit nutzen konnte."

Die Fraktion der Unabhängigen Wählervereinigung kritisiert die Vorgehensweise des Ministeriums auf das Schärfste. Vorsitzende Ute Kniesche: „Die Mitglieder der Fraktion fordern die Landtagsabgeordneten des Kreises auf, das Schulsterben auf Raten zu beenden. Wir erwarten keine Sonntagsreden, sondern erfolgreiches Handeln im Sinne der gesamten Schulbildung."

Bürgermeister Graf berief für den kommenden Montag eine Sondersitzung des Mutzschener Stadtrates ein: „Wir tagen wohlweislich nicht öffentlich. Sicher werden einige Kollegen vor Wut ausrasten. Ich denke, da ist es besser, wenn wir zunächst unter uns bleiben."

Haig Latchinian

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