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In Nerchau stößt man mit Biobier auf 500 Jahre Reinheitsgebot an

Hoffest am 23. April In Nerchau stößt man mit Biobier auf 500 Jahre Reinheitsgebot an

Purer Zufall: Das diesjährige Hoffest fällt auf den Tag des Deutschen Bieres, versichert der Nerchauer Brauherr Jochen Rockstroh. Vor genau 500 Jahren, am 23. April 1516, hatte Herzog Wilhelm IV. beim bayerischen Landständetag in Ingolstadt das Reinheitsgebot für alle bayerischen Brauer erlassen. Die Nerchauer dürfen sich seit 2013 erste Biobrauerei in Sachsen nennen.

Prüfender Blick: Braumeister Pieter Rosenlöcher, Brauer Martin Hans und Lehrling Simon Seifert (v.l.n.r.) lassen das „Nerchauer Schottendicht“ im Sonnenlicht funkeln.

Quelle: Foto: Thomas Kube

Grimma/Nerchau. „Das ist purer Zufall, dass unser diesjähriges Hoffest auf den Tag des Deutschen Bieres fällt“, lacht der Nerchauer Brauherr Jochen Rockstroh (55). Vor genau 500 Jahren, am 23. April 1516, hatte Herzog Wilhelm IV. beim bayerischen Landständetag in Ingolstadt das Reinheitsgebot für alle bayerischen Brauer erlassen. Aber: Das Zusammentreffen passt. Denn die Nerchauer bestehen zwar gerade einmal ein Hundertstel so lange wie das Reinheitsgebot, dürfen sich aber seit 2013 erste Biobrauerei in Sachsen nennen. „Unser Gerstensaft ist so rein wie damals, als auf den Feldern noch keine Herbizide, Fungizide und Pestizide ausgebracht wurden“, sagt Rockstroh stolz. „Die Biogerste kommt von Andreas Kühne aus Sachsendorf, der Hopfen aus der Hallertau in Bayern, weil im Osten keiner biologisch angebaut wird.“

Elf Biersorten werden im Sudhaus angesetzt, darunter Rauchbiere und fünf saisonale Sorten vom Maibock bis zum mit weihnachtlichen Gewürzen versetzten Winterzauber – eine Vielfalt, die weit über Helles und Pils hinausgeht, die in Sachsen traditionell den Gaumen kitzeln. Den unterschiedlichen Geschmack erreicht Braumeister Pieter Rösenlöcher (31) durch im Bioanbau wiederentdeckte verschiedene Gerstensorten, Hopfen mit variierender Bitterheit oder unterschiedlich gemälzte Gerste, die im kontrollierten Keimvorgang säuerliche Geschmacksnoten ebenso ausbilden kann wie rauchige, erklärt Rockstroh und lässt die braunen und roten Körner fast behutsam durch die Hände gleiten. „Auch bei den selben Zutaten, aber zwei verschiedenen Hefen, entstehen zwei verschiedene Biere.“

Ein Bier muss mindestens vier Wochen reifen

So wie Rockstroh über sein Produkt spricht, mag man kaum glauben, dass er eine ganze Weile brauchte, um auf den Geschmack zu kommen. „Ich trinke Bier erst, seit ich mein eigenes habe.“ Zur Wendezeit in die Mittelalterszene eingetaucht, ist der studierte Maschinenbauingenieur seit 20 Jahren mit historischer Marktgastronomie im Sächsischen und Anhaltinischen unterwegs. Zum Heurekaner – mit Schinken und Käse gefülltes Brot – oder zu herzhaft Gegrilltem schenkt er auch Bier aus – günstig eingekauftes, damit neben den Unkosten für die Fahrerei, die ihn schon bis nach Österreich, Italien und Frankreich führte, noch ein Gewinn bleibt. „2010 habe ich mir dann gedacht, das Bier könnte ich eigentlich auch selbst brauen, zumal es mir wichtig ist, etwas in der Region Hergestelltes anbieten zu können.“ Am grünen Winkel in Nerchau, in einem alten Heizhaus, entstand eine Mikrobrauerei. „Wir wollten etwas Kleines, das zu uns passt“, sagt der Nerchauer. Ab 2011 habe man erst einmal „konventionell geübt“, um 2013 dann auf Bio umzustellen. „Das ist ein Stück Lebensqualität“, sagt er.

Überhaupt ist man Am grünen Winkel sehr experimentierfreudig. Im Moment denkt Rockstroh über eine Osmoseanlage nach, die das Wasser filtert. Dass sich helle wie dunkle Biere mit mittelhartem Wasser gleichermaßen gut herstellen lassen, bestätigt die aktuelle Nerchauer Produktpalette. Ob mit völlig reinem Wasser Gebrautes auch schmeckt, erprobt er gerade in einem 20-Liter-Testballon mit einem Pils. Jetzt heißt es abwarten und (Hopfen)tee trinken, denn ein Bier muss mindestens vier Wochen reifen.

Brauhaus lädt für Sonnabend zum Hoffest ein

Auch das in den großen Edelstahlbehältern, bevor es in die nostalgisch anmutenden Bügelflaschen abgefüllt wird. Alles ist, bis hin zum Etikettieren, ist Handarbeit. „Eine Flasche wird, bis sie die Brauerei verlässt, neunmal in die Hand genommen“, hat Brauer Martin Hans (23) mitgezählt. Wurden anfangs 500 Flaschen pro Woche abgefüllt, sind es jetzt 2000. „Der Sprung kam mit der Umstellung auf Bio“, sagt Hans und fügt hinzu: „Mehr geben die Tanks im Moment aber auch nicht her.“ Das soll sich im Mai ändern. Dann kommen zu den Edelstahlbehältern mit insgesamt 120 Hektolitern Fassungsvermögen weitere hinzu, was erlaube, die Produktion um mindestens ein Drittel zu steigern.

Beim Hoffest am 23. April zwischen 13 und 21 Uhr haben Bierfans Gelegenheit, sozusagen einmal hinter die Kulissen zu schauen. 14 Uhr, 15.30 und 17 Uhr bietet Hans Führungen an. Er weiß aus vorherigen Veranstaltungen, dass das Angebot gern angenommen wird. „Da wir hier in der Region die einzige Brauerei sind, die noch dazu mit Biosiegel und Sortenvielfalt punkten kann, kommen manche Fans sogar aus Leipzig oder Dresden, wo wir neben Grimma, Wurzen und Colditz ebenfalls Bio- und kleine Getränkeläden beliefern.“ Es gibt natürlich frisch Gezapftes – Anstich 13.30 Uhr – zu Herzhaftem vom Grill. Der Hofladen hat geöffnet. Für Kinder landet der Kletterdrachen auf dem Hof. Schaumkrone auf dem Glas ist Live-Musik mit Stara Laubemia, den lustigen Blasmusikanten aus dem Neißetal, und der internationalen Partyband Pink Champagne, die die Tanzfläche zum Überschäumen bringt.

Von Ines Alekowa

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