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Karfreitag: 500 Besucher beim kultigen Köllmichener Hähnewettkrähen

Großes Hof Karfreitag: 500 Besucher beim kultigen Köllmichener Hähnewettkrähen

Sie sitzen in ihren Käfigen und schreien sich eine Stunde lang die Kehlen aus dem Hals: Beim Hähnekrähen im Grimmaer Ortsteil Köllmichen setzten sich vor 500 Schaulustigen die gefiederten Lieblinge von Tassilo Hütter (Große Hähne/84 Anschläge), Heiko Schulze (Zwerge/120) und Isa Birnbaum (Ur-Zwerge/150) durch.

Der Organisator des Köllmichener Hähnwettkrähens, Wilfried Große, begrüßte am Karfreitag Funk und Fernsehen, 500 Besucher und 180 Schreihälse.

Quelle: Andreas Döring

Mutzschen/Köllmichen. Der Karfreitag gilt offiziell als stiller Feiertag. Kein Tanz, kein Fußball, kein Volksfest. Nicht überall! In einem der kleinsten Orte Sachsens, in Köllmichen bei Mutzschen, scheinen andere Gesetze zu gelten. Hier, beim Teufel auf der Rinne, wird der Karfreitag regelmäßig zum Car-Freitag. Auch gestern Autos, wohin das Auge blickte, Stoßstange an Stoßstange. Dazu Bierdurst und Bratwurst schon in aller Herrgottsfrühe. Und doch sind die Köllmichener und ihre gut 500 Gäste keine gottlosen Gesellen. Im Gegenteil: Mit ihrem kultigen Hähnewettkrähen erweisen sie sich – ohne es zu wissen – als besonders bibeltreu. Schließlich streiten sich Christen gerade auch an Karfreitag darüber, wie oft der Hahn denn nun wirklich krähte, ehe Petrus den Herrn Jesus verleugnete. Zweimal, einmal, kein Mal?

In Köllmichen überlässt man nichts dem Zufall. In der hiesigen Scheune saßen die Züchter auch dieses Jahr wieder vor Käfigen und zählten, wie oft die Hähne in einer Stunde anschlugen. Jeder Schrei ein Strich. Um es gleich vorweg zu sagen: Es war wie im wahren Leben – die Kleinsten hatten die größte Klappe. Der Ur-Zwerg von Isa Birnbaum aus Wermsdorf krähte sensationelle 150-mal. Tagesbestleistung. Die 28-jährige Mutti mit ihrem sechs Monate alten Sohn Joel (alles andere als ein Schreihals) wollte es erst nicht glauben. Dabei hätte sie es wissen müssen, tönte Gastgeber Wilfried Große durchs Festzelt: „Die Schreilust ist vererbbar, Isa, dein Vater Heinz hat mit seinen Hähnen schon öfter gewonnen.“

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Jedes Jahr Karfreitag sind die Bewohner und Gäste des Mutzschener Ortsteils Köllmichen schon vor dem ersten Kikeriki wach. Dann lädt Wilfried Große zum Hähnewettkrähen ein.

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Klaus Schumann aus Roda zeigte sich enttäuscht von seinen gefiederten Kräh-aturen. Der 78-Jährige war mit gleich drei Hähnen am Start. Sonst weckten sie lauthals das halbe Dorf, doch gestern wirkten sie lammfromm, brachten keinen Piep heraus: „Was ist denn los, hat man euch den Schnabel zugeklebt?“

Der 70-jährige Wilfried Große, Vorsitzender des veranstaltenden Geflügelzuchtvereins Mutzschen-Wermsdorf und Umgebung, kennt die Tricks: „Am besten setzt man den Hahn schon ein paar Tage vor dem Wettkampf in den Käfig, nimmt ihn raus und wieder rein. Bis er merkt, dass der Käfig kein Gefängnis ist.“ Vielleicht, so der Cheforganisator, saßen die Hähne auch nur „zu lange im Stalle“. Wie viele seiner Zuchtfreunde ist der mehrfache Europameister stocksauer auf Vogelgrippe-Politik und Stallpflicht. „Für unser Hähnekrähen gab es erst vor zwei Wochen grünes Licht“, sagte Vereinskollege Thomas Uhlemann, 53, aus Wagelwitz. Entsprechend streng die behördlichen Auflagen: Seuchenmatten, Fußringe, Startrecht nur für Hähne aus Nicht-Sperrgebieten.

Als Zehnjähriger hatte Uhlemann damals seine ersten Schwarzen Zwerghühner bekommen und gewann bereits etliche internationale Preise. Wie ein Rohrspatz schimpfte er am Karfreitag über den Umgang mit der Vogelgrippe: „Erreger hat jeder in sich, ob Mensch oder Tier. Tatsächlich erkrankt nur, wer geschwächt ist, etwa im Winter mangels Nahrung.“ Kam früher ein Wildvogel zu Tode, habe im wahrsten Sinne kein Hahn danach gekräht, so Uhlemann. Das monatelange Wegsperren sei schlecht für das Geflügel, wirke sich nachteilig auf Gesundheit sowie Bruterfolge aus und vergraule obendrein den Züchternachwuchs.

Nicht so den 14-jährigen Rudolf Wetzig aus Gastewitz. Hinter Heiko Schulzes Zwerghahn (120) kam sein schwarz-weiß gestreifter Liebling mit 118 Schreien auf Platz zwei. Rudolf ist aktives Mitglied des 36-köpfigen Vereins, half beim Aufbau der Käfige und gilt längst nicht mehr als unbeschriebenes Blatt. Im Vorjahr stellten seine Zwerg-Wyandotten mit 151 Anschlägen den bis heute bestehenden Rekord auf, weshalb er zur 17. Auflage eine ganz besondere Krone aufhatte – die von Frau Mama gestrickte Mütze in Form eines zebragestreiften Hahnes. Der letzte Schrei!

Alle 180 Teilnehmer freuten sich über Urkunden, die Eberhard Träger (66) jedes Jahr mit einem anderen Motiv versieht. Für die Sieger in den verschiedenen Kategorien gab es zusätzlich Pokale – so für Tassilo Hütter aus Wetteritz, dessen Großer Hahn 84-mal schrie. Bei der Siegerehrung mit dabei: Maritta Peterson aus Nerchau. Die 65-Jährige war unter ihrem Ganzkörperkostüm kaum zu erkennen. In ehrendem Gedenken an ihren verstorbenen Mann Eberhard, verdienstvoller Geflügelzüchter, verkleidete sie sich als Hahn im Korbe.

Hüpfburg, Glücksrad, Wissenstoto – für Kurzweil war bei schönstem Wetter auch abseits der Käfige gesorgt. Ina Lommatzsch gab Tipps beim Osterkörbchenflechten. Dirk Neumeister aus Wermsdorf brachte seine Erbsensuppe unters Volk. Der Mutzschener Spielmannszug lief zu großer Form auf. Heiko Große lud zu Kutschfahrten ein.

Andreas Jacob (46) war mit seinen Kumpels von der Gornewitzer „Fabrik“ da. Zwar hatten die Jungs auch einen „Gemeinschaftshahn“ namens Frikassee am Start, doch der sei eh nur Mittel zum Zweck: „Wo noch kannst du am Karfreitag quatschen, rauchen und dein Bier trinken?“ Viel sei in der Region ohnehin nicht mehr los, jeder habe mit sich selbst zu tun – Arbeit, Familie, Wegzug. „Und dann werden wir ja auch nicht jünger“, sagte der Tüftler, der gern an Autos schraubt und sich früher an Nerchaus Grotte im russischen Funkwagen mit Freunden traf: „Die Zeiten sind längst vorbei. Leider.“

Sehen und gesehen werden. Das Hähnekrähen als großes Klassentreffen. Und Familientreffen. So bewunderte auch Wurzens Altbürgermeister Jürgen Schmidt (66) die mehr oder weniger eitlen Gockel in ihren Käfigen: „Gastgeber Wilfried Große und ich sind Groß-Groß-Groß-Cousins. Selma Naumann aus Köllmichen war unsere gemeinsame Ur-Ur-Großmutter. Meine Ur-Großmutter verschlug es nach Lüptitz“, sagte Schmidt, der heute in Großzschepa bei Wurzen zu Hause ist: „Köllmichen ist mir dennoch sehr lieb. Mein Vater kam 1945 als einfacher Soldat aus dem Krieg heim, auf dem Weg nach Großzschepa wurde er in Köllmichen versteckt und verpflegt.“

Funk und Fernsehen drängten sich durch die Massen. Köllmichen im medialen Rampenlicht, das gab’s noch nie! „Eines der kleinsten Dörfer veranstaltet Sachsens größtes Hähnekrähen“, triumphierte Macher Wilfried Große. Zum 17. Mal stellte er seinen Hof zur Verfügung – mit Erfolg: „Nirgendwo sonst schreien jedes Jahr rund 200 Hähne um die Wette.“ Die Spielregeln sind so einfach wie genial: Wer dabei sein will, muss auch zählen. Bleistift und Brettchen gibt’s gratis. Köllmichen hat eben seine eigenen Gesetze, nicht nur am Karfreitag. Weil seine Hennen ihre Eier den Tauben zum Brüten unterjubelten, gab Steffen Kretzschmar (53) aus Salbitz wiederholt einzelne Küken bei Familie Große in Pension. Kein Wunder, dass die herangewachsenen Zwerge beim Hähnekrähen seit Jahren vordere Plätze belegen. „Aber Straußeneier passen nicht ins Taubennest“, sagte der Gastgeber und hatte die Lacher einmal mehr auf seiner Seite.

Von Haig Latchinian

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