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Grimma Karlheinz Herfurth verfasst Chronik von Großbuch
Region Grimma Karlheinz Herfurth verfasst Chronik von Großbuch
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00:18 31.10.2016
Diese Lebensmittelkarten gehören zum Schatz aus dem alten Pfarramt, den Karlheinz Herfurth erhalten hat. Sie hängen schon in der Ausstellung im Kirchturm. Quelle: Foto: Thomas Kube
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Otterwisch/Grossbuch

Er recherchierte, dass Otterwisch 1939 der geografische Mittelpunkt des Deutschen Reiches war. Er unternahm einen Rundgang durch die Großbucher Fluren und berichtete in den Mitteilungsblättern der Kommune darüber. Geschichtlich interessierte Leser der LVZ lieben seine Beiträge auf den Heimatseiten. Für Karlheinz Herfurth ist die Historie etwas, das bewahrt werden muss; ihr widmet er seine Freizeit.

Davon hat der Rentner eigentlich gar nicht viel. Im Hof und Garten ist genug zu tun. „Lacht die Sonne, bleibt der Computer in der Regel aus“, sagt er. Fünf Töchter, die Enkel, da gibt es allein schon familiär viele Termine. Manche Veranstaltung, die er im Kalender notiert, schafft er nicht mal zu besuchen. Trotzdem muss die eine Stunde tägliche Zeitungsschau sein. Der 81-Jährige schneidet dann alle Artikel aus, die in irgendeiner Weise Großbuch betreffen, denn er führt die Chronik des Ortes.

Zum Hobby kam er durch einen Zufall, denn sein Lebenslauf, der ihm in die Wiege gelegt worden war, sah es nicht zwingend vor. Geboren auf dem Hof, der schon 400 Jahre in den Händen der Familie liegt, war klar, dass der junge Mann ein Landwirt wird. Nachdem Vater Martin Herfurth 1960 in die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) gezwungen worden war, arbeitete der Sohn mit seiner Frau Irmgard in der Otterwischer Milchviehanlage.

„Bei dieser Stallarbeit gab es Momente, in denen ich Abwechslung brauchte“, beschreibt Karlheinz Herfurth. „Durch Zufall bekam ich im Otterwischer Pfarramt alte Kirchenbücher zu Gesicht, ich lieh sie mir aus und las darin.“ Das Fieber war geweckt, der Großbucher wollte so viel wie möglich über die Generationen vor ihm und seinen Heimatort im Allgemeinen erfahren.

Arbeit, nach Feierabend das individuelle Vieh, die Großfamilie – um den Kopf freizukriegen, setzte er sich abends ab und zu eine Stunde hin und blendete den Alltag aus. Dann las er in den Büchern, schrieb wichtiges ab. Auf einer Urlaubsreise lernte er die Chefin des Grimmaer Kulturbunds kennen und über sie weitere heimatgeschichtlich Interessierte aus der Region. „Dadurch erfuhr ich von der Ersterwähnung Großbuchs im Jahr 1285 und regte die Idee an, 1985 eine 700-Jahrfeier zu veranstalten. Der ganze Ort kniete sich damals rein, das war ein Fest, wie wir es zig Jahrzehnte nicht erlebt hatten.“

Herfurth bleibt bescheiden und betont: „Ich war nur ein Mithelfer, keine Hauptperson.“ Immerhin: Einen von drei Vorträgen zur Geschichte hielt er zur Festveranstaltung vor über 300 Besuchern. Er verfasste ein Faltblatt mit einem Text, der von der Gründung Großbuchs bis 1985 reichte. „Dreimal wurde er korrigiert, bis er politisch korrekt war, Lenin und Honecker darin erwähnt wurden“, merkt er schmunzelnd an.

Im Grunde lag mit dem Text eine Art Anfangschronik vor, wenn auch nur sehr bescheiden. Herfurth nahm sie aber zum Anlass, fortan aufzuschreiben, was in Großbuch geschah. Baute die LPG einen neuen Stall, verlegte die Post nach der Wiedervereinigung ein Telefonkabel, putzte jemand sein Haus ab, er vermerkte es genauso wie Hochzeiten, Jubiläen und Todesfälle, Wahlergebnisse und große politische Ereignisse, die das Leben im Dorf beeinflussten, wie zum Beispiel die Grenzöffnung 1989. Als er ab 1991 beim neugegründeten Bauernverband in Grimma arbeitete, lernte er den Umgang mit dem Computer und konnte nun seine Blätter elektronisch erstellen.

Für die Heimatzeitschrift „Der Rundblick“ lieferte er mehrere Beiträge. Er verfasste ein Heft über alle Grundstücke im Ort, und das sind über 50. Ein weiteres Büchlein widmet sich der allgemeinen Geschichte von Großbuch – viel ausführlicher als das Faltblatt von 1985. Herfurth, der 1991 und 20 Jahre später sämtliche Wohn- und Seitengebäude im Ort fotografiert hatte, stellte die Bilder nebeneinander und verblüffte so manchen Einwohner damit, wie sich Großbuch entwickelt hatte. Den umfassendsten Überblick über sein Wirken gibt jedoch die Ausstellung, die auf dem Kirchturm zu sehen ist.

Mit Tochter Silke Tautz hatte er sie 2010 für die 725-Jahrfeier von Großbuch zusammengestellt. Als sie aufgelöst werden sollte, schlug der Kirchenvorstand vor, sie ins Gotteshaus zu überführen. Auf zwei Etagen beleuchtet sie die Historie mit alten landwirtschaftlichen und handwerklichen Geräten wie auch solchen aus dem Haushalt. Vielerlei Informationstafeln geben Auskunft unter anderem über die Geologie des Ortes, die Wüste Mark Schalbig und die Turmfalken in der Kirche. Zu sehen gibt es historische Ansichten von Höfen, in Otterwisch hergestelltes Holzspielzeug, Flurbücher, Feldpost von den Schlachten des 19. und 20. Jahrhunderts sowie andere Originale. Und dann hängen da noch Lebensmittelkarten aus der Zeit nach 1945.

Sie stammen aus einem alten Schrank im ehemaligen Pfarramt. Unter einer dicken Staubschicht lagen Akten der Kommune, die vom Kriegsende bis zur Eingemeindung nach Otterwisch im Jahre 1970 reichten. „Die Feuerwehr holte sie raus, acht große Obstkisten voll, und brachte sie zu mir“, erzählt der Senior. Für ihn bedeutete dies, wie er sagt, das Urteil „lebenslänglich“. Säubern, sichten, sortieren, die Aufarbeitung dieses Schatzes sollte sehr umfangreich werden.

„Ich weiß, dass ich das nicht mehr ewig machen kann“, sagt Karlheinz Herfurth. In seinem Arbeitszimmer lagert er das Material zusammen mit unzähligen anderen Dokumenten und Fotoalben. Er bräuchte jemanden, den er ins Metier einarbeiten könnte, damit es nach ihm weitergeht. Bis jetzt hat sich aber noch niemand gemeldet. „Geschichte ist doch so wichtig. Sie hat dazu geführt, dass unser Dorf so geworden ist, wie wir es jetzt kennen“, wirbt er für die Nachfolge.

So lange sie nicht geklärt ist, macht er erst einmal weiter – auch mit seinen Führungen durch den Ort, die Landschaft und die Kirche. Fit hält er sich mit Sport. Nach dem Mittagessen fährt er Rad oder geht spazieren, immer eine Stunde lang. Abends schwimmt er im Sommer. Tagsüber vorm Fernseher sitzen, das liegt ihm nicht. Sein Credo lautet: „Irgendwas muss ich ja machen.“

Letzte Führung „Friedhof – Kirche – Turm“ in diesem Jahr: 31. Oktober, ab 9.30 Uhr, mit Karlheinz Herfurth

Von Frank Pfeifer

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