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Grimma Kartoffelkäfer rollen seit 60 Jahren auf heißen Öfen
Region Grimma Kartoffelkäfer rollen seit 60 Jahren auf heißen Öfen
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20:12 12.09.2018
DDR-Aufnahme von der Kartoffelkäferbande. Quelle: privat
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Grimma

Grimma avanciert ab Donnerstag einmal mehr zum Mekka für Biker und Triker. Wie immer am dritten September-Wochenende werden tausende Fans der heißen Öfen auf dem Campingplatz am Münchteich erwartet, wo die Kartoffelkäferbande eine dreitägige Sause auf die Räder stellt. In diesem Jahr steht das Biker- und Trikertreffen im Zeichen eines runden Geburtstages, denn die Kartoffelkäfer gibt es seit 60 Jahren.

Der Präsident der Grimmaer Kartoffelkäferbande, Tilo Urban (l.), und sein Sohn Roman auf ihren Harley-Davidson. Beide freuen sich auf das Bikertreffen am dritten Septemberwochenende am Münchteich. Quelle: Frank Prenzel

Gründer der Motorradgang auf der Bühne

Vereinschef Tilo Urban holt deshalb am Sonnabend gegen 18.30 Uhr die alten Kämpen auf die Bühne – etwa ein halbes Dutzend Leute, die 1958 die von den DDR-Behörden beargwöhnte und beobachtete Motorradtruppe mit aus der Taufe hoben. „Sie sollen aus ihrer Zeit erzählen und bekommen eine Blechmarke zum Anstecken“, verrät der 57-Jährige. Sie trägt den Schriftzug „60 Jahre Kartoffelkäferbande“.

Schwedischer Rennfahrer war ihr Idol

Lange ist’s her: Einige junge Motorrad-Enthusiasten aus Grimma, in der Mangelwirtschaft unterwegs auf Awo, MZ oder Jawa, schlossen sich drei Jahre vor dem Mauerbau zusammen, um ihrem lautstarken Hobby gemeinsam zu frönen – und um Spaß zu haben. Sie düsten natürlich zu fast alle Rennen auf dem Sachsenring oder Schleizer Dreieck – und zeigten sich fasziniert vom schwedischen Rennfahrer Lennart Hedlund. Und weil der mit seinem schwarz-gelb-geringelten Helm heraus stach, malten sie auch ihre eigenen Helme so an. Kartoffelkäfer gleich, wie der Volksmund meinte. Das Ganze hatte auch einen Hintersinn: Sie wollten im real existierenden Sozialismus aus dem Rahmen fallen und sich nicht anpassen.

Dem DDR-Regime ein Dorn im Auge

Dem SED-Staat waren sie rasch ein Dorn im Auge und wurden laut Vereinschef Urban als „Bande“ in den Akten geführt. So entstand der Name Kartoffelkäferbande. Noch heute wird die Geschichte erzählt, wie auch die Grimmaer 1965 zur Leipziger Beatdemo wollten, wo Jugendliche mutig gegen das staatliche Verbot der Beatmusik aufbegehrten. Doch in der Nacht zuvor seien alle Kartoffelkäfer abgeholt und so an der Fahrt gehindert worden. Volkspolizei und Stasi lösten die Demonstration in der Messestadt damals gewaltsam auf.

Oder die Geschichte mit den Kontrollen. Wenn die Kartoffelkäfer aus der Kneipe kamen, habe die Volkspolizei sie oft aufgelauert. Dann habe es „Licht aus und durch“ geheißen, doch am nächsten Tag hätten alle den Stempel in die Fleppen bekommen. An diese Repressalien erinnert auch das Motorrad-Magazin „Bikers News“, das in seiner August-Ausgabe der Kartoffelkäferbande – wie schon zum 50. Jubiläum – einen langen Beitrag widmet.

Schwarz-gelb gestreifte Helme sind das Markenzeichen

„Die erste Generation fährt bis Ende der Sechziger, die zweite bis Mitte der Siebziger und danach nur noch unregelmäßig“, heißt es in der Zeitschrift. Noch zu DDR-Zeiten also schwanden die Aktivitäten des Clubs, weil viele Mitbegründer die Familie in den Lebensmittelpunkt stellten. Tilo Urban und weitere Bikerfans traten 1996 das Erbe der Kartoffelkäfer an und gründeten einen Verein, dessen charakteristisches Zeichen nach wie vor die schwarz-gelb-gestreiften Helme sind.

Torhaus ist das Vereinsdomizil

Wer auf seiner Maschine ohne den auffälligen Ringelhelm unterwegs ist, muss laut Satzung zehn Euro Strafe in die Vereinskasse zahlen. Die Mitglieder bauten sich das 2008 übertragene Torhaus in Hohnstädt-Böhlen zum Vereinsdomizil aus, treffen sich dort jeden ersten Freitagabend im Monat, genießen die regelmäßigen Ausfahrten, pflegen Kontakt zu Gleichgesinnten. „Jeder muss im Jahr fünf Bikertreffen anfahren“, erklärt Präsident Urban, der aktuell 46 Mitglieder um sich weiß.

Feuerwerk und Striptease zum Jubiläum

Das Muldentaler Biker- und Trikertreffen am Münchteich, das für jeden Besucher offen ist, erlebt seinen ersten musikalischen Act am Donnerstag, wenn Gero Schröder um 20 Uhr die Bühne entert. Tags darauf packt zur gleichen Stunde die Leipziger Band „Rockradio“ die Instrumente aus. Höhepunkt ist wie immer der Sonnabend, der um 10.30 Uhr mit einer Ausfahrt beginnt. Die Biker nehmen 46 Kilometer unter die Räder und werden über Mutzschen und Leisnig zurück nach Grimma kommen. Ab 15 Uhr sind lustige Bikerspiele auf dem Gelände angesagt, bevor es 20 Uhr mit der Markneukirchener Band „Nobody“, Feuerspuckern, einem Feuerwerk und einer Striptease-Show ins furiose Finale geht. „Durch unser Jubiläum rechnen wir mit 3000 Besuchern“, wagt Urban eine Prognose. Auch der befreundete Prager Harley-Davidson-Club rollt wieder an.

Von Frank Prenzel

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