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Grimma Kreismuseum Grimma zeigt Mode aus der DDR
Region Grimma Kreismuseum Grimma zeigt Mode aus der DDR
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10:15 16.03.2019
Eva-Maria Reichelt vom Verein Chic im Osten mit dem Präsent-20-Anzug. Quelle: Thomas Kube
Grimma

Mode? Oder doch eher, hmmm... öde? Wenn es nach den ausgestellten Klamotten ginge, wäre Mann in der DDR lieber eine Frau gewesen. Der Präsent-20-Anzug versprüht den gewissen Parteitags-Charme und scheint Erich H. auf den Leib geschneidert. Der Pepita-Hut mit Hahnentritt-Muster erinnert an jene immer schräg sitzende Kopfbedeckung des allzeit gestressten dänischen Kommissars aus den Olsenbanden-Filmen. Na, und die entsetzliche Handgelenktasche erst! Die verortet man eher an die unsichtbare Front. Noch dazu in Rehbraun ... Also wirklich, meine Herren!

Entgegen allen Klischees hatte die DDR hatte modisch Einiges zu bieten –und vor allem sehr ambitionierte Schneiderinnen. Eine Sonder-Ausstellung gibt davon in Grimma Eindruck...

Auch im Osten trug man Westen

Auch im Osten trug man Westen. Die ausgebeulten Schlaghosen, das Hemd Marke Permaflott mit diagonalem Strichelmuster, die blauen Turnschuhe aus Stoff und Gummi – es drängt sich die Frage auf: Haben wir Herren der Schöpfung uns tatsächlich so aus dem Haus getraut?! Zumindest die Urologen werden sich über die Beinkleider gefreut haben. Sie erinnern an Säcke und saßen definitiv nicht zu eng im Schritt. Die Kehrseite: Kaum einer hatte wirklich einen Arsch in der Hose. Kein Wunder, dass es Ostbürger in Scharen an den FKK zog. Oder?

Der Pepita-Hut lässt Erinnerungen an den Kommissar Jensen wach werden. Quelle: Thomas Kube

30 Jahre nach dem Mauerfall feiert die DDR-Mode ihren Durchbruch. Zumindest im Grimmaer Kreismuseum. Dessen Leiterin, Marita Pesenecker, engagierte den Leipziger Verein Chic im Osten für eine Sonderausstellung. Pesenecker, gerade 60 geworden und selbst Kind der DDR, lässt aufhorchen: „Der Osten hatte sehr gute Modedesigner. Sie entwarfen tolle Stoffe und tolle Modelle. Nur ging die Ware vor allem in den Westen. Die Bekleidung war ein Exportschlager und Devisenbringer – ähnlich wie erzgebirgische Holzkunst.“

Die Gardine wird zur Bluse

Vereinsvorsitzende Ute Scheffler, Kulturwissenschaftlerin und Buchautorin, sieht es genauso: „Die Mode in der DDR war besser als ihr Ruf – vielseitig, praktisch und kreativ, weil zumeist selber gemacht.“ Aus Kleider machen Leute wurde Leute machen Kleider. Während die Modeschaffenden mit strengen Planvorgaben und latenter Materialknappheit zu kämpfen hatten, lebten Frauen an der heimischen Nähmaschine ihren Traum vom eigenen Saum. „Für sie war es selbstverständlich, sich selbst einzukleiden.“

Zur Sonder-Ausstellung in Grimma gehören auch Modezeitschriften, in denen regelmäßig Schnittmuster abgedruckt wurden. Quelle: Thomas Kube

Museumsleiterin Pesenecker kennt das nur zu gut. Schon ihre Mutter Theresia nähte zu Hause. Also blätterte auch die Tochter sämtliche Modezeitschriften nach Schnittmustern durch und stürmte die Stoffläden der Republik. Wenn es nichts gab – Mund abputzen. Not machte erfinderisch: Dann wurde eben Omas Küchengardine zur Bluse. Oder Babywindeln mussten dafür herhalten – vorher im Kochtopf gefärbt. Mode im Osten war für Marita Pesenecker kein Grauen: „Mitunter war sie sogar schreiend bunt, die Farben explodierten.“

Monika: Eine Reiseleiterin durch 40 Jahre DDR-Modegeschichte

Passend dazu der Titel der Ausstellung: „Monika liebt’s bunt.“ Monika ist eine Kunstfigur. Das Licht der Modewelt erblickte sie 1970 in der Zeitschrift „Sibylle“. Sie hat gleich zwei Mütter: Dorothea Melis und Gisela Röder. Die Redakteurinnen versahen ihre Anziehpuppe mit dem Hinweis: Für Kinder ab 18. Dem Verein Chic im Osten dient der gelockte Rotschopf als roter Faden, als Reiseleiterin durch 40 Jahre DDR-Mode. Petticoat und Dederon-Kittelschürze, Wisent-Jeans und Boxer, Malimo und Silastic.

Martin Gennrich, 34, machte das Abi zusammen mit Robert Scheffler. Der wiederum ist der Sohn von Vereinschefin Ute Scheffler. So erfuhr Martin vom Buch „Chic im Osten“ und war sofort begeistert von dem Thema. „Die Resonanz auf das Buch war riesig. Viele fragten an, ob es dazu auch Modenschauen und Ausstellungen gibt“, erinnert sich Gennrich. „Jedenfalls war das die Geburtsstunde unseres Vereins. Wir starteten einen Aufruf, baten um Kleidungsstücke aus der DDR-Zeit. Im Bekanntenkreis rekrutierten wir die Models.“

Ausstellungen bis nach Rügen

Seit 2011 ist der Verein auf Achse. Kaum ein Flohmarkt wird ausgelassen. Ausstellungen gab es in Frohburg, Königs Wusterhausen, Torgau, Oschatz, Schkeuditz, Berlin, Leipzig und sogar auf der Insel Rügen. Weit über 2000 Kleider, Röcke, Blusen, Jacken, Hosen, Hemden, Anzüge, aber auch Schmuckstücke, Hüte, Gürtel, Taschen und Schuhe lagern in einer privaten Wohnung. Zu einem DDR-Modemuseum hat es aus Kostengründen noch nicht gereicht. Noch nicht. Umso mehr freuen sich die zwölf Mitglieder auf Ausstellungen wie die in Grimma.

Eva-Maria Reichelt, Frank und Angela Gennrich, Aenne und Katharina Dähne, Helga Sieler, Christian Kullnick, Birgit Schicke, Gabriele Rößiger – sie alle sorgen noch bis in den Sommer hinein für manchen Aha-Effekt bei den Besuchern. Wer weiß schon, dass 1968 in der Zeitung „Junge Welt“ für Kleider aus Papier geworben wurde. Kein Witz. Vliesett war ideal für den Stadt- und Strandbummel. Dagegen weniger geeignet bei Radfahren und Federball – Einreißgefahr! Dafür konnte man mit der Schere kürzen und maximal fünfmal waschen.

Pelz aus Leipzig, Kleider aus Papier

Chic sehen sie aus, die beiden Kleider aus Papier. Nicht gerade von Pappe dagegen der Pelzmantel für die Dame aus dem VEB. 1450 Beschäftigte verarbeiteten bei Brühlpelz in Leipzig jährlich 5,5 Millionen Felle. Wer kein Herz für Nerz hatte und wem das nötige Kleingeld fehlte, trug eine bunte Kette aus Plasteperlen oder einen Anhänger aus Suralin Marke Eigenbau. Der gemeine DDR-Bürger konnte nichts wegwerfen. Nicht mal das Plättchen im Kronkorken. Das wurde umhäkelt und diente als Kettenglied für den Henkel einer Tasche.

Gürtel, Schuhe, Taschen: Accessoires haben auch in der DDR ihre tragende Rolle gehabt. Quelle: Thomas Kube

Chic im Osten. Für Kritiker ein Widerspruch in sich. Außenstehende bezeichnen die DDR-Mode als eher einfältig. Voller Einfälle ist sie dagegen für Insider. Sie erfreuen sich an den kunterbunten Kleidern und würden am liebsten in selbige schlüpfen. Monika liebt’s bunt. Und wir glauben es ihr. Und Manfred? Es bleibt dabei. Männer (wie auch Frauen) hatten in der DDR zwar die Hosen an. Aber mit Blick auf gruselige Anzüge und abenteuerliche Krawatten wohl nichts zu lachen. Wer weiß. Vielleicht war auch alles anders. Es heißt, das starke Geschlecht wollte sie damals unbedingt haben – diese entsetzliche rehbraune Handgelenktasche ...

Sonderausstellung

Die Ausstellung „Monika liebt’s bunt – Mode in der DDR“ wird am 17. März, 15 Uhr, eröffnet. Bis zum 4. August sind im Kreismuseum Grimma zahlreiche Veranstaltungen zum Thema geplant:

31. März, 10 bis 17 Uhr: Antiquitätenschätzung „Zwischen Kunst und Kitsch“ mit Ingo Henjes

7. April, 10 bis 17 Uhr: Eier batiken mit Ursula Krause – jeder kann mitmachen!

28. April, 15 Uhr: Führung durch die Ausstellung mit dem Verein Chic im Osten

19. Mai ab 11 Uhr: Internationaler Museumstag: Retro-Modenschau mit dem Verein Chic im Osten und Soljanka aus dem Kessel

23. Juni, 15 Uhr: Bildervortrag mit Manfred PippigMode früher“

Kreismuseum Grimma

Kontakt: Paul-Gerhardt-Straße 43, 04668 Grimma, Tel. 03437/ 911132, mail@museum-grimma.de

Öffnungszeiten: Di. – Fr. und So. 10 bis 17 Uhr, Mo. und Sa. geschlossen.

Von Haig Latchinian

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