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Grimma Kreismuseum erinnert mit Sonderausstellung an gigantische Gewerbeschau von 1908
Region Grimma Kreismuseum erinnert mit Sonderausstellung an gigantische Gewerbeschau von 1908
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00:17 17.07.2018
Kreismuseum Grimma: Chefin Marita Pesenecker und Peter Fricke vom Freundeskreis zeigen ein Fotoalbum der Grimmaer Gewerbeschau von 1908. Diese Rarität ist Gegenstand einer Sonderausstellung. Quelle: Frank Prenzel
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Grimma

Es war bis zum Ersten Weltkrieg das größte Ereignis in Grimma: die Gewerbe- und Industrieausstellung im Juni 1908 auf dem damaligen Schützenplatz. 40 000 Besucher zählte das dreiwöchige Volksfest – in einer Stadt, die zu jener Zeit gerade mal 12 000 Einwohner besaß. Das Kreismuseum in Grimma will jetzt mit einer Sonderausstellung an die große Schau erinnern und auch den Bogen in die Gegenwart schlagen. Sie wird am Sonntag, dem 22. Juli, um 15 Uhr im Haus in der Paul-Gerhardt-Straße 43 eröffnet und ist dann bis zum 18. November zu sehen.

Jubiläumsmensch Fricke hatte Idee für Schau

Peter Fricke kam die Idee, die vor 110 Jahren stattgefundene Schau wieder in Bewusstsein zu rücken. Der studierte Kunst- und Althistoriker, der seine Brötchen als Fachverkäufer verdient, gehört dem Freundeskreis des Museums an – und interessiert sich seit Jahr und Tag für die Wirtschaftsgeschichte seiner Heimatstadt Grimma. „Ich bin ein Jubiläumsmensch“, meint er und bringt deshalb gern runde Daten ins Spiel. Mit der neuen Sonderausstellung werden dabei zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Denn Veranstalter des Großereignisses von 1908 war der damalige Gewerbeverein Grimma, der sich 1858 gründete – vor 160 Jahren also.

Erinnerung an Ausstellung und Gewerbeverein

„Wir wollen die Gewerbe- und Industrieausstellung ebenso in Erinnerung rufen wie die Geschichte des Gewerbevereins und seiner kleinen Schau von 1860“, verdeutlicht Fricke, der den historischen Hintergrund für die acht großen Text-Bild-Tafeln beisteuert. „Vor dem Ersten Weltkrieg blühte das Gewerbe in Grimma“, weiß der 37-Jährige. Wie die Gesellschaft seinerzeit funktionierte, könne man an dem Großereignis gut ablesen. Die dreiwöchige Schau auf dem heutigen Volkshausplatz vereinte sage und schreibe 150 Aussteller, vorwiegend aus Grimma, die ihre wirtschaftliche Schlagkraft vor Augen führten. Vereine der Stadt brachten sich ein, viele Menschen engagierten sich im Ehrenamt.

Museumsleiterin Pesenecker: Die Schau war gigantisch

„Die Schau war gigantisch“, weiß Museumsleiterin Marita Pesenecker zu berichten. Schon im Jahr 1907 wurde mit den Gartenanlagen begonnen. Aus Holz ließ der Gewerbeverein eine große und drei kleine Ausstellungshallen errichten, deren Architektur ins Auge stach. Zwei weitere Holzbaracken dienten als Restaurants, die sich „Zur Schaddelmühle“ und „Heidelberger Fass“ nannten. Hier konnten sich die Besucher nicht nur stärken, sondern auch vergnügen. Täglich gab es in den Lokalitäten und vor den Ausstellungshallen Konzerte. Festspiele, bei denen die Stücke „Der Nonnen Entführung“ und „Bilder aus Grimmas Vergangenheit“ aufgeführt wurden, komplettierten das kulturelle Angebot. Mehr noch: Eine Reithalle entstand auf dem Festgelände ebenso wie eine 25 Meter hohe Spiralrutsche. Mutige konnten einen Fesselballon besteigen. Ein beleuchteter Brunnen lud zum Verweilen ein.

Altes Fotoalbum ist besonderer Schatz

Die Gewerbe- und Industrieausstellung ist gut dokumentiert. Das Museum weiß dabei einen besonderen Schatz im Fundus – ein Fotoalbum, das viele Facetten der fast vergessenen Schau eindrucksvoll in Erinnerung ruft. Der damalige Grimmaer Fotograf Philipp Meinhardt hielt das Ereignis in zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotos fest, von denen die Sonderausstellung im Museum neben Alltagsgegenständen jener Zeit leben wird. Erhalten sei auch der Katalog mit allen Ausstellern, informiert Fricke. Im Grimmaer Stadtarchiv befinde sich zudem das Rechnungsbuch über Einnahmen und Besucherzahlen. Deshalb ist bekannt, dass die Schau einen Gewinn von 9000 Reichsmark verbuchte. „Das war viel Geld“, so Fricke. Auch der Eintritt war für jene Zeit nicht ohne. Die Dauerkarte für eine Familie kostete 3,50 Reichsmark, für die Hallen und Attraktionen musste extra gelöhnt werden. Es wurde aber auch viel geboten. Kinder bis 14 Jahre hatten übrigens keinen Zutritt. „Es sollte gesittet zugehen“, weiß der Hobbyhistoriker.

Brunnen auf dem Markt

Auf der Ausstellung präsentierte sich damals alles an Händlern, Handwerkern und Industriellen mit Rang und Namen in Grimma: die Zigarrenfabrik, die Handschuhfabrik, der Kutschen-Bauer, der Scherzartikel-Hersteller, Schokoladen-Schur, Goldschmied-Noack, Möbel-Kern... Ironie der Geschichte: bis auf ganz wenige Ausnahmen sind alle damaligen Aussteller von der heutigen Bildfläche verschwunden.

Geblieben indes ist der Brunnen mit Eva-Figur auf dem Markt. Die Hälfte des Gewinns der Ausstellung spendete der damals 180 Mitglieder zählende Gewerbeverein für den Bau des Wasserspenders, der laut Fricke 15 000 Mark kostete. „Über die nackte Eva hat man sich damals amüsiert“, weiß der Experte zu berichten. „Es gab sogar Spottgedichte.“

Von Frank Prenzel

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