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Kult-Rockband Karussell – in Naunhof entstanden die großen Hits

Auf Spurensuche Kult-Rockband Karussell – in Naunhof entstanden die großen Hits

Als ich fortging, Mc Donald, Autostop: Die Rockband Karussell startet ihre Jubiläumstour zum 40-jährigen Bestehen. Was viele nicht wissen: In Naunhof sind einige ihrer größten Hits entstanden. Komponist, Texter und Sänger Wolf Rüdiger Raschke erinnert sich.

Bestens gelaunt: Bandchef Wolf Rüdiger Raschke, hier vor dem Eingang seines Naunhofer Hotels, freut sich auf die Jubiläumstour.

Quelle: Haig Latchinian

Naunhof. Karussell – ein magisches Wort, bei dem kleinen Jungs schon vom Hören schwindlig wird. Dachten Gleichaltrige damals eher an Weihnachtsmarkt oder Rummelplatz, verband Joe Raschke damit eine tiefe Sehnsucht: „Oft stand ich am Kinderzimmerfenster und schaute dem VW-Bus hinterher. So gern wäre ich mit auf Tour gegangen.“ Der Traum wurde wahr. Es war ausgerechnet Joe, der sich 2007 für das Comeback der bekannten Rockband des Vaters stark machte. Inzwischen gehört der 34-Jährige zu Karussell wie die Seenlandschaft nach Naunhof. Als Sänger, Komponist, Texter und Multiinstrumentalist verhalf er der Band zum zweiten Frühling.

Wolf Rüdiger Raschke (68) denkt noch lange nicht an die Rockerrente. Im Gegenteil. Er hat die Leitung des Naunhofer Hotels „Rosengarten“ seiner Frau Angela anvertraut, um sich voll und ganz in die Dienste der Band zu stellen. Wie am allerersten Tag freut sich der Keyboarder auf jede einzelne Station der bereits gestarteten Jubiläumstour zum 40-jährigen Bestehen der Band: „Am 1. Juli sind wir in der Grimmaer Klosterkirche. Wir spielen alle Superhits aus acht Alben – Autostop, Mc Donald, Wie ein Fischlein unterm Eis, Ehrlich will ich bleiben, Als ich fortging ... Dazu gibt’s den exklusiven Film zur Bandgeschichte.“

Im Senftenberger Kohlerevier geboren, übersiedelte Wolf Rüdiger Raschke 1954 mit Vater Werner, Germanistikprofessor, Mutter Margit, Musikdozentin, und Schwester Friederike, Schauspielerin, nach Leipzig. Wolf Rüdiger rockte zunächst in der Schülerband „Die Eisbrecher“, besorgte Perücken und trat als Beatles-Verschnitt mit Pilzkopf auf. Nach der Lehre zum Karosseriebaufacharbeiter und anderthalb Jahren Armee wurde er, der Musiklehrer, aus dem Schuldienst entfernt: „Mit langen Haaren, Fleischerhemd und Jeans galt ich nicht als sozialistische Lehrerpersönlichkeit.“ 1976 begann sich das „Karussell“ zu drehen.

Über Texte streiten, zur Musik philosophieren, Angelas Kartoffelsuppe löffeln – Wolfi, Oschek, Cäsar, Jochen, Hula und Claus versammelten sich immer öfter am Riesentisch in Raschkes Diele. 1984 war der Band-Leader zu seiner Frau an die Parthe gezogen, baute dort Haus und Studio. „In Naunhof sind unsere großen Hits entstanden“, sagt Raschke.

Schon lange vorm Mauerfall sah der Naunhofer Keyboarder die Welt: Ost und West, Nord und Süd. Einmal überraschte er die Tochter mit einer poppigen Federmappe, auf dem ein amerikanischer Straßenkreuzer „sein Unwesen“ trieb. In der Schule gab’s mächtig Ärger. Der Musiker ging persönlich zur Direktion, um die Tochter aus der Schusslinie zu holen. Mit Erfolg.

Er blieb Naunhof treu, an Seen und Steinbruch wurden erste Musikvideos gedreht. 1986 erschien „Als ich fortging“, der größte Erfolg von Karussell, einst auch Filmmusik in Tatort und Lindenstraße, inzwischen in 30 Ländern übersetzt, oft gecovert. Als sich Ex-Landrat Gerhard Gey in den Ruhestand verabschiedet hatte, wünschte er sich weder Streicher noch Bläser, sondern Karussell. Das Minikonzert endete mit einem Solo des scheidenden Landrats.

Über vieles sei schon geschrieben worden, holt Raschke aus, aber über eines noch nicht: „Es war bei einer Live-Fernsehsendung im Palast der Republik. Da hatten die uns doch aus Versehen das Keyboard weggeräumt. Als ich auf die Bühne kam, war ich zu Tode erschrocken, stellte mich geistesgegenwärtig zu den Backgroundsängern und stimmte mit ein.“ Er radelte bereits fünfmal von Naunhof an die Ostsee, jeden Tag 110 Kilometer. Er liebt die Küste, seine zweite Heimat: „In unseren wilden Jahren spielten wir oft dort. Die Bädertour führte uns von Saßnitz bis Rerik.“ Mit der Band wurde unlängst sogar ein Kinofilm gedreht. Als meistgezeigter Streifen im Norden erhielt „Vier Tage auf Hiddensee“ 2015 den Publikumspreis Lütt Bär.

Vorbei die Nachwendezeiten, als Ostrock plötzlich nichts mehr zählte und sich die Musiker nach anderen Jobs umschauen mussten. Die Raschkes eröffneten 1992 ihr Hotel in Naunhof. Er kümmere sich mittlerweile nur noch um das Marketing des Hauses, sagt der viel beschäftigte Bandchef. Er freut sich, dass seine fünf Enkel keines der Konzerte versäumen. Er ist glücklich, nun auch mit seinem Jungen auf der Bühne zu stehen.

Joe Raschke, der sich als Jugendlicher erste Lorbeeren mit den Sushi-Rockers verdiente, gilt als das Gesicht von Karussell: „Wir sind so fest zusammen gewachsen, als ob es nie anders gewesen wäre. Und damit schließt sich der Kreis aus Vergangenheit, Zukunft, Vater, Sohn, Freunden, Menschlichkeit und Musik.“

Von Haig Latchinian

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