Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Grimma Kunsthandwerkertage: Ateliers und Werkstätten sind geöffnet
Region Grimma Kunsthandwerkertage: Ateliers und Werkstätten sind geöffnet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 23.03.2018
Feuer frei fürs Kunsthandwerk: Goldschmiedemeisterin Sofia Thiele aus Grimma lötet einen Ring. Quelle: Andreas Döring
Grimma

Der Herr der Ringe? Nicht so in Grimma. In einem romantischen Wohn- und Geschäftshaus aus dem 17. Jahrhundert ist’s eine Frau, die für den kleinen, aber feinen Glamourfaktor sorgt. Doch ist das nur die halbe Wahrheit. Weil Sofia Thiele findet, dass jeder seines Glückes Schmied ist, können Verliebte ihre Trauringe in der Werkstatt auf Wunsch selber kreieren – natürlich unter fachmännischer Aufsicht der „Dame der Ringe“. Es geht ganz einfach: Heiratswillige kommen in die Lange Straße 68 und vereinbaren einen Termin. In Phase zwei werden zunächst Pläne geschmiedet: In einer der Sitznischen des Verkaufsgewölbes wird bei einer Tasse Kaffee besprochen, wie das Objekt der Begierde aussehen soll. Form und Gravur, Fingerabdruck und Steineinfassung. Irgendwann folgt der finale Gang ins Allerheiligste, mitunter spannender als der vor den Traualtar: In der Werkstatt schleifen und bohren sich die Paare eigenhändig ihren Eheschmuck. Das kann bis zu sechs Stunden dauern und tut gar nicht weh, auch wenn zum Teil martialische Zangen, Polierer und Winkel beinahe an den Zahnarzt erinnern.

„Das Arbeiten mit den bis über beide Ohren Verliebten macht unheimlich viel Spaß“, sagt die 52-jährige Goldschmiedemeisterin Sofia Thiele. Sie nehme sich gern die Zeit: „Die unikalen Ringe, die wir hier machen, haben Bestand, überleben uns, werden von Generation zu Generation weiter gegeben.“ Entsprechend feierlich sei die Atmosphäre. Die Kunden bekämen nach getaner Arbeit ein Zertifikat und eine Foto-CD. Ringe, Anhänger, Ohrclips. Platin, Titan, Gold. „Gold ist ein wunderbares Material, du kannst ausbessern, ersetzen, einschmelzen – anders als beim Holz, da gilt ab ist ab.“

Goldschmied war in der DDR eine zu dekadente Bezeichnung

Den Sinn für alles Schöne hat Sofia Thiele mit der Muttermilch aufgesogen. Ihre Eltern, Herbert und Carola Holl, hatten in der Wurzener Wenceslaigasse eine Goldschmiede. „Wir wohnten in Nerchau. Dort bin ich zur Schule gegangen, war mit der Kirche unterwegs, habe Gitarre gespielt, gekegelt und mich mit Freunden getroffen. Auf dem Moped ging es an Wochenenden zur Disco in die Dörfer.“ In den Ferien fädelte das Mädchen am liebsten Perlenketten – und zwar im elterlichen Geschäft. Sie war gerade mal Schulkind, als sie auf den Hocker stieg und legendäre Früchtebroschen über die Theke reichte. Es war nur konsequent, dass sie nach der 10. Klasse Edelmetallfacharbeiterin lernte: „Der Name Goldschmied wurde offiziell nicht verwendet, er klang wohl zu sehr nach Dekadenz und Kapitalismus“, lächelt Thiele.

Grußwort der Schirmherrin

Aus Anlass der Europäischen Tage des Kunsthandwerks hat Elke Büdenbender, Ehefrau von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, die Schirmherrschaft übernommen. Hier ihr Grußwort:

„Im Kunsthandwerk kommen zwei faszinierende Bereiche zusammen: die Kunst und das Handwerk. Diese Verbindung schafft eine Melange aus Kreativität, Fingerfertigkeit und Expertise. Diese Melange wiederum findet Ausdruck in zahlreichen schönen Gegenständen. Seien es praktische Gegenstände, wie Geschirr, Mode oder Möbel, oder Dekorationsgegenstände, wie Schmuck oder Accessoires – jeder Gegenstand für sich vermag es, ein Lächeln und Strahlen in Gesichter zu zaubern.

Die Europäischen Tage des Kunsthandwerks bieten Jahr für Jahr ein großartiges Forum, Arbeiten aus dem Kunsthandwerk nicht nur einem Fachpublikum, sondern auch der breiten Öffentlichkeit vorzustellen. In Workshops, Vortragsveranstaltungen, Ausstellungen und bei Atelierbesuchen können alle Interessierten den Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerkern bei der Arbeit über die Schulter schauen.

Zum einen lernen die Besucherinnen und Besucher aufwendige Entstehungsprozesse kennen – ein Schmuckstück, das vor den eigenen Augen erstellt wird, weiß man noch viel mehr wertzuschätzen. Zum anderen lernen sie aber auch zahlreiche Berufsfelder kennen, in denen man eine Berufsausbildung machen kann. So nimmt manche Besucherin oder mancher Besucher neben einem Erinnerungsstück an einen Ateliersbesuch, vielleicht sogar eine Anregung für den künftigen beruflichen Werdegang mit nach Hause.

Die Europäischen Tage des Kunsthandwerks sind eine schöne, europaweite Tradition. Ich wünsche Ihnen für 2018 viele lächelnde und strahlende Gesichter!

Sie hatte ihre Ausbildung noch nicht ganz abgeschlossen, da kam ein Kunde in den Wurzener Laden und sagte, in Grimma werde ein Goldschmied gesucht. Die Eltern, die ja aus Grimma stammten, grübelten, ob sie das Angebot in der Nachbarstadt annehmen sollten, entschieden sich aber für Wurzen. Sie konnten und wollten ihre Stammkunden nicht im Stich lassen: „Da fragte mich mein Vater, ob ich es nicht versuchen wolle“, erinnert sich Sofia Thiele. Sie war damals 21. Und stürzte sich tatsächlich in das Abenteuer. Das Ladenlokal Albert-Kuntz-Straße 65 war uralt, hatte Ölfußboden und der Putz bröckelte. „Eine Hornzsche eben“, schüttelt sich Sofia Thiele noch heute. Nach umfangreicher Renovierung eröffnete sie im Herbst 1986, im Winter begann sie die Meisterschule. Im Mai 1987 heiratete sie ihren Holger, einen Ökonom, der kurz darauf in der Goldschmiede einsprang, um seine Frau zu entlasten, die nebenbei die Schulbank drücken musste. Nach Meisterschule und Mauerfall bewarben sich die Eheleute um das Geschäftshaus Lange Straße 68, einst Bäckerei. „Zu der Zeit war da noch ein Schnapsladen der HO drin. Ich hatte das Geschäft und die vier Angestellten zunächst übernommen. So liefen für den Moment zwei Unternehmungen parallel, das Juweliergeschäft und der Schnapsladen“, erzählt der 54-jährige Holger Thiele. 1991 erwarb das Paar das denkmalgeschützte Anwesen Nummer 68 mit Schwarzer Küche, Gewölbe und Nischen. Ein Jahr später war feierliche Eröffnung. Ring frei zur ersten Runde!

Schönster Beruf unter der Sonne

Michael Lindner steht in der Werkstatt und repariert den Schmuck. Der gelernte Tischler aus Leipzig machte vor zwölf Jahren seine Umschulung bei den Thieles. Mittlerweile ist er Goldschmied, pendelt seitdem zwischen der Messestadt und der Muldenperle. Für ihn ist Goldschmied der schönste Beruf unter der Sonne. „Dabei trage ich selbst keinerlei Schmuck, passt nicht zu mir, bin einfach nicht der Typ dafür.“ Die Zeiten, als Sofia und Holger Thiele, Eltern zweier Kinder, den Laden noch alleine schmissen, sind lange vorbei. Inzwischen gehören Andrea Block, Kristin Tauchnitz und Alexander Kroll zum Team. Denise Kresse ist derzeit noch Lehrling, wird demnächst aber fertig und auch übernommen. Die Mitarbeiter sitzen in der Pause um einen selbst gebackenen Kuchen, den ein Geburtstagskind spendiert hat. Sie beschreiben ihre Chefin als zielstrebig, kreativ und einfühlsam: „Wenn sie auf ein Blatt skizziert, wie die Eheringe aussehen könnten, sind die Kunden sofort begeistert, dann hörst du oft schon von weitem ein ,Oh ja’!“

Das Juweliergeschäft mit 15 Kollektionen namhafter Trauringhersteller und jeder Menge Uhren – alles andere als ein Selbstläufer. Dafür sorgte schon allein die Mulde. „Am 13. August 2002 wollten wir den 1. Geburtstag unserer Tochter Sara feiern, doch statt der Gäste kam die Flut.“ Dass in Grimmas Untergrund nicht wie im Wilden Westen nach Gold geschürft wurde, ist der Umsicht der Juweliere zu verdanken. Als Grimma im Hochwasser versank, konnten die Thieles zumindest noch an Material retten, was zu retten war. Und doch überlegten sie, ob sie sich bei dem ganzen Schlamassel einen Neuanfang zumuten sollten. Bloß gut: Zu dem Zeitpunkt ahnten sie noch nicht, dass der Fluss 2013 ein weiteres Mal zuschlagen würde. Sofia Thiele berappelte sich, machte eine Weiterbildung zur Schmuckgestalterin und schaute nur nach vorn. Nach wiederholtem Aufbau ist das Geschäft heute schöner denn je, die ursprünglich fest verankerten Vitrinen sind nun transportabel und im Ernstfall schnell gesichert. Ring frei zu Runde zwei und drei!

Stolzer Beleg großer Handwerkergeschichte

Der Schlussstein mit der Jahreszahl 1742 und dem Zeichen der Bäckerinnung ist noch immer stolzer Beleg der großen Handwerkergeschichte des Hauses. Aus Anlass der Europäischen Tage des Kunsthandwerks bittet Sofia Thiele heute von 18 bis 19 Uhr in ihre Werkstatt. Zwischen Schmelzofen und Hängebohrmotor sorgt sie somit nicht nur für strahlende Schmuckstücke, sondern auch für leuchtende Augen. Heute und morgen veranstaltet sie zudem Trauringtage und verspricht Preisnachlässe. Grimmas Linken-Fraktionsvorsitzender Jörg Diecke schaut mit Genugtuung auf das Projekt: „Unmittelbar nach der Wende gab es die Befürchtung, Immobilienhaie aus dem Westen könnten sich die Filetstücke unserer Altstadt sichern. Daher hatte der Stadtrat die Bemühungen der ortsansässigen Familie Thiele um die Nummer 68 nach Kräften unterstützt. Wie man sieht, hat es sich gelohnt. Die Juwelierin ist seit Jahrzehnten erfolgreich am Markt.“

Die Teilnehmer

Vom 23. bis 25. März öffnen Betriebe aus dem gestaltenden, traditionellen und restaurierenden Handwerk ihre Türen im Rahmen der „Europäischen Tage des Kunsthandwerks“ (ETAK). Kunsthandwerker aus der Region Leipzig sind in diesem Jahr erstmals dabei. Zur Premiere beteiligen sich mehr als 60 Unternehmen. Von Modedesign über Möbel, Schmuck bis hin zu leuchtenden Objekten ist die ganze Bandbreite vertreten. Besucher können an diesem Wochenende viele Facetten des Kunsthandwerks kennenlernen. Wer nicht nur schauen, sondern selbst etwas ausprobieren möchte, findet viele Workshop-Angebote zum Mit- und Selbermachen.

Eine Übersicht zu allen Angeboten des ETAK-Wochenendes im Landkreis Leipzig gibt es im Internet. Auf den Seiten kann man sich je nach Interesse, zeitlicher Verfügbarkeit oder örtlichen Präferenzen seine individuelle Tour zusammenstellen. Die „Europäischen Tage des Kunsthandwerks“ gibt es seit 2002 jedes Jahr im Frühling. Die Idee dazu entstand in Frankreich und wird bis heute in 18 europäischen Staaten umgesetzt. Im Freistaat Sachsen unterstützen die Handwerkskammern und das Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr die ETAK.

Aus dem Landkreis Leipzig beteiligen sich Bootsbau Kayser (Zwenkau), Bodo Schulz Dudelsackbau & Historische Holzblasinstrumente (Trossin), Tischlerei Innenbau & Design GmbH (Markkleeberg), flora-metaphorica – Kunst aus echten Blüten (Markkleeberg), Goldschmiede Sofia Thiele (Grimma), CH-Design (Wurzen), LMW-Leuchten Manufactur Wurzen GmbH, Pelz Meinelt (Rötha), Töpferei Blechschmidt (Groitzsch).

www.leipzig.kunsthandwerkstage.de

Von Haig Latchinian

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Bis zum 8. April kommt es ab sofort auf der Regionalbahnstrecke der Linie RB 110 (Leipzig– Döbeln) zu einem eingeschränkten Fahrplan. Das teilte die Mitteldeutsche Regiobahn mit.

23.03.2018

Schlange stehen für den Frühling: Die Wohnungsgenossenschaft Grimma schenkte ihren Mitgliedern mehr als 2000 Frühlingspflanzen für Balkone und Rabatten. Die Mieter ließen sich nicht lange bitten. Derweil beschäftigt das Wohnungsunternehmen eines seiner größten Bauprojekte, das noch im April starten soll.

26.03.2018

Gut 60 Leute folgten der Einladung der Bürgerinitiative „Handlungsfähige Stadt“ in Naunhof zur Bürgerversammlung. Ein Teil von ihnen schlug kritische Töne an. Naunhof werde in der überregionalen Wahrnehmung als Panoptikum reflektiert, stellte Günter Fischer fest. Bürgermeister Volker Zocher bemühte sich um Schadensbegrenzung.

26.03.2018