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Grimma Langzeitarbeitslose reparieren Spielzeug in Grimma
Region Grimma Langzeitarbeitslose reparieren Spielzeug in Grimma
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08:00 14.02.2019
Mario Förster arbeitet gern in der Holzwerkstatt, wo kaputtes Spielzeug repariert wird. Ab und zu baut er aber auch neue Dinge, wie hier den kleinen Vogelnistkasten. Quelle: Thomas Kube
Grimma

Der kleine Stall ist fast fertig. Das Holztürchen lässt sich wieder öffnen, Kühe und Pferde sind neu bemalt. „Das ist eine gute Arbeit hier“, sagt Mario Förster. Er stammt aus Steinbach bei Kitzscher. Zum zweiten Mal ist der 52-jährige Langzeitarbeitslose bei der Toys Company in Grimma. Am liebsten arbeitet er in der Holzwerkstatt.

Kaputtes Spielzeug wartet in Kisten auf die Reparatur. Der Industriemechaniker sägt, feilt und schraubt. Er war lange Zeit auf Montage, doch seit Jahren sei es für ihn schwer mit Jobs. Deshalb ist er froh über dieses Angebot des Jobcenters. Ein-Euro-Job wird es umgangssprachlich genannt. Aktuell erhält er exakt 1,30 Euro pro Stunde. Das sind bei vier Stunden Arbeit pro Tag rund 100 Euro mehr im Monat auf die Hartz-IV-Bezüge.

Miteinander reden und Menschen wertschätzen bei Toys Company

Neben der Arbeit findet Mario Förster das „Klima“ in diesem Haus gut: „Wir verstehen uns untereinander prima und man kann über vieles reden“, sagt er.

Miteinander reden und Menschen wertschätzen, auch wenn im Leben nicht alles gelang – das ist Projektleiterin Evelyn Kretzschmar besonders wichtig. Die 55-jährige Psychologin möchte die Teilnehmer nicht nur beschäftigen, sondern auch betreuen und einige von ihnen Schritt für Schritt für den ersten Arbeitsmarkt fit machen. Es werden Stellen gesucht und Bewerbungen geschrieben.

Das sei aber nicht bei jedem möglich. Die Betroffenen kommen aus verschiedenen Lebenssituationen. „Viele haben gesundheitliche Probleme, psychische Einschränkungen und Suchterkrankungen, einige sind sehr einsam“, berichtet die Leiterin. Die meisten sind über 50 Jahre alt. Mancher hat keinen Schulabschluss, mancher absolvierte ein Hochschulstudium.

Seit zehn Jahren gibt es die Toys Company in Grimma. Die Idee: Langzeitarbeitslose reparieren gebrauchtes Spielzeug.

Credo: Begegnung auf Augenhöhe, jeder ist gleich viel wert

Wie auch immer: „Unser Credo ist, dass wir uns alle auf Augenhöhe begegnen, jeder ist gleich viel wert“, sagt die Psychologin. Sie möchte das Selbstbewusstsein der Teilnehmer stärken, „denn egal, wie die Probleme liegen, jeder hat in seinem Leben schon etwas geleistet, es gilt, darauf aufmerksam zu machen“.

Die Maßnahme, jeweils ein halbes Jahr, sei beliebt, keiner der 15 Plätze bleibt unbesetzt. Viele Teilnehmer bewerben sich wiederholt dafür. Es gebe eine gute Zusammenarbeit mit dem Jobcenter. Gearbeitet wird mit gebrauchtem Spielzeug, das in der Wohlstandsgesellschaft übrig ist.

Stichwort Toys Company

Die Toys Company (übersetzt Spielzeug-Unternehmen) gehört zur Dekra-Akademie. Gegründet in den 1970er-Jahren, entwickelte sich diese Akademie nach eigenen Angaben zu einem der größten privaten Bildungsunternehmen in Deutschland mit 150 Standorten und 100.000 Teilnehmern. Sei es Kraftfahrer, Handwerksmeister oder Jobs in der Computerbranche – es geht um Aus- und Weiterbildung.

Ein kleiner Teil der Angebote der Dekra-Akademie richtet sich an Langzeitarbeitslose, zum Beispiel die Toys Company. Die Idee: Gebrauchtes Spielzeug wird wieder aufbereitet und danach an Bedürftige verschenkt. In Grimma gibt es das Projekt seit zehn Jahren. Es wird in enger Zusammenarbeit mit dem Kommunalen Jobcenter durchgeführt.

Kinder wachsen rasch. Plüsch-Teddy, Bilderbücher, Dreirad und Holzbausteine sind oft zuviel im ohnehin reich bestückten Kinderzimmer. Wohin damit? In 40 Kindergärten der Grimmaer Region stehen große Kartons, wo Eltern ausrangiertes Spielzeug und auch Kinderkleidung sinnvoll entsorgen können. Es darf auch reparaturbedürftig sein.

Wer will, kann die Dinge direkt zur Toys Company ins Gewerbegebiet Grimma-Süd bringen. Die Adresse lautet Südstraße 80. Der kleine Laden samt Werkstatt ist nicht so einfach zu finden, es ist das Haus Nummer 86. Dieses Projekt gibt es auch in Oschatz und Torgau.

Psychologin Evelyn Kretzschmar (li.) und Praxisanleiterin Mandy Böhme betreuen das Projekt der Toys Company in Grimma. Im Hintergrund ist das Fuchs-Logo zu sehen. Quelle: Thomas Kube

Gearbeitet wird in Früh- und Spätschicht in unterschiedlichen Abteilungen. Im Wareneingang sortieren Beschäftigte das Spielzeug. Sind die Puzzles vollständig? Muss der Kran repariert werden? Welches Holzspielzeug braucht neue Farbe? Welche Hosen oder Pullover müssen ausgebessert werden?

Je nachdem landen die Sachen dann in der Näherei, einem kleinen Raum mit zwei Nähmaschinen. Oder in der Holzwerkstatt bei Mario Förster. Oder im Waschraum, wenn sie schmutzig sind. Oder auch auf dem Müll, wenn sie völlig zerschlissen sind.

Repariertes und gewaschenes Spielzeug kommt in den Laden

Die reparierten, genähten und gewaschenen Dinge stehen und liegen dann im Laden der Toys Company. Bücher, Faschingskostüme, Brettspiele, Plüschtiere, Kasperlepuppen, Kinderfilme, Bausteine, kleine Autos und Eisenbahnen in Regalen mit Beschriftung – es ist ein richtiges Geschäft. Bezahlt wird aber nicht mit Geld, sondern mit Punkten.

Angela Schulze sitzt quasi an der Kasse. Das ist ein Computer hinter der Verkaufstheke mit sämtlichen Artikeln des Ladens. „Je nach Wert bekommen die einzelnen Sachen Punkte“, erklärt die 58-Jährige. Die Skala reicht von eins bis zehn. Ein Kinder-Pullover drei Punkte, ein Springball fünf Punkte, ein Puppenbettchen zehn Punkte. Große Waren wie ein Kinderwagen erhalten einen roten Punkt.

Wenn das Kind Geburtstag hat, gibt es fünf Punkte extra

Einkaufen darf nur, wer einen Bewilligungsbescheid hat. Spielzeug und Kleidung sollen Kinder erreichen, deren Eltern nicht viel Geld haben. Dabei gibt es für jedes Kind zehn Punkte pro Monat. Wenn das Mädchen oder der Junge Geburtstag hat, gibt es fünf Punkte extra. Wer etwas mit einem roten Punkt wählt, zahlt zehn Punkte, hat aber im nächsten halben Jahr keinen Anspruch auf solch ein großes Teil.

Auf Karteikarten vermerken Angela Schulze und ihre Kollegen, wer was wann erhalten hat. „Wir haben derzeit 517 Personen erfasst. Die meisten kommen regelmäßig“, berichtet die Grimmaerin.

Die gelernte Schweißerin ist zum fünften Mal in der Maßnahme. Wegen mehrerer chronischer Krankheiten könne sie nur einige Stunden am Tag leicht arbeiten. „Für mich ist das ideal hier“, sagt sie. „Ich komme mal aus meiner Wohnung raus, habe hier was zu tun und das Team ist super, ich fühle mich sehr wohl.“

Mitarbeiter André Benthin-Gewe räumt eins der Spielzeugregale ein. Quelle: Thomas Kube

Das erzählt auch ihr Kollege André Benthin-Gewe. Der 54-Jährige war selbstständig, aus gesundheitlichen Gründen sei er seit vier Jahren zu Hause. „Ich komme hier wieder unter Leute“, sagt er. Der Job bedeute für ihn Motivation: „Das tut gut.“

Evelyn Kretzschmar sieht in dem Projekt drei Vorteile. Erstens sei es für die Langzeitarbeitslosen „sinnerfüllt, sie schaffen etwas und sehen dann, wie Kinder durch die Spielzeug-Regale gehen und sich freuen“. Für bedürftige Familien sei es zweitens eine echte Hilfe. Und drittens gibt es den ökologischen Aspekt: „Wir leben in einer Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Wenn ein Kind mit etwas gespielt hat, kann es gut noch weiter benutzt werden.“

Kontakt: Toys Company Grimma, Südstraße 80, Haus 86. Telefon 03437/972247, E-Mail holzwerkstatt_grimma@web.de, Öffnungszeiten Montag bis Freitag 8 bis 15 Uhr.

Fahrräder für Afrika

Die Dekra hat neben Grimma noch weitere Standorte in der Region, wo es um die Betreuung von Langzeitarbeitslosen geht. In Borna zum Beispiel gibt es eine Fahrradwerkstatt, die sich seit Jahren für den Verein Fahrräder für Afrika engagiert.

Die Idee: Menschen sollen mit Hilfe von Fahrrädern mobilisiert werden und damit einen Weg aus der Armut in ein besseres Leben finden. Mit Hilfe des Fahrrads sollen sie zu Ausbildung, Beschäftigung und medizinischer Versorgung gelangen. Auch Krankenschwestern werden mit Rädern unterstützt, um Krankenbesuche zu erleichtern.

Montag bis Freitag von 8 bis 15 Uhr können bei der Dekra in Borna, Abtsdorfer Straße 32, gebrauchte Fahrräder abgegeben werden. Sie werden von Langzeitarbeitslosen repariert und später nach Afrika gebracht. Auch die SBH Südost GmbH in Oschatz ist ein Partner des Projektes. (Kontakt: Telefon 03435/9878244, Email info-oschatz@sbh-suedost.de).

Ähnlich wie in Grimma arbeitet die Toys Company in Oschatz und Torgau. In Wurzen gibt es für einige Monate im Jahr eine Holz- und Nähwerkstatt von der Dekra. „Dort werden gemeinnützige Sachen hergestellt, die nicht in den ersten Arbeitsmarkt reingrätschen“, betont Projektleiterin Evelyn Kretzschmar. Zum Beispiel bauen die Teilnehmer eine Fühlstrecke für den Kindergarten.

Von Claudia Carell

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