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Grimma Lese- und Schreibschwäche weit verbreitet
Region Grimma Lese- und Schreibschwäche weit verbreitet
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06:06 31.08.2018
Allein in Grimma sollen 2500 Erwachsene Probleme mit Lesen und Schreiben haben. Selbsthilfegruppe, Alfa-Mobil und Volkshochschule bieten Hilfe an. Foto: Thomas Kube
Grimma

Briefe von Behörden öffnet Falk Brandt nur ungern. „Es fällt mir schwer, sie zu verstehen“, räumt der 47-jährige Colditzer ein, der auf Hartz IV angewiesen ist. Schon in der Schule hatte er Mühe, dem schnell vermittelten Stoff zu folgen und machte später – mit dem Abschluss der 7. Klasse in der Tasche – seinen Teilfacharbeiter. Mit Lesen und Schreiben hat er noch immer Probleme und gehört damit zu den sogenannten funktionalen Analphabeten. Nach einer Studie der Hamburger Universität gibt es hierzulande 7,5 Millionen erwachsene Deutsche, denen ihre Schreib- und Leseschwäche im Alltag Sorgen bereitet. Allein in Grimma sollen es mehr als 2500 sein.

Selbsthilfegruppe trifft sich monatlich

Brandt ist einer von ihnen – und hat seinem Manko den Kampf angesagt. Der 47-Jährige besucht Kurse und engagiert sich in der Selbsthilfegruppe (SHG) „Alpha-Team Muldental“, die sich jeden ersten Dienstag im Monat um 17 Uhr im Raum 1 der Volkshochschule Grimma (Wallgraben 21) trifft. Um wieder in Arbeit zu kommen, sei das Lernen wichtig, weiß der allein stehende Mann.

Für Tabu-Thema sensibilisieren

Am Donnerstag stand Brandt mit anderen Mitglieder seiner Gruppe auf dem Grimmaer Markt, um das Tabu-Thema ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken und Betroffene zu ermuntern, Hilfe anzunehmen. Verstärkung lieferten das aus Berlin angerollte Alfa-Mobil des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung ebenso wie die Volkshochschule (VHS) Muldental, deren nächster Lese- und Schreibkurs für erwachsene Deutsche am 11. September in Grimma beginnt (17 Uhr, zehn Abende bis 18. Dezember). Er starte schon ab vier Teilnehmer, so Fachbereichsleiterin Britt Gappa.

Mit Hilfe der VHS und der Pädagogin Brigitte Grünberg hatten Betroffene die Muldentaler Selbsthilfegruppe vor sechs Jahren gebildet. Bei Gründung war sie die vierte ihrer Art in Deutschland. Etwa 15 Leute versammeln sich seitdem regelmäßig, sprechen über gute und weniger gute Erlebnisse, helfen sich (etwa beim Ausfüllen von Formularen), schmieden einen Jahresplan. So war im Juni das politische Berlin das Ziel einer zweitägigen Reise, wo die Gruppe auch einer Sitzung des Bundestages beiwohnte. Der Landkreis unterstützt die SHG mit jährlich 540 Euro.

Funktionale Analphabeten hätten zwar Lesen und Schreiben gelernt, aber nie richtig beherrscht, erläutert VHS-Expertin Gappa. Es gebe vier Stufen. Manche würden das Problem ihr ganzes Leben mit sich tragen und dem Umfeld verheimlichen. „Die Hemmschwelle, sich zu outen, ist sehr groß.“ So ein Aktionstag solle helfen, betroffene Menschen mit den Hilfsangeboten zu erreichen und mit Gleichgesinnten zusammen zu bringen.

Laptop mit Internetzugang – starkes Motiv

Mario Malke schloss sich der Gruppe an. Der Grimmaer ist nach der achten Klasse aus der Schule und arbeitet jetzt in der Behindertenwerkstatt. Beipackzettel von Medikamenten verstehe er kaum, nennt der 39-Jährige ein Beispiel aus dem Alltag. Dass er einen Laptop mit Internetzugang wollte, war ein starkes Motiv, sein Lesen und Schreiben zu verbessern.

In Grimma bot 2006 erstmals das Bildungs- und Sozialwerk Muldental einen Kurs für Erwachsene an. Als die Förderung auslief, griff die Volkshochschule das Projekt auf. Im Kurs geht es um das Gewinnen von Routine beim Lesen und Schreiben, auch um eine gewisse Grundausbildung und um das Arbeiten am PC. Übrigens steht von Anfang die Leipzigerin Brigitte Grünberg vor den Zöglingen aus dem Muldental – seit ihrem Ruhestand ehrenamtlich. Ihr Pfund: 45 Jahre Erfahrung in der Benachteiligtenförderung.

Kontakt zur Selbsthilfegruppe: Falk Brand, Tel. 0152/57038269 / zur Volkshochschule: Tel. 03437/925298

Von Frank Prenzel

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