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Grimma Mach' doch mal ein bisschen leiser: A 14 ist so laut wie ein Staubsauger
Region Grimma Mach' doch mal ein bisschen leiser: A 14 ist so laut wie ein Staubsauger
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13:53 19.05.2015

Als Dirigent: der Schwede Sven-Åke Johannson. Am Gaspedal: die Landwirte des Dorfes. Grit Ruhland, Künstlerin aus Thüringen, greift das Motiv der heulenden Motoren heute an der Mutzschener Autobahnbrücke auf: Gemeinsam mit der Leipziger Sängerin Walburga Walde sowie möglichst vielen freiwilligen Choristen will sie ab 18 Uhr nicht nur gegen pferde- und lautstarke Karossen ansingen, sondern in deren "Singsang" bewusst einstimmen. Ganz neue Töne, die die Bürgerinitiative "Kunst und Natur an der A 14" anschlägt. Aber was lässt sie sich nicht alles einfallen, um am heutigen Tag gegen Lärm den alltäglichen Wahnsinn zu verdeutlichen.

"Ruheständler" Gerold Meißner beteiligt sich regelmäßig an den Brückenbesetzungen: "Der Krach von der Autobahn ist besonders bei Westwind belastend. Es ist empörend: Das Autobahnamt sieht eine Lärmschutzwand nur bei Neubau oder dreispurigem Ausbau vor." Gero Weigelt hatte zuletzt den Lärmmesser parat: "89,8 dB. Das ist so laut wie ein Staubsauger!" Jens Haubner vom Bund für Umwelt- und Naturschutz: "Insbesondere der Schwerlastverkehr hat auf der A 14 wegen der Einbindung der A 38 deutlich zugenommen." Peter Welp vom Landesamt für Straßenbau und Verkehr konnte gestern auf LVZ-Nachfrage für Prösitz keinen neuen Sachstand vermelden.

Die etwas andere Bürgerinitiative verschaffte sich im Laufe der Jahre sogar bundesweit Gehör: Nach dem Vorbild der feurigen Spanier, die auf ihren Hügeln gern einen überdimensionalen Stier posieren lassen, erschuf Bildhauerin Imke Rathert eine riesige Kuh aus Spanplatten. Für die Hannoveranerin stand die Kuh an der A  14 jedoch weniger für den Stierkampf, als vielmehr für den Kampf gegen Lärm. Motto: Noch ist meine Milch nicht sauer, aber vielleicht schon bald. Patrick Franke gelang es, den Prösitzer Autobahnlärm abrufbar ins Internet zu stellen. Unterstützt wurde der Klangkünstler dabei von den lärmgeplagten Rentnern Isolde und Werner Schmidt. Die gaben ihr Einverständnis, dass in der Wohnung ein Mikro rund um die Uhr am angekippten Fenster alle Geräusche aufnehmen darf. Ob dies nicht einen massiven Eingriff in die Privatsphäre bedeutet, schließlich ist neben dem Autobahnlärm auch jeder noch so kleine Streit weltweit zu hören? "Iwo, wir nähern uns dem Mikro nur auf dem Weg ins Bett, und da streiten wir uns doch nicht", sagte der inzwischen verstorbene Ehemann. In Kooperation mit dem Fraunhofer Institut bemalte die Initiative eine mobile aufblasbare, damals noch in der Probephase befindliche Lärmschutzwand. Ein anderes Mal bastelten die Aktivisten riesige Ohrenschützer aus Schaumgummi. Noch nicht vom Tisch ist auch die europaweit einzigartige Idee von Ingenieur Ingo Güttler aus Dresden: Einsturzgefährdete Gehöfte zurückbauen und die Ziegel sowie Bruchsteine nutzen, um markante Giebel als dörfliche "Skyline" direkt an der Autobahn wieder auferstehen zu lassen. "Somit würde dieses verlassene Gemäuer zum Schallschutz für die noch bewohnten Häuser. Denn die etwa 150 Meter lange Skyline könnte das Herzstück einer ökologisch verträglichen Lärmschutzwand sein."

Ute Hartwig-Schulz, Leiterin des Künstlergutes Prösitz, brachte im Vorfeld des heutigen Gesangswettstreits ihr Unverständnis darüber zum Ausdruck, dass sie vom Ordnungsamt des Landkreises Leipzig einen neunseitigen Auflagenkatalog zugestellt bekam: "Bei unserer Brückenbesetzung handelt es sich um Kunst im öffentlichen Raum und nicht um eine politische Manifestation." Derweil verteidigt Landratsamtssprecherin Brigitte Laux unter anderem das Verbot, am Geländer ein Transparent anzubringen. "Dieses würde die Verkehrsteilnehmer ablenken und gefährden." Im Vorjahr seien bereits 25 Teilnehmer gezählt worden, was nach Versammlungsgesetz einen Ordner nötig mache, so Laux.

Wie klingt die Autobahn eigentlich? Welche Stimmlage hat ein Lkw? In diese Fragen wollen sich die Brückenbesetzer einhören, um anschließend selbst die Stimme zu erheben. Das alles unter Stabführung von Grit Ruhland, die - hört, hört! - bereits den U-Bahn-Chor in Berlin dirigierte. Die Fahrer werden die Mutzschener Sänger mit einem Hupkonzert begleiten und sich frei nach Kurt Tucholsky wundern, denn der eigene Hund macht keinen Lärm, er bellt nur.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 29.04.2015
Haig Latchinian

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