Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Macherner Bürgermeisterin in Bedrängnis

Macherner Bürgermeisterin in Bedrängnis

Machern.

Als Bürgermeisterin Doreen Lieder ihr Amt antrat, war die Stimmung prächtig. Gut gelaunt und mit zahlreichen Vorschusslorbeeren dekoriert startete die 40-Jährige in das Abenteuer Bürgermeistertätigkeit.

Voriger Artikel
Investition am Naunhofer Markt: Langer Weg mit Hindernissen
Nächster Artikel
Steinbauer: "Wir möchten uns bei den betroffenen Mitarbeitern entschuldigen"

Im Mittelpunkt von Diskussionen: Die Amtsführung der Macherner Bürgermeisterin Doreen Lieder sorgt für reichlich Zündstoff.

Quelle: Klaus Peschel

Inzwischen ist es, glaubt man Beobachtern, ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang.

Mit der Amtseinführung der parteilosen Juristin hatten die Wähler viele Hoffnungen verbunden. Nachdem Vorgänger Frank Lange (CDU) eine eher ruhigere Handschrift pflegte, erhoffte man sich von Lieder neue Impulse für die Entwicklung der 6800-Einwohner-Kommune. Doch inzwischen schwelt im Rathaus ein heftiger Konflikt.

Die Amtsführung der Juristin steht in der Kritik. Drei Bedienstete, darunter zwei Amtsleiter, sind seit Monaten erkrankt. Gründe sollen im Auftreten der Rathauschefin gegenüber ihren Mitarbeitern zu suchen sein.

Zwei Dienstaufsichtsbeschwerden zum Agieren der Ortschefin liegen dem Landratsamt vor. An Deutlichkeit lassen sie nichts zu wünschen übrig. Lieder wird darin Mobbing vorgeworfen. Mitarbeiter müssten sich öffentlich von ihr beleidigen und anschreien lassen. Der Arbeitsalltag gleiche mitunter einem Spießrutenlauf. Selbst die Krankheit von Mitarbeitern halte die 40-Jährige nicht davon ab, den Betroffenen Arbeitsaufträge zu erteilen und damit eine weitere Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes in Kauf zu nehmen. Anwalt Daniel Jurochnik, der zwei der Betroffenen vertritt, spricht von einer "konfliktbelasteten Kommunikation" am Arbeitsplatz, die von seinen Mandanten als Diskriminierung empfunden worden sei.

Das Landratsamt ist seit mehreren Wochen involviert. "Die Dienstaufsichtsbeschwerden wurden bearbeitet", erklärte Klaus-Thomas Kirstenpfad, Leiter der Kommunalaufsicht. Die Mitarbeiter würden in dieser Woche Antwort erhalten. "Das Landratsamt hat die vorgetragenen Sachverhalte zum Anlass genommen und intensiv in verschiedenen Gesprächen mit der Bürgermeisterin ausgewertet." Dieser Prozess sei noch nicht abgeschlossen. "Darüber hinaus wurden auch Gespräche mit dem Personalrat der Gemeinde geführt", bestätigt Kirstenpfad.

Die Verwaltung, so beschreiben es Insider, befinde sich in einer Art Schockstarre. Anwalt Jurochnik spricht von "auffälligen Verhaltensweisen", die die Bürgermeisterin an den Tag lege. Nach Schilderung seiner Mandanten vergreife sie sich oft in Ton und Lautstärke. "Meine Mandanten berichteten in diesem Zusammenhang auch, dass die Bürgermeisterin versucht, ihr Organisationsverschulden auf die ihr untergeordneten Angestellten der Gemeinde abzuwälzen. Gefühlsausbrüche wie Weinen und Schreien stünden sehr oft auf der Tagesordnung."

Das Landratsamt glaubt derweil noch an ein gutes Ende: "Ziel ist es, dass sich mögliche Spannungen zwischen der Bürgermeisterin und den Mitarbeitern der Verwaltung auf keinen Fall verfestigen und Maßnahmen ergriffen werden, die das Arbeitsklima im Rathaus verbessern und damit zu einer konstruktiven Zusammenarbeit und einer gesunden Arbeitsatmosphäre innerhalb der Gemeindeverwaltung beitragen", erklärt Kirstenpfad. Über weitere Details könne er aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Angaben machen.

Einige der Betroffenen beurteilen die Situation anders. Anwalt Jurochnik steht inzwischen auch mit der Landesdirektion in Kontakt, um über die Vorgänge im Macherner Rathaus zu informieren.

Kommuniziert wird zwischen Rathauschefin und Mitarbeitern über Anwälte: Gesprächsstoff bieten unter anderem eine Fülle von Abmahnungen, die Doreen Lieder aussprach. "Während den einen Mitarbeiter drei Abmahnungen während seiner Krankheit erreichten, wurde der andere Mandant mit sieben Abmahnungen überzogen", erklärt Anwalt Jurochnik. "Es kann hier nur davon ausgegangen werden, dass es der Bürgermeisterin darauf ankam, durch die Abmahnungen und auch ihre sonstige Amtsführung die Ausgrenzung meiner Mandanten zu erreichen. Sie greift meine Mandantschaft in ihren psychischen, biologischen und sozialen Grundlagen an." Auch offiziell vermittele die Bürgermeisterin die Auffassung: "Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich".

"Durch ihr Verhalten hat nach Auswertung der vorliegenden Arztberichte die Bürgermeisterin die Erkrankungen meiner Mandanten wesentlich verursacht und die krankhaften Zustände durch das Nachschieben der vielen Abmahnungen und Arbeitsanweisungen verstärkt", sagt der Jurist aus Riesa. Einer der Mitarbeiter erwäge weitergehende strafrechtliche Schritte gegen seine Chefin. Auch die Prüfung von Schadensersatzansprüchen gegenüber der Gemeinde behalte man sich vor.

Die Konflikte sind längst nicht mehr unter der Decke zu halten. Die Zerwürfnisse gehen so weit, dass sich auch langjährige Ehrenamtliche von der neuen Ortschefin brüskiert fühlen und das Handtuch geworfen haben. Lieder leistet sich darüber hinaus immer wieder peinliche Fehltritte. Nachbarbürgermeister und hohe Bedienstete des Landratsamtes lässt sie schon mal wie dumme Schuljungen vor der Tür warten. Zuletzt wunderte sich die interessierte Macherner Öffentlichkeit auch über schlecht vorbereitete Ratsvorlagen. Während das Alltagsgeschäft nach Meinung vieler Beobachter leidet, stieß Lieder Vorbereitungen für eine 1000-Jahr-Feier von Machern an - ein Eventmanager stellte schon mal hinter verschlossenen Türen sein Konzept vor. 50 000 Euro sollte der Spaß kosten. Von diesem Plan hat Lieder inzwischen Abstand genommen.

Durch Sprachlosigkeit fiel bis gestern einer der Hauptakteure auf kommunalpolitischem Parkett - die Macherner CDU - auf. Die Christdemokraten hatten die politische Seiteneinsteigerin Anfang des Jahres aufs Schild gehoben und ihre Hoffnungen auf Lieder gesetzt. Dass die gebürtige Machernerin keinerlei kommunalpolitische Erfahrung besaß, interessierte nicht weiter. Mit einem fulminanten Sieg sicherte die zweifache Mutter der CDU beim Urnengang im Februar das Macherner Rathaus. Auch Linkspartei und SPD zeigten ihr Wohlwollen, indem sie auf die Aufstellung eines eigenen Kandidaten verzichteten. Amtsinhaber Frank Lange (CDU) war nicht wieder angetreten.

Auf welchen Rückhalt Lieder in den eigenen Reihen noch zählen kann, scheint derzeit offen. Groß wäre jedenfalls der politische Flurschaden, sollte es zum Äußersten kommen. Beobachter rätseln bereits, welche Konsequenzen die Vorgänge für die Gemeinderatswahl im Mai nächsten Jahr haben.

Prüfergebnisse gab das Landratsamt gegenüber LVZ nicht bekannt. Erst am Donnerstag fand mit Lieder ein weiteres Krisengespräch bei Landrat Gerhard Gey (CDU) statt, bestätigt Behördensprecherin Brigitte Laux. Fest steht: Für etliche ihrer bisherigen Entscheidungen muss sich Lieder vor der Kommunalaufsicht rechtfertigen. Besonders umstritten ist die Einstellung einer Vertretung für einen der erkrankten Amtsleiter. Obwohl Machern zu der Zeit keinen bestätigten Etat hatte, wurde der Arbeitsvertrag mit der neuen Mitarbeiterin geschlossen. Kostenpunkt der Stelle: rund 50 000 Euro jährlich. Normalerweise lässt die vorläufige Haushaltsführung derlei finanzielle Verpflichtungen nicht so einfach zu. Die Einstellung der Bediensteten, erklärt Kirstenpfad, werde derzeit arbeits- und haushaltsrechtlich geprüft. "Eine abschließende Beurteilung ist erst nach eingehender Bewertung möglich", so der Leiter des Kommunal- und Rechtsamtes. Weitere Vorgänge würden intensiv untersucht. Dies betreffe unter anderem auch Geldflüsse im Zusammenhang mit dem ersten Macherner Muldentalfest, das auf Initiative von Lieder auf dem Macherner Golfplatz stattfand.

Vize-Bürgermeister Steinbauer antwortet stellvertretend für Doreen Lieder: „Wir möchten uns bei den betroffenen Mitarbeitern entschuldigen"

„Ob einzelne Mitarbeiter im Rathaus gemobbt werden, mag ich nicht mit Sicherheit bestätigen. Sie dürfen aber davon ausgehen, dass wir uns die Vorwürfe anhören und danach urteilen werden, wir wollen ein intensives Gespräch mit dem gesamten Personalrat führen mit dem Ziel eines ambitionierten Neustartes", erklärte gestern Vize-Bürgermeister Robert Steinbauer (CDU) unter dem Druck der Ereignisse. Doreen Lieder sah sich auf Grund einer Dienstreise in die Partnergemeinde Linden nicht in der Lage, Fragen zu ihrer Amtsführung zu beantworten. LVZ hatte sie am Donnerstagmorgen um Stellungnahme zu den erhobenen Vorwürfen gebeten. Laut Steinbauer habe der Gemeinderat „bemerkt, dass das Arbeitsklima im Rathaus seit geraumer Zeit alles andere als optimal und motivierend ist". Durch die Fülle der Aufgaben und zusätzlichen Anforderungen (Hochwasser, Doppik) seien Verwaltung und Bürgermeisterin immens belastet und gefordert. „Ich denke, sie ist sehr fleißig und gewissenhaft. Zudem möchte sie möglichst viele Probleme auf einmal lösen und mit einer bewundernswerten Gründlichkeit erledigen", so Steinbauers Einschätzung. Da Frau Lieder vor ihrer Tätigkeit als Bürgermeisterin nicht mit dem Rathaus-Alltag vertraut war, habe sie sich in viele Vorgänge erst einarbeiten müssen. „Die Tatsache, dass ihre vorherige Funktion als Beamtin im Sächsischen Immobilien- und Baumanagement (SIB) nichts mit der Führung einer Gemeinde zu tun hatte, war uns und den Wählern bekannt", spricht Steinbauer für die Macherner CDU. „Ich möchte nichts entschuldigen, aber teilweise waren die Aufgaben für sie gänzlich fremd – trotz ihrer juristischen Ausbildung – und sehr komplex." Auch die Bürger, hofft Steinbauer auf Nachsicht, „haben sicherlich Verständnis dafür, dass man nach sieben Monaten Amtszeit kein absoluter Kommunalprofi sein kann." „Natürlich tut es Frau Lieder und auch uns leid, dass scheinbar einige Mitarbeiter gesundheitlich unter der Situation leiden", so der Macherner Vize weiter. „Wir möchten uns bei den betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in aller Form entschuldigen und wünschen Ihnen eine gute Besserung." Daniel Jurochnik ist angesichts dieser unverhofften Wendung sprachlos: Noch zu Wochenbeginn habe es ein Treffen mit dem Rechtsanwalt der Gemeinde gegeben, in dem andere Töne angeschlagen wurden. „Dort war die Botschaft, dass einer meiner Mandanten freiwillig auf seinen Arbeitsplatz verzichten soll. Als wir dies abgelehnt haben, hieß es, dann müsse man halt ausloten, wer den längeren Atem habe und sich vor Gericht treffen."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 30.11.2013

Simone Prenzel

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Grimma
  • LVZ-Kreuzfahrtmesse
    Infos zur LVZ-Kreuzfahrtmesse

    Kommen Sie an Bord: Am Sonntag, 22. Oktober 2017, laden LVZ und Vetter Touristik zur 1. Kreuzfahrtmesse in das LVZ Verlagsgebäude ein. mehr

  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • Leserreisen
    Leserreisen

    Kreuzfahrt in der Karibik, Städtetour durch die Toskana oder Busreisen in Deutschland - die Leserreisen der LVZ bieten für jeden Anspruch genau das... mehr

  • LVZ-Fahrradfest 2017
    Logo LVZ-Fahrradfest

    Das 13. LVZ-Fahrradfest lud am 14. Mai 2017 wieder Radler ein, gemeinsam in die Pedalen zu treten. Fotos, Videos und Infos finden Sie in unserem Sp... mehr

20.10.2017 - 07:15 Uhr

Oberliga: Der Aufsteiger empfängt den Vorjahresdritten, und seine Fans haben das Stadion auf Vordermann gebracht.

mehr
  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Jahrtausendflut 2002

    Entlang von Mulde, Elbe und Pleite brach im August 2002 eine verheerende Flutkatastrophe herein. Die LVZ zeigt eine Bestandsaufnahme. mehr

  • Sparkassen Challenge
    Logomotiv der Sparkassen Challenge 2017

    "Sport frei!" heißt es auch 2017 bei zahlreichen Wettkämpfen der Sparkassen-Challenge. Alle Events mit vielen Fotos finden Sie hier! mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr