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Mauer schottet Grimma ab

Mauer schottet Grimma ab

Die Grimmaer haben sich an die Dauerbaustelle entlang der Mulde längst gewöhnt. Bereits seit 2007 dauern die Arbeiten für den Hochwasserschutz in Grimma an. Während bislang weitgehend im Verborgenen unter der Erde gebaut wurde, sind die Macher des bislang einzigartigen Systems vor wenigen Wochen aufgetaucht.

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Baustelle an der Großmühle: Die Außenmauern des fast zehn Meter breiten Tores stehen bereits. Hier wird ein metallenes Schwenktor eingehängt.

Quelle: Andreas Röse

"Die ersten 350 Meter der Hochwassermauer stehen", sagte Thomas Zechendorf, Projektleiter Mulde bei der Landestalsperrenverwaltung des Freistaates Sachsen. Damit meint der Ingenieur jenen Teil der Mauer, der entlang der Gebäude am Muldeufer und an der historischen Stadtmauer entstehen soll. Aufsehen bei Einheimischen und Besuchern erregt derzeit ein neues Stadttor an der Großmühle. Das stählerne Schwenktor mit einer Durchfahrtsbreite von 9,50 Metern erhebt sich über der Straße in die Altstadt und macht im Hochwasserfall die Schotten dicht. So verändert die Mauer, die historische Gebäude zum Teil integriert, aber auch verblendet, das Gesicht der Stadt.

Nach dem verheerenden Augusthochwasser von 2002 haben die geplanten Baumaßnahmen eine heftige Diskussion um einen wirksamen Schutz gegen erneute Überflutungen der Innenstadt ausgelöst. In jenem Sommer hatte die Mulde bis zu 3,50 Meter hoch im historischen Stadtkern gestanden und Schäden in dreistelliger Millionenhöhe verursacht. Schnell hatten Experten eine Mauer parallel zur Bebauung von Grimma ins Gespräch gebracht. "Aber Grimma steht auf einem schwierigen Untergrund", erklärte Zechendorf. Aufgrund der Tallage der Stadt nehmen Quellwasser von den umliegenden Hängen und Regenwasser den natürlichen Weg über Grundwasserleiter unter der Stadt in die Mulde. Die unterirdische Dichtwand hätte die natürliche Fließrichtung gestoppt. Der dadurch steigende Grundwasserspiegel hätte Grimma gefüllt wie ein See. Um das zu verhindern, wurde eine in dieser Form einzigartige Lösung gefunden. Eine sogenannte unterirdische Grundwasserkommunikation ermöglicht es, dass die Mauer bei normalen Pegelständen durchlässig bleibt, im Hochwasserfall die Schotten dicht macht.

"Die Bohrungen sind fast abgeschlossen", sagte Zechendorf kürzlich bei einer Baustellenbegehung. Nur noch in einem von acht Brunnen entlang des Muldeufers sind Vortriebspressen aktiv, um in acht bis zehn Metern Tiefe horizontale Filterstränge in die Erde zu bohren. Wie bei einem Fächer aneinandergereiht wurden für jeden Brunnen vier bis sechs Stränge von 40 Metern Länge unter der Stadt in den Grund getrieben. In ihnen wird das Grundwasser gesammelt und über die Brunnen in die Mulde abgeführt. "Das passiert alles im Freispiegelabfluss, aufgrund der unterschiedlichen Wasserstände", so der Experte. "Ein dauerhaftes Pumpen ist nicht erforderlich." Die Brunnen seien außerdem mit Messtechnik und Sensorik ausgerüstet. Sollte der Muldepegel den Grundwasserstand übersteigen, dann schließt eine Rückschlagklappe. "Es dauert circa 20 Tage, bis Grimma durch das Grundwasser volllaufen würde", sagte Zechendorf. Ein Hochwasser ziehe sich Erfahrungswerten zufolge etwa nach zehn Tagen zurück. "Wir greifen auf belastbare Daten über das Grundwasserverhalten zurück, die sich aus einem seit 2005 betriebenen Grundwassermessnetz speisen", versicherte Zechendorf.

Während der Brunnenbau bis Herbst dieses Jahres abgeschlossen sein soll, zieht sich der Mauerbau voraussichtlich noch einige Jahre hin. Die unterirdische Bohrpfahlwand muss zwar nur noch durch einzelne Abschnitte, etwa an der Großmühle und am Gymnasium, komplettiert werden. Aber die künftig in großen Teilen sichtbare Wand über Tage steht erst zu einem Drittel. Bereits gebaut, fürs Auge dennoch unsichtbar, verschwindet die wasserundurchlässige Wand in den Fassaden der Alten Amtshauptmannschaft und des Grimmaer Schlosses. In diesen zwei von vier öffentlichen Gebäuden ist der Schutz bereits integriert. Auf der Distanz zwischen Bootshaus bis zur Klosterkirche wird in den nächsten Monaten eine Stahlbetonmauer mit Natursteinen verblendet vor die jetzige Stadtmauer gesetzt. Dabei werden bestehende Öffnungen geschlossen und eine neue integriert. "Das meiste Geld ist aber in die Schutzanlagen unter der Erde geflossen", so Zechendorf. Rund 40 Millionen Euro investiert der Freistaat in den Bau.

Nachdem der Hochwasserschutz über der Erde angelangt ist, regt sich erneut auch Widerspruch gegen das Projekt. "Man ist dabei, einen Fehler zu machen", stellte Markus Dutschke fest. Als neuer Besitzer der einst florierenden Etuifabrik ist ihm die Mauer vor seinem Gebäude ein Dorn im Auge. "Damit wird das Kulturdenkmal für immer verschandelt", kritisierte der Unternehmer, der das Gebäude im vorigen Jahr bei einer Zwangsversteigerung erwarb. Er will nicht akzeptieren, dass Kellerfenster verschlossen werden und das Erdgeschoss hinter der Schutzwand verschwindet. "Ich werde dagegen kämpfen", kündigte er an.

Der Auftraggeber, der Freistaat Sachsen, lässt am Fortgang der Arbeiten am Grimmaer Hochwasserschutz keinen Zweifel. "Wir haben Baurecht", sagte Zechendorf. Im Rahmen eines Planfeststellungsverfahrens seien alle Widersprüche abgewogen worden. In einigen Jahren soll der komplexe Hochwasserschutz für Grimma stehen. Doch erst wenn alle Perlen entlang der Kette aneinandergereiht sind, wird die Mauer geschlossen.

 

 

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 29.05.2013

Birgit Schöppenthau

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