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Grimma Maxens Palme: Ein Hauch Riviera aus Cannewitz geht um die Welt
Region Grimma Maxens Palme: Ein Hauch Riviera aus Cannewitz geht um die Welt
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01:30 02.06.2018
Original: Max Schwarze mit seiner Martha inmitten der Palmen im heimischen Garten. Quelle: privat
Cannewitz

Palmen gibt es inzwischen im Landkreis Leipzig wie Sand am Meer. Das war nicht immer so. Es gab Zeiten, da galten sie noch als echte Rarität. Anders in Cannewitz. Das Dorf bei Grimma ist seit 80 Jahren eine heimliche Palmenoase.

Den Boden dafür bereitete unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges Max Schwarze. Er reiste gern und brachte von seiner Italien-Fahrt eine Palme mit. Deren Senker verteilte er weiter. An Nachbarn, Freunde, Bekannte. Mit dem Ergebnis, dass man sich schon damals selbst im winterlichen Cannewitz beinahe in den Tropen wähnte. „Maxens Palmen“, so nennen die Einheimischen die exotischen Gehölze, halten Temperaturen von bis zu minus fünf, manche behaupten sogar bis zu minus 15 Grad Celsius stand.

Einst brachte der Cannewitzer Max Schwarze eine Palme aus dem Urlaub mit. Die sorgte für unzählige Senker, die als Zeichen der Friedensliebe an Freunde und Verwandte verschenkt wurden. So war und ist Cannewitz die heimliche Palmen-Riviera des Landkreises Leipzig.

Auch Molkereibesitzer Max muss aus besonderem Holz geschnitzt gewesen sein. Bei ihm galt der Spruch „Milch macht müde Männer munter“ nur bedingt: „Nach Feierabend war er oft mit der Bimmelbahn ins Deutsche Haus nach Nerchau gefahren, um sich ein Bierchen zu genehmigen“, erinnert sich sein ältester Enkelsohn Helmut Schwarze.

Der 86-Jährige lebt inzwischen im Heim in Trebsen, wohnte noch bis vor kurzem in der Cannewitzer Villa, in der sein kultiger Großvater Max bis zuletzt zu Hause war. Heute ist dort Urenkel Mario (55) ansässig und kümmert sich mit grünem Daumen um all die botanischen Sprösslinge seiner Vorfahren. Max Schwarze, ein Original! Seinen Lebensmut bewahrte er sich auch in der Weltwirtschaftskrise. Als damals die Firmen reihenweise pleite gingen, hat sich Max trotzig eine eigene Molkerei im Dorf gebaut.

Maritta und Horst Schwarze aus Cannewitz inmitten ihrer Palmen. Quelle: Haig Latchinian

„Wenn es ihm gelungen war, mal zwei Stück Butter zu verkaufen, spannte er die Pferde an und fuhr nach Schmorditz, um sich Ziegel für seinen Bau zu holen“, erzählt Enkel Horst Schwarze (80), der im Garten zusammen mit seiner Maritta etliche Prachtexemplare von Maxens Palme gießt und früher selbst in der Familien-Molkerei gearbeitet hatte.

Sein Bruder, Helmut Schwarze, bekam die Leitung der Familien-Molkerei 1967 von seinem Vater Albert übertragen. Noch lange war er stolz darauf, dass sich die 1970 rekonstruierte Cannewitzer Molkerei fortan auf Sauermilchquark spezialisierte, damit nicht nur den Otterwischer Käse weithin bekannt machte, sondern zudem elf Jahre lang in die BRD exportierte.

Helmut Schwarze im seinem Cannewitzer Palmengarten. Quelle: Frank Schmidt

Und das, obwohl der Betrieb inzwischen der Molkereigenossenschaft Leisnig angeschlossen war. „Wir wirtschafteten also nicht mehr in die eigene Tasche, waren aber dennoch regelmäßig Betrieb der ausgezeichneten Qualitätsarbeit geworden“, betont Helmut Schwarze.

1990 musste der Betrieb schließen. Zurück blieb alles andere als verbrannte Erde. Die Palmen, und das war das Allerwichtigste, sie lebten! In Cannewitz und den benachbarten Orten. Lebendig blieb somit auch das Andenken an Max Schwarze, den die Dorfbewohner lange Zeit für den zweiten deutschen Italien-Reisenden nach Goethe hielten. Wie durch ein Wunder hieß seine 1995 verstorbene Schwiegertochter ausgerechnet Flora.

Gunda Radszun gehört zu den stolzen Palmenbesitzern. Quelle: Haig Latchinian

Sie spielte eine zentrale Rolle bei der Weiterverbreitung der Ableger von Maxens Ur-Palme. Die heute 77-jährige Gunda Radszun aus Cannewitz weiß noch genau, dass sie von eben dieser Flora zum 40. Geburtstag eine kleine Palme geschenkt bekam. „Ich hatte in der Kaufhalle gearbeitet.

Flora war eine gute Kundin von uns. Wir verstanden uns prima.“ Mit ihrem Mann Günter (84) musste Gunda Radszun inzwischen den Bestand an Palmen altersbedingt etwas ausdünnen: „Na ja, im Winter kommen die Blumenkübel in die Scheune – das ist immer eine ziemliche Schlepperei.“

Die Cannewitzerin Christa Donner schenkt LVZ-Redakteur Haig Latchinian einen Spross von Maxens Palme. Quelle: privat

Ohnehin haben die Eheleute viele Senker verschenkt, auch an Familie Oeser im thüringischen Blankenstein. „Dort gedeihen die Palmen ebenfalls gut.“ Michael Lehmann (58), Hausmeister vom Bürgerzentrum Nerchau, ist sich sicher: „Früher muss es ein Zeichen besonderer Wertschätzung gewesen sein, von Flora ein solches Gewächs zu bekommen. Meine Mutter Anita hatte damals in der Molkerei der Schwarzes gearbeitet. Auch ihr überreichte Flora zum 40. Geburtstag eine Palme.“

Übrigens, Michael Lehmann verschenkte all die Jahre eifrig Ableger. Nicht ohne Stolz ergänzt er: „Maxens Palmennachwuchs gedeiht inzwischen sogar in der Nähe von Schloss Neuschwanstein.“

Von Haig Latchinian

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