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Grimma Minus 15 Grad Celsius: Mieter in Grimma zittern um die Wette
Region Grimma Minus 15 Grad Celsius: Mieter in Grimma zittern um die Wette
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00:33 03.03.2018
Die 86-jährige Mieterin Christine Schilde sitzt gut eingemummelt in ihrer kalten Wohnung. Quelle: Frank Schmidt
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Grimma

Sie ist alles andere als eine Mimose. Einst war die Mutter dreier Kinder couragierte Kranführerin und noch dazu als Volkskorrespondentin der LVZ bei Wind und Wetter hart im Nehmen. Was die 86-jährige Christine Schilde jedoch in der zurück liegenden kältesten Nacht des Jahres erlebte, lässt ihr die Backen „dicke werden“, wie sie es sagt. Und das nicht etwa deshalb, weil sie beim Zahnarzt war: „Ich kam also durchgefroren vom Zähneziehen, wollte mir die Hände an der Heizung wärmen, da war die doch tatsächlich eiskalt.“ Ein Mann sei da gewesen, so die Mitmieter, und habe im Keller des schmucklosen Mehrfamilienhauses Lausicker Straße 12 das Gas abgestellt – „ohne vorherige Bekanntmachung“, schüttelt die Dame den Kopf. Genau wie die anderen drei Mietparteien zitterte auch sie einen Tag und eine ganze Nacht in ihren vier Wänden. Besorgt war sie nur um einen: ihren Kater Max, dessen Körbchen sie mit dicken Decken auslegte.

Christine Schilde wärmt sich und Kater Max. Die Heizung springt nicht an, die Gaszufuhr wurde zugedreht. Quelle: Frank Schmidt

Tochter Kathrin Weber ist außer sich vor Wut: „Die alten Leute mussten schon einmal eine Mieternotgemeinschaft bilden, als ihnen das Wasser abgedreht wurde. Nun langt es aber. Es ist eine Schande, was man ihnen zumutet. Meine Mutter wohnt seit 46 Jahren in dem Haus – so etwas aber hat es nie zuvor gegeben.“

Haus steht unter Zwangsverwaltung

Lutz Kunath, Geschäftsführer des Versorgungsverbandes Grimma-Geithain, ist die Lausicker Straße 12 ein Begriff: Weil der Eigentümer der Immobilie, die Saks Invest GmbH, die Rechnungen nicht beglich, mussten die treu zahlenden Mieter sowohl 2015 als auch 2016 eine Zeit lang ohne Wasser auskommen. „Erst nach mehrfacher Mahnung kam der Vermieter seinen Pflichten nach, bis er die Zahlung vollständig einstellte und nicht mehr erreichbar war“, sagt Kunath. Daraufhin schlug er den Mietern eine Notgemeinschaft vor. Und: Sie funktioniere. Fortan überwiesen die Bewohner das Geld direkt an den Versorger. Nach einem Beschluss des Amtsgerichtes steht das Haus seit April 2017 unter Zwangsverwaltung.

Die Leipziger Kanzlei CMS von Rechtsanwalt Björn Frische springt zumindest zwischenzeitlich als „Quasi-Eigentümer“ ein. Die Zahlungen gingen bei ihm jederzeit fristgemäß ein, bestätigt Geschäftsführer Kunath. Auch Sachbearbeiter Christian Knifka von Seiten der Zwangsverwaltung versichert: „Sowohl beim Wasser als auch beim Gas gibt es keinerlei Rückstände. Daher waren wir entsetzt, als wir hörten, dass man den alten Leuten das Gas abgedreht hat – und das ausgerechnet in der größten Kälte. Abgesehen davon, dass Menschen so etwas nicht zuzumuten ist, könnte ja auch das gesamte Heizungssystem beschädigt werden. So etwas habe ich in 16 Berufsjahren noch nicht erlebt!“ Rechtsanwalt Björn Frische setzte sich sofort mit Mitgas in Verbindung, worauf das Gas inzwischen anliegt und die Mieter langsam wieder auftauen.

Missverständnis beim Gasversorger

Auf LVZ-Nachfrage führt Mitgas-Sprecherin Cornelia Sommerfeld ein Missverständnis ins Feld: „Hintergrund der erfolgten Sperrung ist die Insolvenz der Vertragspartnerin, die uns im September angezeigt wurde. Daraufhin wurde für das Kundenkonto die Schlussrechnung veranlasst. Von der Insolvenzverwaltung wurde uns eine Person benannt, die Mitgas seitdem als verantwortlichen Kunden für die Zahlungen unter einer neuen Kundennummer führte. Unter dieser Kundennummer konnten wir jedoch keinen Zahlungseingang feststellen.“ Der inzwischen bestellte Zwangsverwalter hatte davon offenbar keine Kenntnis und die Abschläge der Mieter auf das alte, bereits geschlossene Kundenkonto weiterüberwiesen, so die Mitgas-Sprecherin.

Die 86-jährige Christine Schilde kann da nur abwinken: „Fakt ist doch, wir Mieter zahlen artig und müssen dafür büßen. Eine Schande! Früher wäre so was nicht passiert. Da hatten wir noch Öfen und konnten mit Kohle heizen.“ Nach LVZ-Informationen soll das Haus am 13. Juni zwangsversteigert werden. Ein möglicher neuer Eigentümer – für die Mieter keine beruhigende Nachricht.

Von Haig Latchinian

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